Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 49 (2.12.1868)
- Date
- 1868-12-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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912 tft’S Eltern gestorben und hatten dem einzigen Sohne ein schönes Haus und herrlichen Grundbesitz Hintersassen; ein Nachbar wollte die köstlichen Weingärten Morteira'S erwerben; dieser aber weigerte sich, das Erbe seiner Väter zu verkaufen. Da klagte ihn der Nachbar des heimlichen IudenthuwS an. Doch Perez hatte Freunde unter den Inquisitoren; er wurde zeitig gewarnt und als „die heilige Hermandad" *) — so nannte man die Schergen des Inquisitionsgerichtes — zur Hausthüre hereinkam, entfloh Perez durch ein Hinterpförtchen, nachdem er sein baares Geld zu sich gesteckt hatte. Es war eine milde Frühlingsnacht, in welcher Perez eilig entfloh, all das zurücklassend, um dessentwillen einst jein Urgroßvater den Glauben Israels abgeschworen hatte. Wohin sollte der Unglückliche sich wenden, um sein Leben zu retten? Er beschloß, nach Madrid zu gehen. Vielleicht konnte er sich dort bei irgend einem Marannen verborgen halten, bis es ihm möglich würde, das Land zu verlassen. Am 13. Tage des Monats Nissan mit dem Morgengrauen kam Perez in Madrid an; am Abend des folgenden begann das heilige Pcßachfest! — Perez wagte es nicht, ein Haus zu betreten; auf der Straße sandte er sein heißinniges Morgengebet zu Gott empor. Unterdeß belebten sich die Straßen der spanischen Hauptstadt. Gemüsehändler kamen vom Lande herein und brachten ihre Waaren zu Markt. Ihnen folgte Perez nach dem Marktplatze, ohne zu wissen warum. Da zog ein feingekleideter Herr seine Aufmerksamkeit auf sich, welcher von einem Diener gefolgt, allerlei Einkäufe machte: Petersilie, Lattig und Meerrettig. Wie ein Blitz schoß es Perez durch den Kopf: Sollte dieser Herr ein heimlicher Jude sein, welcher seine Einkäufe für den Sedertisch besorgte? Sollte er bei ihm eine Zuflucht suchen? Aber, wenn der Unglückliche sich getäuscht, wenn es nur Zufall war, daß dieser Herr jene Kräuter gekauft hatte, wenn er vielleicht gar einem bigotten Katholiken in die Hände siele, der sich ein Verdienst daraus macken würde, einen Juden dem Scheiterhaufen zu überliefern? So zagte und bangte Perez; allein es blieb ihm keine Wahl. Nickt weit vom Marktplätze hielt eine Equipage, in welche der Herr mit den eingekauften Waaren stieg, während der Diener sich auf den Bock setzte. Hurtig *)' Die heilige Hermandad war ursprünglich ein Städterund nach Art der deutschen Hansa, um ibre Mitglieder gegen Landfrirdenbruch zu schützen; später verlor sich diese Bedeutung: die Ditner der heiligen Hermandad standen dann im Dienste des Staates und wurden von düsen^der Inquisition zur Verfügung gestellt. schwang sich Perez aus den Hintersitz, und fort rollte der Wagen durch viele große und kleine Straßen, bis er vor einem palastähnlichen Hause anhielt. Rasch sprang Perez von seinem Hintersitze und stellte 'ick demüthig an den Wagenschlag. „Herr," sprach er zu dem Aussteigenden, „vergönnt mir, Euch in Euer Haus zu folgen; ick babe Euch eine wichtige Mittheilung zu machen." Der Herr mckte bejahend und Perez folgte ihm. Prächtige Stufen ging es binauf in das HauS, und durck eine köstlich geschmückte Vorhalle, eine mit kostbaren Teppichen belegte Marmortreppe hinauf, in das Zimmer des Hausherrn. Als Perez eingetreten war, erblickte er, gerade der Thüre gegenüber, fast die ganze Wand bedeckend, das Bild des Stifters der christlichen Religion. Das brachte ihn so in Verlegenheit, daß er keines Wortes mächtig war. „Was wünschet Ihr?" fragte ihn der HauSberr. Perez faßte sich mit Mühe. „Herr," sprach er zitternd, „ich sah Euch Bitter kräuter kaufen für den morgigen Abend!" Der Hausherr erblaßte. „Ha," rief der zornfunkelnd, „Ihr wollt Geld von mir erpressen, wollt mir mit einer Klage beim Jnquisitionsgerichte drohen! Allein Ihr irrt Euch! Man kennt mich als einen viel zu guten Christen, als daß man solchen Verdächtigungen Gehör geben würde!" Perez stürzten die Thränen aus den Augen. „Nicht doch, nicht doch," rief er weinend, „ick bin gekommen, mich Euch anzuvertrauen — ick bin ein flüchtiger, verfolgter Maranne!" Da ging eine plötzliche Veränderung in des Hausherrn Zügen vor; er eilte auf Perez zu und sckloß ihn in b:e Arme. „Seid mir gegrüßt," ries er, „mein Freund, mein Bruder! Bleibt bei mir, Ihr seid sicher in meinem Hause. Genießet mit mir von den Kräutern, die Ihr mick habt kaufen sehen. Kol dizirich jeße wesiphßach! Feiert das Peßack bei mir froh lind in Sicherheit." — Don Antonio bei Banc'o, so hieß der Hausherr, hatte nichts Eiligeres zu thun, als seinen Gast seiner Familie vorzustellen, die aus Frau und Tochter bestand. Donna Maria del Vanco hing mit Leib und Seele am Iudenthume, und in demselben Geiste hatten sie ihre Tochter Speranza erzogen: beide freuten sich des Gastes und waren glücklich, zu seinem Schutze, zu seiner Rettung beitragen zu können. Aus der Tiefe seines Herzens dankte Perez dem Allgütigen, der ihn so wunderbar geführt batte. (Fortsetzung folgt.) Hierpr Zwei Betrag»«. Verantwortliche Redaction: Di-. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hvsbuchhandlung. — Dampf * Schnellpreffendruck von I. VottSleben in Mainz.