Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1868)
- Date
- 1868-11-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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876 zunehmeu empfiehlt 2). Den Ausführungen Röderer's gegenüber ergriff dann ein Deputirter des Elsaß, der Advocat Rewbell, das Wort, der seine Opposition gegen Aenderungen in der bisherigen Stellung der Juden erklärte, indem er Allen, die eine staatliche Gleichstellung derselben anstrebten, offen den Fehdehandschuh hinwarf. Damit war die Sache der Juden zuerst Gegenstand einer ausgebrochenen Meinungsverschiedenheit in der Nationalversammlung geworden. Für diesen Tag wurden die Debatten abgebrochen; am 23. beginnen sie auf's Neue. Clermont-Tonnere erhebt sich, um ausdrücklich alle Folgerungen anzuerkennen, die man aus der allgemeinen Fassung seines Antrags gezogen und die man zum Theil geglaubt hatte bekämpfen zu müssen. Von den Religionen, sagt er, solle keine durch den Staat beschränkt werden, deren Lehren mit der Moral in Einklang ständen. Diese Ansichten werden vertheidigt von Maximilian Robespierre, aber auch um so heftigere angegriffen von dem redegewandten Vorkämpfer der geistlichen und feudalen Interessen, dem Abbe Maury. In seinen Worten ist gerade gegen die Juden Alles zusammengesrellt, was sich an Scheingründen und halbwahren Behauptungen Vorbringen ließ. Maury weist den Anspruch, der zu Gunsten derselben auf die bürgerlichen Rechte erhoben werden ist, zurück, indem er sie als ein fremdes Volk darstellt, gegen das Frankreich keine weiteren Verpflichtungen als die der Menschlichkeit habe; er sucht zugleich darzutbun, daß es nicht rathsam sei, dieses Volk in den Staatsvcrband anfzunehmen, da sein Rcligionsgesetz wie sein Character keine dem Gemeinwesen nützliche Thätigkeit von ihm erwarten ließen. Diese Ausführungen werden natürlich unterstützt von den Worten des Bischofs von Nancy, der soweit geht, eine Revolution in Lothringen in Aussicht zu stellen, falls die Versammlung zu Gunsten der Juden beschlösse. Aber die freisinnigen Mitglieder deö Hanfes fürchten selbst unter den vorgespiegelten Gefahren nicht, ihren Principien treu zu bleiben; auch wenn die Sachkenntnis; fehlt, um die angeblichen Thatsachen in ihrer Unrichtigkeit bloszulegen, halten die Vertheidiger der Menschenrechte an dcn Geboten der Freiheit fest. Der Pariser Parlamentsrath Duport spricht den muthigen Satz auü: Wenn wir die ungerechten Schranken ausheben, unter denen die unveräußerlichen Rechte deö Menschen leiden, so brauchen wir keine unangenehme Folge zu fürchten, die sich etwa daraus ergibt! Dieser Gesinnung gemäß schlägt er vor, ohne weitere Beschränkung die Ausübung der politischen Rechte unabhängig zu erklären von andern Bedingungen als den von der Versammlung besonders 2) Cl.-T.’s Antrag will das Gesetz: Aucun citoyen actif reunissant les conditions d’eligibilite exigees par Ia loi ne pourra etre ecarte du tableau de l’eligibilite ni etre exelu d’aucun office emploi ou fonction ü raison de la prof«ssion qu’il exerce ou du culte qu’il suit. festgestellten2 3). Zu Gunsten dieses Antrags zog Clermont-Tonnere den seinigen zurück; ob er von dem Hause angenommen würde oder ob man dem Entwürfe Bruneis den Vorzug gab, der nur den Akatholiken, dem Begriffe nach den Reformirten, die politischen Rechte zuerkannte: darin lag die vorläufige Entscheidung über die Ansprüche der Juden. Die namentliche Abstimmung ergab 408 Stimmen für den Antrag von Brunet dela Tuquo; für Duport hatten sich 405 erhoben. Am folgenden Tage ging man zur erneuten Prüfung und endgiltigen Redaction des Entwurfs über, der die Priorität erhalten. Es war dabei noch möglich, durch Amendements Aenderungen des Inhalts vorzunehmen; aber zu Gunsten der Juden wurde kein neuer Antrag gestellt. Die liberalen Führer haben die Stimmung des Hauses kennen gelernt, das denselben die Rechte nicht zugestehen will, die es andern bisher zurückgesetzten Kulten und Berufsclaffen zu gewähren weniger abgeneigt ist; sie wollen sich mit dem Erreichbaren begnügen und willigen in die Vertagung der Frage der Juden, über welche sie die Entscheidung nicht herausznsordern wagen 4). Aus der gleichen Ansicht über die Gesinnung der Mehrzahl der Mitglieder erklärt in gerade entgegengesetzter Weise der Bischof von Clermont, man müsse einzig und allein über die Juden beschließen; daß ihnen bei einer Abstimmung keine Rechte würden zugestanden werden, davon waren ihre Gegner überzeugt. Aber es wurde in der verhängnißvollen Sitzung des 24. December doch auch ein Wort gehört des Schutzes für die Juden, eine Replique auf die Proteste, welche gegen ihre Besserstellung auf's Neue von der Gegenseite, von Rewbell, von Beaumetz erhoben worden. Mirabeau, mit der Kenntnis; der in Frage kommenden Thatsachen ausgerüstet, unternimmt es, einige den Juden nachtheilige Behauptungen in ihrer Unrichtigkeit bloßzulegen; nachdem er namentlich die Insinuation von Beaumeh zurückgewiesen, als wünschten die Juden selbst keine Aenderung ihrer Lage, wendet er noch gegen den überwundenen Angreifer die eigenen Waffen und ruft: „Und wenn die Juden so erniedrigt wären, daß sie nicht wünschten, das unveräußerliche und unverjährbare Recht deS Menschenthums wieder anzutreten, so müßten wir es ihnen geben, um sie aus ihrer Entartung und Ver- 3) II ne pourra etre oppose ä aucun frau^ais soit pour devenir eitoyeu actif soit pour i'eligibilittä aucune fonction pubiique d’autres motifs d’exclusion que ceux qui sont dej4 prononces par '’assemb’ee nationale, abrogeant toutes lois et reglements a ce contraires. 4) Der Fürst von Broglie (Colmar-Schlettstadt) stellt den Antrag: Ajourner la deliberation sur le droit de eite reclam6 en faveur des juifa et decreter au surplus pu'il ne pourra etre exige aucune autre condition d eligibilxte ni admis aucun autre motif d’exclusion que ceux qui ont et6 d6termin6s par la Constitution derogpant ü tous rfeglements et ordonnance» & ce contraires.