Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1868)
- Date
- 1868-11-18
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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875 der Kultusminister durch die Berichte seines subalternen Beamten sich hat täuschen lassen und seine Autorität einer ungerechten Sache geliehen hat.) In Ancona wollte man Aehnliches ausführen, aber hier traten die Behörden mit aller gerichtlichen Strenge entgegen. Ein isr. Mädchen hatte ein Kind geboren, welches es, um dasselbe vor der Wett zu verbergen, in das Findelhaus brachte. Auf den Rath des Oberrabbiners reclamirte das Mädchen einige Tage darauf das Kind. Der Director des HospitiumS verweigerte die Herausgabe desselben, aber die Behörden schritten mit allen gesetzlichen Mitteln dagegen ein, und so wird as Kind, obgleich es schon getauft war, in der isr. Religion erzogen. Spanien. Madrid, 8. Nov. Jeder Tag bringt neue Beispiele, wie ernst man es mit den Ideen des Fortschrittes und der Freiheit nimmt. Die Abstellung veralteter Mißbräuche ist der erste Paragraph auf dem Programm der Revolution. Der Draht hat jedenfalls bereits von der Anfrage der spanischen Iudenfamilien in Lissabon und London Notiz gegeben. Die „Jberia", das Organ Primas, enthält nun heute bezüglich der zu erwartenden Rückkehr der exilirten Israeliten folgenden Passus: „Von der Wiederaufnahme dieser intelligenten und betriebsamen Race (raza intelligente j industriosa) hat die Halbinsel die größten Vortheile zu erwarten. Nur die Verblendung eines intoleranten Fanatismus, der nicht begreift, daß ein Volk reich und glücklich sein kann, auch wenn es in seinem Busen Individuen verschiedener Serien birgt, konnte sie je aus unseren Landen vertreiben." Syrien. Damaseus, im October. Vor kurzer Zeit, wurde Herr David Schalom Effendi aus Bosnai-Sero zum Chef de comptäbilitä am hiesigen General-Gouvernement ernannt. Derselbe, ein junger Mann von dreißig Jahren, ist seit 15 Jahren im Dienste der Pforte und hat sich stets durch eine ganz vorzügliche Rechtschaffenheit ausgezeichnet. Genannter Beamte ist darum auch sehr geachtet und genießt das volle Verttauen seiner Obern. — Herr D. Schalom ist aber auch ein streng gotteöfürchtiger Jude, der um kein Haarbreit von unsren heiligen Gesetzen abweichen würde. — Dank dem humanen Streben unsres General- Gouverneurs S. E. Rachid Pascha wurde den Israeliten Jerusalems für künftighin die Militärsteuer erlaffen, welche sich bisher auf 20,000 Piaster belaufen hatte. Außerdem hat Rachid Pascha in jüngster Zeit mehrere angesehene Israeliten von hier in den Staatsdienst berufen. ES versteht sich, daß keiner derselben am Samstag arbeitet. Möchten europäische Große ein Beispiel an unsren orientalischen Brüdern nehmen. — Die von der englischen Missionsgesellschaft eröffnte Schule wurde von den jüdischen Mädchen wiederum verlaffen, da die Chachamim von der Gefahr genügend überzeugt, endlich den Besuch dieser Anstalt verboten haben. Es ist jedoch abzuwarten, ob bei dem Wiederbeginne der Klaffen nicht mancher reiche Familienvater sich über die Verordnung der Rabbinen hinwegsetzen wird. Es war wahrlich empörend, den Fortschritten zu folgen, welche 50 junge Mädchen in kurzer Zeit daselbst machten; alle konnten schon ganz geläufig beten und wußten ganze Stücke herzusagen aus dem Katechismus, natürlich Alles in arabischer Sprache. Schreiber dieses hat die feste Hoffnung, hierorts bald eine jüdische Mädchenschule zu organisiren, wozu natürlich daö Comite Central de l’Alliance allein beisteuern wird. Ich möchte gerne das Interesse Ihrer Leser für diese Gesellschaft erwecken, welche viel Gutes stiftet und noch mehr zu thun berufen ist. Seid auf der Wache, Ihr gottzetreäen Juden Deutschland's, denn im Orient vollzieht sich eine ähnliche Revolution, wie sie der Oceident bereits erlebt hat. Ben David. Feuilleton. Die ßmancipalion der Juden in Irankreich. Aus den Quellen bearbeitet von Gmanuek Leser. (Fortsetzung.) Es war am 21. December, als ein Abgeordneter der Guyenne, Brunet de la Tuque, den der Tagesordnung naheliegenden Antrag stellte, die Akatholiken zu allen Aemtern der Gemeindeverwaltung zuzulaffen; in einem zweiten Satz fügt er dazu die Forderung, daß dieselben auch zu den andern Stellen des Civil- und Militärdienstes befähigt ^) sein sollen. Die Motion hatte, wie es ihre Fassung zeigt und den bestehenden Verhältnissen in der Heimath des Anttagstellerö gemäß, nur die Reformirten im Äuge; erst während der Debatte über dieselbe wird der Gegenstand weiter ausgedehnt, und der Juden gedenkt zuerst Röderer von Metz, der die Aufhebung aller königlichen Gesetze und Verordnungen fordert, durch welche einzelnen Classen und Ständen die politischen Rechte entzogen worden. Ein gleich entschiedener und liberaler Geist spricht sich in einem Gesetzentwurf aus, den Graf Clermont - Tonnere beanttagt, und den er statt des Brunet'schen an- 1) 1. Que les non-catholiques qui auront d’ailleurs rempli toutes les conditions prescrites dans les pricedens decrets pour etre 6Iecteurs et 6Iigibles pourront etre elus dans tous les degräs d’administration sans exception. 2. Qtie les non-catholiques sout capables de tous les emplois civils et inilitsires comme les autres citoyens actifs.