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Der Israelit · 1868-11-11 · Heft 46 (11.11.1868) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 46 (11.11.1868)
Date
1868-11-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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856 die Angst, daß ihr Sohn von seinem Pater verführt rverden tonne, ließ sie lieber Noth und Entbehrung wählen. Joseph durfte sich nun allerdings nicht mehr ausschließlich dem Studium des Talmuds widmen; er wußte sich bemühen, sich und die Mutter zu ernähren. Der kleine Handel, den er anfing, reichte gerade dazu hin. Jahre vergingen in dieser Weise; gern hätte Zipper« ihren Sohn verheirathet; allein dieser weigerte sich entschieden; er wollte vor Allem seiner Sohnespsiicht genügen und seine Mutter ernähren. Unterdeß gestalteten sich die Verhältnisse der an der preußischen Grenze wohnenden russischen Juden immer mißlicher. Die harte Grenzsperre verhindert jeden Verkehr mit dem Nachbarlande, und die armen Juden, durchgehends Händler und Handwerker, ohne den nährenden Grundbesitz, sind auf den kümmerlichsten Erwerb angewiesen. Da kam die Mißernte im Jahre 67. Die Provinz Ostpreußen, durch mehrjährige Mißernten heruntergekommen, durch die Anstrengungen des Krieges vom Jahre 66, der die arbeitsfähigen Männer unter die Waffen gerufen hatte, erschöpft, sah dem furchtbaren Hunger entgegen. Ein Nothschrei ging durch Europa; überall wurden Sammlungen veranstaltet; reiche Spenden wurden gegeben; auch die preußische Regierung kam den Nothleidenden zu Hilfe. Während die entsetzlichsten Schilderungen von der Noth in Ostpreußen allüberall die Gemüther aufregten, war doch der dortige Nothftand nur gering zu nennen im Vergleiche mit dem Elend der Juden in Westrußland. Die Bevölkerung ganzer Städte war dem Hungertode preisgegeben. Vom Hunger aufgedunsen gingen die armen Leute umher, Kartoffelschalen auflesend, um sie den schreienden Kindern zu bringen. Zugleich brach in Folge der schlechten und mangelhaften Nahrung der Hungertyphus aus. Die Bewohner von K. halten es verhältnißmäßig noch besser als die der benachbarten Städte; denn in K. wohnte ein Mann, der im benachbarten Preußen ein großes Geschäftshaus befaß. Dieser edle Mann, im Besitze großer Reichthümer, ernährte säst seine ganze Vaterstadt. Er ließ Brod in ungeheurer Menge backen und es zu billigen Preisen verkaufen; aber nach kurzer Zeit sollte auch für K. das Maaß des Unglücks voll werden. Ein großes Handlungshaus im Innern Rußlands stürzte und riß den mit ihm eng verbündeten K.'r Kaufmann mit nieder; der Letztere mußte seine Zahlungen einstellen und konnte nichts mehr thun für die Nothbedrängten. Da war ein Jammern und Klagen in den Straßen K.'s wie dereinst in den Straßen des vom Feinde eroberten Jerusalem. Aber' der allgütige Gott schickt die Heilung vor der Wunde. Um diese Zeit kamen die ersten Gaben aus Deutschland an, und wurden auch in K. vertbeilt. War's auch nickt viel, so vermockte doch der Hungertod gebannt zu werden, und die rosige Hoffnung kehrte wieder ein in die schmerzersüllten Gemüther. Aber nickt in die Hütte Zippora's. Schmerz, Elend und Kummer halten an ihrem Leben genagt, und sie war erlegen. Tiefbekümmert sah Joseph das Leben der Mutter sich dem Ende zuneigen. Einst ries sic den geliebten Sohn an ihr hartes Lager. „Mein Kind," sprach sie, „komm her zu mir, daß ich dich segne, bevor ich sterbe!" „Mutter!" rief der Sohn, „sprich nicht so, du brichst mir das Herz!" „Mein Kind, Du wirst Dick darein finden müssen. Weine jetzt nicht, ich will Dir noch vor meinem Tode ein wichtiges Geheimniß anvcrtrauen, das ich Dir bis jetzt sorgfältig verschwiegen habe. Dein Vater lebt noch!" „„Was sagst Du, Mutter?"" „Ja, er lebt noch; wir Beiden führen einen falschen Namen, den ich angenommen, um Dich vor Deinem Vater verborgen zu halten; der Mann meiner Jugend hat sich taufen lassen, und ich wollte seine Sünde nickt theilen." Zippora erzählte dann ihrem Sohne alle die Begebenheiten, die wir bereits kennen; sie nannte ihm den Namen und den Wohnort seines Vaters und gab ihm die Dokumente, welcke ihn als den Sohn auswiesen; auch den Trauring gab sie ihm, in welchem die Namen der beiden ehemaligen Gatten eingravirt waren. „Gehe zu ihm, lieber Sohn," schloß Zippora ihre Mittheilng, „gebe zu ihm; Du bist ein Mann; erwirb Dich nicht verführen. Gott segne Dich, mein Sohn, und lasse Dich den Lohn für all das Liebe und Gute genießen, das Du an Deiner Mutter gethan; ach, ich habe wenig Freude gehabt auf der Welt. Mein Alles, das warst Du, mein Kind." Schluchzend umarmte Joseph die Kranke; diese aber lag ganz erschöpft da. Kaum hatte Joseph noch Zeit, die frommen Frauen herbeizurufen, die ihren Schwestern im Tode beistehen und mit ihnen die letzten Gebete verrichten, da nahte sich der Todesengel mit sanftem Fittige der armen Dulderin und rief sie ab von dem Schauplatze ihrer Leiden. Als die Trauerwoche um die Dahingegangene vorüber war, machte sich Joseph auf den Weg nach Warschau. (Schluß folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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