Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1868-11-25 · Heft 48 (25.11.1868) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 48 (25.11.1868)
Date
1868-11-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447343-2447389--06668-2462235
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

891 seS Namens nach und nach in den bedeutendsten Städten Europas gründeten, der letzte, ist, wenn ich nicht irre, den 15. Mai 1792 in Frankfurt, in dem alten Hause der Judengasse geboren. Seine selige Mutler, die ich im Herbst des Jahres 1839 zu sehen das Vergnügen hatte, sagte mir, daß dieser Sohn, ihr letztes und neunzehntes Kind, auch noch von ihr gestillt worden sei, und blickte mit sichtlicher Freude auf jene Vergangenheit zurück, indem sie ihren Enkeln Haus und Schlasstätte ihres Vaters zeigen ließ und die Worte hinzufügte: „Euere Pferde wohnen jetzt besser." Im Alter von kaum 13 Jahren schiffte sich in einem" Hafen der Nordsee auf einer kleinen Barke (es war die Zeit der Continentalsperre) der junge Mann ein, um unter der Leitung seines Litern, damals schon in England sich befindenden Bruders Nathan, in jene Handelswelt einzutreten, in der er sich bis zur höchsten Stufe erheben sollte. London, Manchester, Dünkirchen in Frankreich waren die Vorbereitungsschulen, bis der achtzehnjährige Gründer des Hauses, das nun seit 58 Jahren den Namen „Gebrüder Rothschild" oder Rothschild tröres führt, dieses in Paris eröffnete. Im Jahre 1812 finde ich schon in den Archiven der jüdischen Gemeinde in Piris den jungen James Rothschild als den bedeutendsten Woblthäter der Gemeinde und vom Consistorium jener Zeit den andern Mitgliedern alö Muster bei Gelegenheit des Peßach- Festes empfohlen. Bis in jene frühe Zeit reicht also die persönliche Tradition des wohlwollenden Mannes, der nie seit jener Zeit die Lust, wohlzuthun, von der Freude, gute Geschäfte zu machen, zu trennen wußte. Im Monat Juli des Jahres 1824 verheiratete sich Baron James mit der einzigen Tochter seines Bruders Salomon, der Baronin Betty, die sich der schwierigen Stellung, als Fremde in Paris einen Salon zu eröffnen, mit so vieler Umsicht und einem so ausgezeichneten Takt zu entledigen wußte, daß Staatsmänner und Gelehrte, große Damen so wie Künstler hierin einstimmig sind. Daß in ernsten wie in trüben Tagen sie rathend und tröstend ihrem Mann zur Seite stand, ist ein Verdienst, das sie mit allen Frauen jener ausgezeichneten Familie, die zu besitzen nach dem Ausspruch eines bedeutenden Mannes, mit zum Glück des Hauses Rothschild gehört, sehr gern zu theilen bereit ist. Eine Tochter, die seit 23 Jahren mit ihrem Cousin Baron Nathaniel verheirathet ist, und ein nicht unbedeutendes Künstlertalent sowohl als Malerin als in der Musik besitzt, und vier Söhne, von denen der dritte leider vor einigen Jahren allgemein betrauert und beklagt im Alter von 29 Jahren mit Zurücklassung einer allem Edeln und Guten zugewandten jungen Wittwe und eines kleinen Töcbterchens aus dem Leben schied, sind die Früchte dieser Ehe. Revolutionen und die in Frankreich so häufigen Veränderungen der Regierungssysteme, haben das Haupt des Hauses Rothschild mit Männern aller Ga. 7* in Berührung gebracht, so daß nicht nur eir. oeutende Menschenkenntniß, sondern ein gutes Hi oazu gehörte, um in allen jenen Verhältnissen jene ^eistesruhe sich zu bewahren, die zu besitzen ein nicht geringes Verdienst des welterfahrenen Mannes ist. „Baron James wurde im Glück nie übermüthig und verzweifelte nicht in trüben Tagen," ist das Schönste und Wahrste, was man, ohne zum Schmeichler zu werden, auf den so reichen Mann sagen kann. Als mitten in den schweren Tagen nach der Februarrevolution des Jahres 1848, als alles, was nur irgend einen Namen hatte, die Flucht ergriffen hatte, der mit Sorgen belastete Mann auf dem Boulevard des Italiens erschien, war eine allgemeine Beruhigung auf allen Gesichtern zu lesen; Baron James hat Paris nicht verlassen, hieß es überall, das ist schön, er bewahrt sein Zutrauen; und die verschiedenen Gewalten, die täglich, beinahe stündlich damals in - dem Gewühl entstanoen und verschwanden, beeilten sich, Sicherheit und Schutz anzubieten und zu gewähren. Eme Scene, der ich bekzuwohnen das Glück hatte, liefert ein Zeichen zugleich seines Gottvertrauens und seiner Klugheit. Zwei Tage nach der Februarrevolution, als in der Nacht vorher das Landhaus seines Bruders von einigen tollen Saufbolden in Asche gelegt war, versammelte er in seinem Schlafzimmer alle seine Beamte und die zahlreichen Angestellten seines Hauses; „so lange ich ein Stück Brod habe, so lange werdet ihr es auch haben," waren die einzigen Worte, die von Thränen aus den Augen gar mancher siebzigjähriger Greise begleitet waren. Einige Stunden nachher kam der nun verstorbene Coste, der als Gründer eines früheren bedeutenden Journals „le Temps“ schon in der Julirevolution im Jahre 1830 eine bedeute de Rolle gespielt hatte und in der me Chanteruni, nunmehrige« rue de la Victoire, das Haus des ehemaligen Ersten Consuls befaß und bewohnte, auf das Bureau und sagte dem Baron, daß nun alle Männer gefallen, König, Minister aller Farben, nur Er allein wäre da von allem, das früber bestanden, er möge sich auf das Stadthaus (Hotel de ville), das damals der provisorische Sitz der Regierung war, begeben, und alles werde sich gern um ihn schaaren. „Ich danke Ihnen von Herzen," war seine Antwort, „der Lehnstuhl (fauteuil) ist mein Thron, da sitze ich seit 40 Jahren, und ich werde Gott und allen meinen Freunden danken, wenn sie mich da weiter sitzen lasten. Mehr verlange ich nicht". Mit diesen biedern und einfachen Worten entließ Baron James alle Plänemacher und ging geraden Schrittes mitten in jenen verwickelten Verhältnissen, die jeden Tag neue Schwierigkeiten entstehen und verschwinden sahen, feinen Weg weiter. Baron James hatte richtig gesehen; er verließ

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.