Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1868-12-09 · Heft 50 (9.12.1868) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 50 (9.12.1868)
Date
1868-12-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447343-2447391--06705-2462274
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

926 ahmung der Griechen namentlich bei den Reichen und den Gebildeten, die über die Intelligenz und die Mittel verfügten, zum „guten Tone." Da strebte „der Fortschritt" dahin, die gute, alte Lehre mit der neuen, schönen, fröhlichen der „Götter Griechenlands" zu vertauschen' Hei, war das eine lustige Lehret Ungebunden der Mensch, nur dem Gesetze i(?) der Klugheit unterworfen! Was wir Sittlichkeit nennen, kannte das Griechenthum nicht; Ehebruch, Blutschande, Unzucht waren erlaubte Dinge, Hetären und schöne Knaben dientm selbst ernsten Philosophen zur Lust und Erholung; das waren ganz unschuldige Vergnügungen, welche die Dichter besangen und die angesehensten und — nach griechischen Begriffen — lügenhaftsten Männer offen trieben; die griechische Redlichkeit und Treue sind für ihr Gegentheil sprichwörtlich geworden. Aber „schön" war das Griechenthum; eine schöne Sprache, feine, gebildete Manieren, liebliche Dichter, große Maler und Bildhauer, anmuthige Tänzer und Tänzerinnen — daö Alles zeichnete die Griechen vor andern Nationen aus; auch gelehrt war diese Nation; sie brachte die größten Philosophen, Redner, Geschichtschreiber und Naturforscher hervor. Und das Iudenthmn? Keine Bildhauer und Maler, keine Tänzerinnen und Hetären gab eS in Judaea; dagegen ein strenges Gesetz, das Unzucht verpönte, Ehebruch mit dem Tode bestrafte, das all die lieblichschönen Bilder der Götter und Göttinnen verabscheut wissen wollte. O, diese Reichen und Gebildeten, die mit vornehmen Griechen Umgang pflegten, die mit der Zeit fortschreiten, dem Zeitgeiste huldigen wollten — ja, konnten, durften sie festhalten an dem alten,' starren „Buchstaben" des jüdischen Gesetzes? Das schöne Griechenthum, so verlockend, so sinnerquickend, so geistig anregend — und das Judenthum, daS bei jedem Schritte ruft: „das darfst du nicht!" und das in vielen Fällen nicht einmal dein „Warum?" beantwortet! Wie Viele ließen sich da verlocken! Als dereinst unsere Väter in Egypten in Gefahr waren in egyptische Abgötterei und Unzucht zu versinken, da führte Gott Seine Heerschaaren zur rechten Zeit heraus aus dem Lande der Knechtschaft und brachte sie au Seinen heiligen Berg, um ewiges Leben in sie zu pflanzen. Als dann unsere Vorfahren im heiligen Lande den Völkern ringsumher nachahmten, da verbannte sie Gott nach Babylon, um sie in der Verbannung sich selbst wiederfinden zu lassen, und als daö geschehen, da pflanzte er sie aufs Neue ein im heiligen Lande. Der Zusammenstoß des Zudenthums mit dem Hellenismus war für das erstere der gefährlichste. Was sollte siegen: die Schönheit oder die Wahrheit, die Sinnenlust oder die Tugmd? Schon schien das Zudenthum verloren, da erweckte Gott die heiligen haSmonäischen Priester zum Kampfe und verlieh ihnen den Sieg, und die CHanukah-Lichter leuchten noch heute als Denkmal des Sieges. Merkwürdig! mit allen weltbeherrschenden Culturvölkern ist Israel zusammengestoßen und jeden Zusammenstoß bezeichnet ein Fest. Das Peßach-Fest feiert den Sieg über das alte Aegypten, den Sieg über das babylonifch-medisch-persische Weltreich bezeichnet das Purimfest, Chanukah läßt uns aufjubeln im Siege über das Griechenthum, aber den Zusammenstoß mit der weltbeherrschenden Roma bringt uns die Trauer des 9. Ab in Erinnerung! Rom war der Erbe des Griechenthums, und durch es ist der Kampf dagegen aufs Neue entbrannt und dauert noch heute fort. Was ist denn die moderne Cultur und Bildung anders als Griechenthum? Sieh Dir nur die Namen an, mit denen Du die Errungenschaften der Gegenwart bezeichnest, sie sind alle griechisch: Poesie und Philosophie, Physik und Mathematik, Theologie und Geographie rc. rc. Doch Namen sind nur selten wesentlich, aber auch das Wesen ist griechisch; es gibt keine Philosophie, die nicht griechischen Ursprungs wäre, in der Dichtung, im Drama, in der Lyrik, im Epos herrschen die griechischen Gesetze und die griechischen Vorbilder, ebenso in der Malerei und in der Bildhauerkunst — und was nicht griechisch ist, ist römisch, und das Römische ist nur der verwässerte Abklatsch des Griechenthums. Und derselbe Gegensatz wie zur Mackabäerzett tritt noch heule zu Tage, und dieselbe Lockung ist's: Hier Ungebundenheit in sittlicher und religiöser Beziehung, dort daS strenge Gesetz; hier all der Flitter der Schönheit: Bildung, Anmuth, Feinheit, Lieblichkeit, raffinirter Sinnenreiz, Kunst, Wissenschaft im Dienste der leiblichen Lust — dort Wahrheit und Tugend. Und wiederum ist eine Zeit angebrochen wie damals, und Iuda's Söhne und Töchter verlassen daS strenge Gesetz, um all den schönen Flitter des Hellenismus einzutauschen. Aber meint Ihr denn, Ihr könntet Euch loSlösen vom alten Glauben, von der alten Sitte, vom alten Gotte? Ihr könnt's nicht! Es hat einen harten Kampf gegeben und wird vielleicht in der nächsten Zukunft einen noch härteren geben; aber das Zudenthum wird siegen. Wie unsere Väter dereinst den Hellenismus überwunden haben, so werden auch wir die modernen Verlockungen überwinden, und die Chanukah-Lichter legen Zeugniß ab dafür, daß das Griechenthum überwunden werden kann. Wie aus den HaSmonäischen Siegen die alte Treue und die alte Gottesfurcht wieder neu emporwuchs, so wird auch in unserm Zeitalter das

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.