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Der Israelit · 1868-11-18 · Heft 47 (18.11.1868) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 47 (18.11.1868)
Date
1868-11-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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872 „ Sie wurden falsch berichtet, Herr! Das Weib Ihrer Jugend hat sich nie zum zweiten Male verheiratet. Sie starb, um ihren einzigen Gatten tbeinend und trauernd " „„Unmöglich!"" „Sie verzeihen, Herr, es ist so, wie ich Ihnen sage; sie lebte viele Jahre unter falschem Namen in A.; dort beweinte sie den Mann, der sich von ihr und von der jüdischen Religion geschieden hatte." „„Und weshalb hotte sie einen falschen Namen angenommen?"" „ Sie suchte Ihnen Etwas zu verbergen, Etwas vor Ihren Nachforschungen, vor Ihrem Einflüsse zu schützen." „„Und was könnte das gewesen sein?"" „Gnädiger Herr, die arme Zippora fühlte sich Mutter noch vor der Scheidung; später gebar sie einen Sohn, und um diesen vor seinem Vater zu verbergen, damit er nicht von ihm zum Abfalle veranlaßt würde, lebte sie in Verborgenheit, führte sie einen falschen Namen."" „„Wie, mir lebte ein Sohn? ein Sohn, der als Jude geboren und erzogen worden?"" „So ist es, Herr, und hier sind die Dokumente, hier der Geburtsschein, hier das Zeugniß des Mohel...." Julius Rosenstrauß schob die Dokumente zurück. „„Wo ist er, dieser Sohn?"" rief er mit zitternder Stimme. „Ich selbst bin es, bin Dein Sohn Joseph, mein Vater!" antworte Joseph, in Thränen auSbrechend. Da ergriff Julius die Hand des jungen Mannes und trat mit ihm vor den großen Spiegel, der an der Wand herunterhing, und er sah seine eigenen Züge in jugendlicher Frische neben sich. Ja, so hatte er ausgesehen, als er die polnische Tracht noch getragen, das war die eigene hohe Stirne, das waren dieselben geistvollen Augen, das war dieselbe gebogene Nase, dieselbe Form des Mundes, dieselbe Haltung; so hatte Ihele einst die Seitenlocken getragen. „Ja," rief dieser, „ich will Dir glauben, die! Stimme der Natur trügt nicht! Komm' an mein Herz, | mein Sohn!"! Und Vater und Sohn lagen sich in den Armen, i Beide laut weinend. — j Joseph mußte seinem Vater viel von der heimgei gangenen Mutter, von ihrer Noth und ihrem Elende erzählen; Julius machte sich die bitterste Vorwürfe, daß er zu spät das starke, treue Herz der edlen Dulderin erkannte; er versprach, an dem Sohne wieder gut zu machen, was er an der Mutter verschuldet hatte. Als der Vater den so unerwartet ihm gewordenen Sohne seinen Entschluß mittheilte, daß er zum Judenthume zurückkebren wolle, da war Josephs Glück vollständig. „Der verklärte Geist meiner Mutter," sagte er, „wird sich dessen erfreuen in den himmlischen Höhen." Joseph verließ seinen Vater nickt mehr. Dieser zog den Theilbaber an seinem Geschäfte, Sergek Petrvwilsck, mit ins Geheimniß. Der treue Mensch, der den tiefsten Antheil an dem herben Geschick seines Compagnonö genommen, freute sich nicht wenig darüber, daß dieser durch das Auffinden eine? Sohnes zu neuem Leben erwacht war. Er billigte den Entschluß seine- Freundes, zu der Religion zurückzukehren, die einst die des Vaters gewesen und die immer die des Sohnes war. „Geh ins Ausland, Julius," sagte er, „ich will unterdeß Dein Vermögen wie das meinige verwalten. Geh mit Deinem Sohne ins Ausland und werde wieder, was Du gewesen." Der Arzt hatte dem älteren Rosenstrauß die Heilquellen von Kissingen verordnet; Beide reisten dorthin. Cie nahmen den Weg über K., wo Julius das Grab des Weibes seiner Jugend mit heißen Thränen benetzte und an die Nothleidenden reiche Spenden austheilte. In Berlin nahm Julius das vorgeschriebene Tauchbad; von nun an nannte er sich wieder Jsak. Jsak Rosenstrauß wird nicht mehr nach Rußland zmückkehren. Er und sein Sohn, sie werden sich in Deutschland oder Frankreich niederlassen. Serge! Petrowitsch hat bereits das Vermögen seines Compagnons flüssig gemacht und eS an ein großes Haus in Berlin überwiesen. — Bald nachdem ick die vorstehende Geschichte erfahren, mußte ich mich von Vater und Sohn verabschieden. „Veröffentlichen Sie", sagte Jsaac Rosenstrauß zum Abschiede, „die Erzählung meiner Erlebnisse. Sie mag Manchem meiner Landsleute zur Warnung dienen. Wie friedlich und glücklich hätte sich mein Leben gestalten können, wenn wir in Rußland Schulen besäßen, in denen von kundiger Hand geführt, die Jugend das Studium der Thora mit dem der nichtjüdischen Wissenschaften verbindet! Solche Schulen, an deren Spitze wahrhaft fromme, Gottbegeisterte Männer ständen, würden meine Landsleute aus der Armuth emporheben und sie der heiligen Religion Israels und dem Gesetze unseres Gottes erhalten." Ich drückte Beiden die Hand und fuhr von dannen. Dieser Tage habe ich von Jsak Rosenstrauß einen Brief empfangen. Jsak theilt mir darin mit, daß er und sein Sohn sich in Paris häuslich niedergelassen , haben; der letztere hat sich gegenwärtig in die Heimath begeben, um sich dort eine Frau zu holen; mit seiner jungen Gattin wird er dann zu seinem Vater zurückkehren. Hierzu Zwei Beilage«. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. - Verlag der Le Roux'schen Hojbuchhandlung. — Dampf - Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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