Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1868)
- Date
- 1868-10-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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806 War in Bordeaux die Wahl eines Juden nicht erreicht worden, so ging dagegen in Nimes ein Nichtkatholik aus der Abstimmung hervor, der Sohn des reformirten Geistlichen, Nabaut de St.-Etienne. Es lag ein Triumph der Toleranz in seiner Ernennung zum Abgeordneten, und wir werden später noch erkennen, wieviel die Juden derselben zu verdanken hatten. Aber es durfte ihnen auch die Wahl von katholischen Männern zur Genugthuung gereichen. In der Stadt Aix in der Provence wurde vom dritten Stande dem Grasen Mirabeau ein Mandat ertheilt. Abgesehen davon, daß ein Mann, der in sreiheitsathmenden Schriften mit glühenden Worten gegen Despotismus und Unterdrückung geeifert hatte, als der natürliche Freund und Anwalt der französischen Juden zu betrachten war, hatte sich Mirabeau schon als Kenner ihrer Verhältnisse, als Vertheidiger ihrer Ansprüche gezeigt. Bei dem Tode Moses Mendelssohn's hatte er seinen Landsleuten das Leben des jüdischen Philosophen geschildert und daran eine Darstellung der Lage des jüdischen Volkes im Ganzen geknüpft, für dessen Befreiung er Wünsche und Vorschläge vorbringt. Von den verschiedensten Seiten beleuchtet er in diesem Werk die Eigenschaften der Juden; er rühmt ihre Gaben;1 2) er widerlegt die Anschuldigungen, die gegen sie erhoben werden,3 4) und führt aus. wie das, was man ihnen vielleicht mit Grund vorwerfe, aus ihrer gedrückten Lage entstanden sei und mit dieser aushören werde; *) er gelangt zu dem Ergebnis;, daß ihnen volle bürgerliche Gleichstellung gewährt werden müsse.5) Mirabear?s Wahlkreis schickte noch einen andern Abgeordneten, der seine Ansichten über die Juden, seine Wünsche für die Verbesserung ihrer Lage öffentlich ausgesprochen hatte, den Advokaten Bouche aus Aix. In seinen geschichtlichen Studien ist er zu der Einsicht gekommen, welches Unrecht den Juden geschehen durch die Zurücksetzungen, denen man sie un- 1) Sur Moses Mendelssohn, sur la reforme politique des Juifs et eil particulier sur la revolution tentee en leur faveur en 1753 dans la gründe Bretagne. Par le comte de Mirabeau. A Loudres 1787. 2) p. 84: 11s out k un point eminent la prudenee, l’application, l’activite, la souples.se nücessaires pour se preter;\ toutes les situations; quelques uns se sont muntres k leur avantage daus les affaires publiques .... Ils se montrent tres adroits dans les arts niechaniques. partout oü on leur permet de les exereer. Le petit nombre de ceux qui ont pu se livrer aux scienees Tont fait avec un graml sueces. 3) 4. Theil: Objections de M. Michaelis et autres. 4) La veritable nu plutöt l’unique cause de la corruption des Juifs fest) -leur etat continuel d’oppression et les limites de leur occupation bornees ä un seid objet moralement defavorable. (p. 88). 5) Bannissez de la societe toute distinetion avilissante pour eux; ouvrez leur toutes les voies de subsistance et d’acquisitions (p. 88). . . Qu’ils soient mis et maitenus dans tous les droits de citoyeus. (p. 89). terworfen hat. Er stellte das Verlangen an seine Regierung, ihnen einigermaßen den Genuß der bürgerlichen Rechte zu gestatten *). Auch unter den Deputirten des Ostens fanden sich Freunde und Vertheidiger der Juden. Auö dem Elsaß kam der Bailly von Flachslanden, von Hagenau und Weißenburg abgeordnet. Von ihm ist uns eine Rede aufbewahrt, die er gesprochen hatte als Präsident der Ständeversammlung seiner Provinz, und worin er der Juden gedachte und ihrer unglücklichen Stellung. Mit lebhaften Worten schildert er das Unheil, das ihnen wie ihren Unterdrückern aus den bestehenden Verhältnissen erwachse, und weist ans die Nothwendigkeit einer neuen Regelung ihrer ganzen Lage hin und aus die Pflicht, ihnen Bürgerrechte im Staate gesetzlich zu verleihen 2). Den größten Eifer in der Erforschung der Geschichte der Juden und in der Erkundung ihrer Zustände, ihrer Wünsche und Bedürfnisse hatte der katholische Geistliche von Embermesnil in Lothringen gezeigt, der Jansenist Gregoire, der jetzt ans seinem stillen Pfarrdorfe berufen wurde, um den Clcrus von Nancy in der Versailler Versammlung zu vertreten. Im Jahre vorher war seine Schrift, in der er seine Studien über die Juden und die praktischen Vorschläge, die sich ihm daran knüpfen, niederlegte, von der Metzer Akademie mit einem Preise gekrönt worden 3). Wenn die große Belesenheit, die er in diesem Werke entfaltet, ihn auch manche unbegründete Anschuldigung wiederholen laßt, die von früheren Schriftstellern gegen die Inden erhoben war, wenn er auch den Klagen Ausdruck verleiht, mit denen der kleine Bauer gegen ihren Handel aufzutreten pflegt, fo wird doch auch sein Gefühl rege für den gewaltigen nationalen Schmerz der Verbannung, der Zerstreuung und des Elendes, die Jahrtausende währen. Er will für die jüdische Sache eintrcten, und sein weiches Herz wird mit gerechtem Stolze erfüllt bei dem Gedanken, daß er, der katholische Priester, sich dazu die nöthige Unbefangenheit bewahrt hat; 4) er spricht als Geistlicher gegen 1) Beuche, Essai sur riiistoire de Provence (1785) II 28: fei le gouvernement se relächait de sa severite ä leur egard, en les admettant sur certains objets ä l’honneiu* et au rang de citoyeus . . . peut-etre (ces chaugeinents) les conduiraient au point oü nous soinmes tous. 2, Une societe d'hommes que sa religion et ses prejuges rendent etrangere partout exeitera votre attention. Le contrat que v<>us avez fait avec eux, l’humanite vous ordonuent de les protegvr. 11 devieut necessaire d’implorer de la sagesse du gouvernement une loi qui en les rendant plus citoyeus les force ü adopter un genre de vie plus analogue ä la societe et moins oppressif pour les peuples dont ils preparent la ruine sans etre plus lieureux, puisque le plus grand nombre est reduit ä l’indigenee. 3) Essai sur la regeneration pliysique, morale et politique des Juifs. Metz 1788. 4) Ce qu’un rabbin (Leon de Modene) n’a point teilte, un pretre catholique espere l’executer avec sueces. Le