Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1868)
- Date
- 1868-11-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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892 * Paris auch nicht eine Minute; einige Tage später stand ihm sein treues Weib wieder zur Seite, und der praktische Siun des erfahrmen Financiers hat sich vielleicht zu keiner Zeit kräftiger gezeigt und für das Allgemeine nützlicher bewährt als in diesen Tagen, wo alles den Muth verlor und die Ungewißheit der Ereignisse Jedermann schüchtern und zittern machte, während James Rothschild behutsam aber fest unter Gottes Schutz sein Haus lenkte und günstigere Tage abwartete. Seine persönliche Heiterkeit, die nur einen Augenblick durch den Ernst der Ereigniffe zurückgedrängt wurde, trat wieder hervor, und die Freundlichkeit, die eine der unterscheidendsten Eigenschaften deö reichen Mannes war, zeigte sich wieder wie ehedem. Baron Rothschild war nie mit Geschäften überhäuft, was die Franzosen atkairö nennen; wenigstens hatte er nie die Miene davon; er hatte immer Zeit, ein schönes Bild zu.besichtigen, einen Kunstgegenstand, der ihm gefiel, sich anzuschaffen, eine Anekdote anzuhören, und hatte jederzeit für alles Interesse, das seine Neugierde oder seine Wißbegier in Anspruch zu j nehmen im Stande war. In seinem Geschästssaal in j der rue Laffitte, wo er mit seinen Söhnen vom j Morgen bis Abend regelmäßig weilte, und der mit j keinem, selbst der andern Häuser Rothschild verglichen j werden kann, drängten sich fortwährend Kaufleute und j Mäkler, Staatsmänner und große Damen, Künstler I und Gelehrte, fremde Fürsten und einheimische Hilfsj bedürftige; jeder hatte feine Minute, und im Laufe! eines halben Jahrhunderts mag da gar manches Wort! gesprochen, manche Unterhandlung gepflogen oder berathen worden sein, die vielleicht für dm Lauf der irdischen Ereignisse nicht zu vernachlässigen wäre. Baron James hatte ein ausgezeichnetes Gedächtniß; Männer, die er nur ein einziges Mal zu sprechen Gelegenheit hatte und nach Jahren wieder zu sehen bekam, wurden gewöhnlich unmittelbar erkannt und als alte Bekannte empfangen; er liebte überhaupt die Menschen und die Welt und mußte sehr leidend sein, um sich von ihr zu entfernen. Wenn Herr v. Rothschild in einen Eisenbahnzug, den er auch manchmal versäumte, einstieg, so bin ich überzeugt, daß er; nach einer Viertelstunde die Verhältnisse seiner Reise-; gefährten sämmtlich kannte, mit dem einen oder dem ■ andern durch Verwandte in Verbindung war, kurz,; er blieb nicht vereinzelt, stand nicht stolz und kalt den ■ andern gegenüber, ohne sich auf den Fuß treten zu lassen, was man übrigens auch selten versucht hat.; Ohne ein großer Stilist zu sein, hatte er den richj tigen Takt, den Werth eines Werkes zu erkennen,; und sehr oft lenkte er den Geist sehr fähiger Secre-; tare, jene Form zu finden, die ihm zusagte, und die! gewöhnlich auch das ausdrückte, was er zu sagen i wünschte. Man lernte viel in seiner Nähe, so wie er überhaupt junge Leute sehr gern hatte, nachsichtig ihnen gegenüber war, wenn nur etwas Stoff in ihnen und aus ihnen etwas zu machen war; er war nie unmuthig, wenn man ihn um etwas befragte. Diese j Eigenschaften hatten sich natürlich im Leben und durch dasselbe in dem Ehrenmann ausgebildet, aber als Anlage waren sie wohl in seiner glücklichen Natur vorhanden. Was aber die Leser dieser Blätter wohl am meisten interessiren mag: Baron James ist immer und! im Grunde seines Herzen Jude geblieben und hat! nicht blos den Namen tragen wollen; ungleich hierin! den meisten reichen Juden, und besonders vor 20 bis j 30 Jahren, hielt er eö immer für eine seiner heiligj sten Verpflichtungen, in seinem Leben, seinem Hause, i seinen Glaubensgenossen allen ein gutes Beispiel geben zu! müssen, und hat oft durch äußerlich nur geringfügige! Zeichen wohlthuend auf die Gesammtheit gewirkt. Es war natürlich das eine sehr trübe Zeit, in der vor kaum einem Menschenalter ein Kaufmann sich nur zu irgend einem bedeutenden Vermögen emporzuschwingen brauchte, um, wenn nicht in seiner Person, so doch in seinen Kindern dem angestammten Glauben untreu zu werden; es waren das trübe Tage, in denen in den meisten bedeutenden Städten ein jedes Wort, ein jeder Gebrauch verpönt und lächerlich gemacht wurde, wenn selbe nur in irgend einer Beziehung zum Judenthum standen; und eö bleibt dies das Verdienst Baron Rothschilds und seiner Familie, daß deren Erhebung , die doch auch in jene Zeit fiel, sie nicht auf i jene traurige Bahn gleiten ließ. Sie waren und j blieben das erste jüdische Hans, und Gott sei Dank!! sie haben es nicht zu bereuen, treu geblieben zu sein,! ihre Stellung hat dadurch nicht gelitten, und Ehre? und Ruhm ist auch hier wieder am Ende dem zu , Theil geworden, der selbe verdiente. Natürlich darf! hier nicht der sanfte und kräftige Einfluß der Frau - v. Rothschild übergangen werden, die, wie die übri- ' gen weiblichen Mitglieder der Familie, in Erziehung der Kinder, sowie in den Beziehungen der großen Welt, keine Gelegenheit vorüber gehen ließen, uni allem, was der Erhebung bedurfte, selbe zu verschaffen. Es verdient dies um so mehr bemerkt zu werden, als leider in Deutschland, dem Hauptlande jüdischer Bildung und Gesittung, und in früheren Zeiten aus Gründen, deren Untersuchung eben hier nicht an ihrem Platze wäre, bei Damen der Grund der Entfernung zuerst gelegt wurde.und durch deren traurigen Einfluß in den meisten sogenannten großen Familien der Abfall eingeleitet, vorbereitet und ausgeführt wurde. (Schluß folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schm Hofbuchhandlung. — Kaipps-Schnellpreffendruck von I. Gottsleben in Mainz. ,*'