Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 50 (9.12.1868)
- Date
- 1868-12-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447343-2447391--06710-2462279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
931 sich auf das Gesetz der Republik berief, nach welchem Lei einem Glaubenswechsel von Minderjährigen die Einwilligung der Eltern erforderlich ist. Der Bischof ist beim obersten Gerichtshof darum eingekommen, den jungen Johnson für volljährig zu erklären, damit er der Segnungen der Kirche theilhastig werde. Der „Board of Delegates“ in Amerika wird sich der Sache annehmen und hoffen wir, daß auch die „All. Jsr. Univ." und der „Board of Deputies“ in England sich den Bemühungen desselben anschließen werden, um einer tiefbetrübten Mutter den geliebten Sohn zurückzuführen. (Iew. Record.) Afrika. Die Niederlassung von Jsraelüen auf der Insel Madagaskar, die bisher durch den Einfluß der Missionäre verhindert worden war, ist nunmehr erlaubt, und bereits habm sich amerikanische Juden daselbst ansässig gemacht. (Iew. Record.) Australien Ballarat. Der „Ballarat Star" vom 28. Sept., der uns von befreundeter Hand zugeschickt worden, spricht in einem größer» Artikel von der Feier des Versöhnungstages von Seiten der dortigen Israeliten und lobt besonders die so gehaltvollen Predigten des Rabbiners I. M. Gold reich. Feuilleton. Eine Seder-Macht in Madrid. (Fortsetzung.) II. Der vierzehnte Tag des Monats Nissan ging zu Neige; schon vergoldete die untergehende Sonne mit ihren letzten Strahlen die hohen Platanen in Don Antonios großem, am Wohnhause belegenem Garten, als der Hausherr seinen Gast aufforderte, mit ihm im Garten zu lustwandeln. Dort angekommen, führte Don Antonio seinen neugewonnenen Freund in einen von Obstbäumen dichtbeschatteten Gang, an dessen Ende eine Thüre sich befand. Don Antonio öffnete die Thüre, von der aus eine schmale, finstere Treppe in einen weiten Raum hinunterführte; hier machte Don Antonio Licht und zündete eine von der Decke hcrabhängende achtarmige Lampe an. ES war ein unterirdisches, aber mit allem Comfort ausgestattetes Gewölbe, in welchem sich die Beiden befanden. An den Wänden hingen Bilder, Ereignisse und Personen aus der biblischen Geschichte darstellend. In der Mitte des Gewölbes stand ein mit schneeweißem Linnen gedeckter Tisch; auf ihm stand eine prachtvolle, silberne Sederschüffel mit allem zum Seder Erforderlichen. Es war für fünf Personen gedeckt, denn auch ein alter Diener des Hauses, Alonzo, sollte am Seder Theil nehmen; neben jedem Gedecke stand eine Weinflasche und ein silberner Becher; außer diesen war noch ein großer, silberner Becher für den Propheten Elijahu bereit gestellt. Wiewohl die Lampe schon Helle genug verbreitete, warteten noch vier silberne mit Wachskerzen besteckte Leuchter der Hausstau, an welchen diese die Festeslichter anzünden sollte. Während Antonio und Perez das Minchahgebet verrichteten, waren auch Donna Maria und Donna Speranza mit dem alten Alonzo eingetreten. Man sprach das Abendgebet, Donna Maria zündete die Lichter an und dann setzte man sich zur Tafel. In gehobener Stimmung begrüßte man das hohe Fest beim vollen Becher mit dem Kidduschsegen. Dann wusch sich der Hausherr, vertheilte das in Salzwasser getunkte Petersilienkraut und begann die Hagadah zu verkünden, mit den einleitenden Worten: Dies ist das Brod des Elends, das unsere Väter in Egypten gegessen. Zum zweiten Male wurden die Becher gefüllt. Es sollte nun die Frage gestellt werden: „Wie unterscheidet sich diese Nacht von allen andern Nächten?" Aber der Hausherr sprach zuvor: „O, meine Theuren, ich kann die frohe Feier ob der Befreiung unserer Vorfahren aus der Sklaverei Egyptens nicht eher beginnen, bis ich dem Schmerze um unsere traurige Lage in der Gegenwart Ausdruck gegeben; nicht allein, daß wir öffentlich ein Leben der Heuchelt und der Verstellung führen, daß wir öffentlich der Lüge leben müssen, und um der Wahrheit zu dienen, genöthigt sind, uns in die geheimsten Schlupfwinkel zu verkriechen — wir werden auch verfolgt und gehetzt, mißtrauisch bewacht und müssen in steter Angst vor dem schleichenden Verrathe zittern. O, daß mein Großvater hinfortgezogen wäre, da es Zeit war! Lieber arm und elend, frei und offen der Wahrheit leben, als im Reichthum stets in Furcht zu sein um das immerwährend bedrohte Leben! Doch es ist einmal so, und wir, die wir in diesen Zustand ohne unser Verschulden gerathen sind, müssen uns dem Zwange fügen. „Ich hatte einen Großoheim," fuhr er zu Perez gewendet fort, „welcher in Bezug auf unser unglückliches Geschick, auf die Vertreibung der Juden aus Spanien, ein hebräisches Gedicht verfaßt hat, das wie die Hagadah mit den Worten: „Mah Nischtannah" beginnt. Cö ist Brauch in unserer Familie, dieses Lied am Sedertifche zu singen." Dann begann er nach einer traurigen, herzergreifenden Melodie das hier folgende Lied zu singen, in dessen Refrain Frau, Tochter und der alte Alonzo einstimmten :