Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1868-10-21 · Heft 43 (21.10.1868) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 43 (21.10.1868)
Date
1868-10-21
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447343-2447384--06581-2462143
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1 805 Während in unserem Bruderlande Raub und Communiömus fortwährend auf der Tagesordnung stehen — schweigt die Diplomatie, als wenn nichts vorginge; dagegen vermag ein Juden-Krawall in der Moldau die ganze diplomatische Welt zu alarmiren, die Taufe einer Jüdin den Reichsrath drei Tage in Athem zu erhalten. Ich führe es deshalb an, um den Einfluß des Judaismus nachzuweisen. Wenn in Wien, Prag, Berlin so laute Beschwerden über die Suprematie des Judaismus geführt werden, um wie viel mehr muffen wir uns darüber beschweren, da bei unS die Israeliten den fünften Theil der Bevölkerung bilden, welche gewiß bei dem Umstande, als bei Israeliten daS „Mehret auch!" ein mit Fanatismus befolgtes Dagma ist, in rascher Proportion steigen wird. Am unerträglichsten zeigt sich aber der Einstuß des Judaismus bei Erfüllung der Militärpflicht. Der Einfluß des Judaismus versteht eö recht gut, sich der Militärpflicht zu entziehen; dafür aber muß, meine Herren, unter Sandmann diese Freibeit des Israeliten mit dem Blute seiner Dohne bezahlen. Ich werde zwar ihre Gleichberechtigung im Principe anerkennen, doch die practifche Einführung als nicht zeitgemäß betrachten , und beantrage deshalb den Uebcrgang zur Tagesordnung über die Regierungsvorlage. Gniewos; lim): Bergessen Die nicht, daß dieses Volk immer aus der Gesellschaft ausgeschlossen war, daß es immer und überall — Polen ausgenommen — verfolgt war. Diese.Verfolgungen hatten auch zur Folge, daß es sich nur aus den Handel und das Geldleihen beschränken mußte, da daS letztere Geschäft sogar den Ehristen verboten und nur den Juden allein erlaubt wurde. Die Gleichberechtigung kann man ihnen schon nicht nehmen, Die sehen ja, daß sie sogar im ReichSratbe sitzen, hier handelt eö sich aber um die Beseitigung jener Hindernisse, welche die Israeliten von unserer Bevölkerung trennen. Rogawski plaidirt für die Israeliten, welche im ehemaligen Polen nicht so schlecht sein mußten, da sie doch von unseren Königen mit Freiheiten und Privilegien überhäuft waren. Haller beantragt die Zurückweisung der Vorlage an den Ausschuß, welchem 'Anträge such Terosiewicz zugesellt. Du Ls (Israelit); Meine Herrn, schenken Die uns Vertrauen, rund man wird Ihnen mit Vertrauen antworten. Man sagt, wir finb Dwüsche, nicht Polen; sind wir schuld daran, und wie viele gibt cs unter Ihnen, mcine Herren, die bester deutsch als polnisch sprechen und schreiben? Wollen Sie denn, daß uns die Wiener Gesetze in Schutz nehmen, während die einheimischen uns verdammen? Es ist, meine Herren, ein falscher Grundsatz, wenn man das angeborene Recht als eine Prämie betrachtet. Man sagt im Princip, in der Theorie ist die Gleichberechtigung schön, in der Praxis dagegen nicht — nun lasten Sie uns die Praxis und wir schenken Ihnen die Theorie. Krzecunowiczjstder Ansicht, daß gleiche Rechte auch zu gleichen Verpflichtungen auffordern, welche nicht in Paragraphen, sondern in den Herzen eingeschrieben sind. Dieses wollen die Israeliten nicht verstehen. Smolka. Wenn gegen den Ausfchußantrag die Herren (weist auf die bäuerlichen Deputaten) aufgetreten waren, so würde ich es begreiflich finden; wenn aber Männer von Bildung, die von Freiheit so oft und so schön zu sprechen verstehen — wenn solche Männer gegen die Zuerkennung der angeborenen Rechte unserer Mitbrüder auftreten — dann steht es in der That traurig um unsere Gesellschaft. Daß die Israeliten sich der Militärpflicht entziehen, das Lhun wir ja auch gerne. (Heiterkeit.) Es wird namentliche Abstimmung beantragt und bei derselben der Antrag Hallers angenommen, somit die Vorlage dem Ausschüsse zur Behebung einiger Formfehler zurückgewiesen. (Inzwischen hat der Landtag, wie die Zeitungen berichten, die vollständige Emancipatron der Juden ausgesprochen.) rc n £ 11 c t o n. Aie Kwancipatiorr der Juden in Frankreich. Aus den Quellen bearbeitet von ^maniret Leser. (Fortsetzung.) Es konnte sich zunächst darum handeln, ob vielleicht gar Nichtkatboliken gewählt wurden. In einzelnen Wahlversammlungen allerdings verband man sich durch feierliche Erklärungen, nur solche Männer zu Vertretern zu ernennen, die, der Religion treu, den Glauben ihrer Auftraggeber theillen und darum allein befähigt seien, die Interessen derselben zu wahren. Dock nicht überall ist diese Gesinnung die herrschende. In Bordeaur wurde ein jüdischer Kaufmann, Herr Gradir, zum Wahlmann ernannt, und ein großer Theil der Wähler ist auch für seine Bestellung zum Abgeordneten bemüht. Für erforderlichen Mehrheit fehlten ihm aber drei oder vi..r Stimmen, und durch die Beseitigung seiner Eandidatur war es keinem französischen Inden beschieden, selbst mitzuberathen und zu beschließen über die eigene Zukunft. Ob aber für diese ein Rachtheil in dem entgangenen Erfolge lag, wollen wir nicht zu entscheiden versuchen; das Land schickte manchen Vertreter zu den Generalstaaten, der, wenn etwa nicht mit dem gleichen beharrlichen Eifer, so doch vielleicht mit mehr Gewicht für die Juden in die Schranken treten sollte, als Abgeordnete au§ ihrer eigenen Mitte es vermocht hätten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.