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Der Israelit · 1868-11-04 · Heft 45 (4.11.1868) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 45 (4.11.1868)
Date
1868-11-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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daß es mir also ergeht! Warum habe ich mein Volk verlassen, meinen Gott verleugnet? Der Knabe ist unschuldig; ich bin es, der die Schuld trägt; durch mich ist er in diese falsche Stellung gerathen!" ZuliuS Rosenstrauß sann nun auf Mittel, seinen Sohn von den verderblichen Banden, die ihn umschlungen hielten, zu befreien; er hatte noch Verbindungen in Petersburg, und diese benutzte er, dahin zu wirken, daß Iwan mittels Zwängspaffes auf einige Zeit ins Ausland geschickt wurde. Die Revolution nahm ihren natürlichen Verlauf; sie wurde nach den verzweifeltsten Anstrengungen niedergeworfen. Viel Blut war auf den Schlachtfeldern vergossen worden; der Strang und die Kugel wütheten unter den Uebriggebliebenen; diejenigen, welche der Strang und die Kugel verschonten, mußten nach Sibirien oder in die grauenhaften Bergwerke des Ural wandern. Als Iwan von Paris, wo er einige Jahre geweilt hatte, zurückkehrte, fand er von seinen früheren Bekannten Wenige mehr vor, und diese Wenigen behandelten ihn sehr kühl, da sie glaubten, er habe die Sache des Vaterlandes freiwillig verlassen. Auch die Familie der Gräfin BartinSka nahm ihn kalt auf; nicht so die Gräfin selbst. Die Familie derselben hatte in der jüngsten Revolution großen Schaden genommen; die männlichen Mitglieder waren großentheils auf den Schlachtfeldern gefallen oder nach Sibirien verbannt; die großen Familiegüter waren confiscirt und die junge Gräfin lebte mit ihrer Mutter in dürftigen Verhältnissen; aber trotz aller Mißerfolge war der PartriotiSmus der Gräfin Wladislawa Bartinska so glühend wie zuvor; sie hatte die Hoffnung auf eine kommende Erhebung des Vaterlandes nicht aufgegeben; um aufs Neue dafür intriguiren zu können, bedurfte sie eines großen Vermögens, und um dieses zu erlangen, kam sie Iwans Bewerbungen und Huldigungen freundlich entgegen. Das aber war Niemandem mißfälliger als einem Detter der Gräfin, dem Grafen Bartolow, der eine heftige Neigung für seine Cousine fühlte; allein diese Neigung war hoffnungslos, denn Bartolow war arm. Iwan, von dessen Eintritt in den russischen Staatsdienst, nachdem er sich bei der polnischen Revolution betheiligt hatte, nicht mehr die Rede sein konnte, arbeitete seit einiger Zeit auf dem Comptoir seines Vaters. Nachdem er sich dort eingearbeitet hatte, wurde er in Uebereinstimmung mit Sergei Petrowitsch, der Alles gut hieß, was der ältere Rosenstrauß anordncte, zum Tbeilhabcr am Geschäft erklärt. Jetzt nun trat der junge Fabrikant mit dem Wunsche hervor, die Gräfin Wladislawa BartinSka zu heirathen. Ungern hörte fein Vater diesen Wunsch; er sah schlimme Folgen von einer Verbindung mit einer Familie, in welcher die revolutionären Ideen heimisch waren; aber er konnte dem einzigen Sohne nichts versagen. Noch an demselben Tage warb Iwan um die schöne Gräfin, und schon am Nachmittage zeigte sich das junge Brautpaar der vornehmen Welt Warschaus auf der Promenade im sächsischen Garten. Als Graf Bartolow das Geschehene erfuhr, kannte sein Zorn keine Grenzen; er begab sich in den sächsischen Garten, und in Gegenwart seiner Cousine schlug er Iwan mit der Reitpeitsche in's Gesicht. „Elender, feiger Jude," rief er, „der sein Vaterland in der Stunde der Gefahr verlaffen, ich will dich schänden, daß dir die Lust vergeht, die Hand auszustrecken nach einer edlen Tochter Polens!" Wüthend stürzte sich Iwan auf den Beleidiger; dieser aber, an Körperkraft ihm überlegen, warf ihn zu Boden und schlug ihn noch einmal. Viele Polen waren Zuschauer dieser barbarischen Scene; sie verhielten sich ruhig. Wladislawa war in Ohnmacht gefallen. Am andern Morgen trafen sich Iwan und Bartolow in einem Gehölze in der Nähe von Warschau; Iwan hatte den Grafen gefordert; er hatte als der Beleidigte den ersten Schuß; seine Kugel verfehlte ihr Ziel; die Kugel des Grafen aber drang in Iwans Brust und durchbohrte sein Herz. Lautlos sank er zu Boden. Ruhig arbeitete der unglückliche Vater in seinem Comptoir, nichts Böses ahnend. Da wurde ihm die blutige Leiche des Sohnes gebracht. Der Vater war starr vor Schrecken; das Herz schien ihm stille zu stehen in der Brust. Als er aber den Zusammenhang erfuhr, da warf er sich nieder auf die Leiche des einzigen, heißgeliebten Sohnes und bedeckte sie mit Küssen und Thränen. Dann zerraufte er sein Haar und zerfleischte mit den Nägeln sein Angesicht. „Mein Sohn, mein Sohn!" rief er in herzerschütterndem Tone, „ach, wäre ich doch statt Deiner gestorben! Der Fluch, der aus Deinem Pater lastet, hat Dein junges Leben vernichtet. Webe mir, wehe mir verwaistem unglücklichem Manne! Doch ich habe mein Leos verdient. Gott ist gerecht! Aber, warum hat Er nickt auf mein schuldbeladenes Haupt fallen lassen. Seine schwere, strafende Hand? Warum straft Er mich so hart in Dir, meinem Leben, meinem Glück, meiner Freude, meiner Hoffnung? Mein Sohn, mein geliebter Sohn, erwache! Dein Vater, Dein unglücklicher Vater ruft Dich!" Und noch einmal warf er sich auf die Leiche des geliebten Kindes, laut weinend und schluchzend; nur mit Mühe gelang es seinen Dienern, ihn von dem Todten loszureißen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schcn Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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