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Der Israelit · 1868-10-28 · Heft 44 (28.10.1868) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 44 (28.10.1868)
Date
1868-10-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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rnträthseln kann; ich glaube, es sind hebräische Schristzüge!" Zitternd vor Erwartung nahm der suchende Vater den Ring. ES war derVerlobungsringLöwifohnS; die Inschrift besagte Tag und Datum der Verlobung. „Wie kommen Sie zu dem Ringe, Herr Pfarrer?" fragte bangend der Kaufmann. „„Man hat ihn einer Leiche abgezogen, die soeben geländet worden."" Und so war es; man fand die Leichen LöwisohnS, des Polizeiraths und Kathinka's; die übrigen blieben verschwunden. Die todten Körper wurden nach Kowno geschafft; Kathinka's Leiche wurde chemisch untersucht, und eine große Menge Arsenik im Magen gefunden. Ulrinski wurde sofort verhaftet. War daS eine Schreckensnachricht für Mutter, Schwester und Schwager. Rosenstrauß eilte nach Kowno, um dem Verbrecher soviel als möglich nützlich zu sein. Von seinem Eifer ließ er sich dabei zu weit Hinreißen; er that Schritte, die als ungesetzliche ausgelcgt werden konnten. Die zahlreichen Feinde des Justizratbs verfehlten nicht, sich das zu Nutze zu machen. Ulrinski wurde zu schwerer Arbeit in den Bergwerken des Ural auf Lebenszeit verurtheilt und sein ganzes Vermögen nach dem Tode seiner Mutter als Entschädigung den Hinterbliebenen der von ihm Gemordeten zugesprochen. Die Baronin starb bald darauf vor Scham und Kummer. Auch Rosenstrauß wurde in Untersuchung gezogen; er ward der versuchten Bestechung der Richter angektagt; zwar konnte man ihm nichts geradezu Unrechtes Nachweisen, allein der Verdacht blieb auf ihm haften; er wurde nicht freigesprochen; er wurde nur «egen Mangel an Beweis freigelassen und verurtheilt, die Kosten des Processes zu tragen; dann erhielt er seinen Abschied aus dem Staatsdienste. Rosenstrauß befand sich in sehr trauriger Lage; der Proceß seines Schwagers und der eigene hatte das Vermögen seiner Frau verschlungen. Ohnehin durch die Schande, die durch seinen Schwager über ihn gekommen, tiefgebeugt, wußte er nicht, woher er seinen und seiner Familie Unterhalt bestreiten sollte. Was er mit so großen Opfern erkauft hatte — es war Alles verloren. Ehrenvolle Stellung, Vermögen, Amt, Umgang — nichts war ihm übrig geblieben, nichts als die Qual, die das Gewissen ihm brachte, nichts als der Verrath, den er an seinem Gotte, an der Religion seiner Väter begangen. Rosenstrauß fühlte sich tief unglücklich; seine Frau kränkette, seitdem das schwere Unglück über ihre Familie gekommen. In der Zeit der Noth und des Kummers trat der Gedanke ihm nahe, in Reue und Buße zurückzukehren zu dem verlassenen Glauben.... aber, sein Weib, sein Kind? Und wenn er auch ins Ausland «änderte, konnte er seine Gattin bewegen, mit ihm zum Judenthume überzutreten oder konnte er diese Hartgeprüfte allein zurücklassen in Noth und Elend? Diese Gedanken beschäftigten Rosenstrauß Tag und Nacht; aber noch eine andere Frage trat mit zwingender Nothwendigkeit an ihn heran: Wovon leben, wenn der letzte Rest seines Vermögens aufgezehrt sein wird, womit Frau und Kind ernähren? Da trat eines Tages ein Mann in sein Zimmer, deffen kostbarer Zobelpelz, dessen viele Diamanten an Ringen, Ketten und Nadeln große Wohlhabenheit verriethen. „Herr," sprach er zu Rosenstrauß, „ich habe vernommen, wie übel es Euch ergeht, da bin ich nach Petersburg gefahren. Euch Hilfe zu bringen?" „Und wer sind Sie, mein Herr, der mein in meiner Noth gedenkt, da mich alle meine ehemaligen Freunde verlassen haben?" „Kennt Ihr mich nicht mehr, Herr Justizrath, wißt Ihr nicht mehr, daß Ihr nur einst Leben und Vermögen gerettet habt? Erinnert Ihr Euch nicht mehr jenes Looses, das. „„Sergei Petrowitsch!"" „Derselbe, Herr! Ihr habt damals jede Belohnung abgelehnt — nun, Ihr brauchtets dazumal nicht. Aber jetzt laß' ich mich nicht abweisen; jetzt müßt Ihr mir gestalten, daß ich Euch helfe. Seht Herr, ich habe die hunderttausend Rubel von damals gut angewandt; ich habe in der Nähe von Warschau Zuckersiedereien angelegt, an denen eö in Polen noch gefehlt hat, und sie gedeihen und bringen bedeutenden Nutzen. Aber ich bin allein, ich kann nicht Alles beaufsichtigen, nicht Alles bewältigen. Werdet mein Compagnon, Herr; so ist uns Beiden geholfen! Hier ist meine Hand, sie ist rauh und schwielig, aber sie ist die Hand eines ehrlichen Mannes; schlaget ein, Herr, Ihr thut mir einen so großen Gefallen wie Euch selber!" Und Rosenstrauß schlug ein. Nach wenigen Wochen siedelte er nach Warschau über. Zwar nahm er von den Capitalien des dankbaren Sergei nichts an. aber von dem Reinerträge der Zuckersiedereien nahm er die Hälfte; und er durfte diese mit gutem Gewissen nehmen; denn unter des ehemaligen Justizraths einsichtsvoller Verwaltung stieg der Ertrag der Zuckerfabriken auf mehr als das Dreifache. Nach wenigen Jahren schon war Rosenstrauß ein sehr reicher Mann geworden. — (Fortsetzung folgt.) Hierz» eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schm Hojbrrchhandlung. — Dampf-Schnellprefsendrnck von I. Gottsleben in Mainz.

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