Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1868)
- Date
- 1868-10-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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800 Auch dieser theilte, nachdem er sich Alles hatte erzählen lassen, den Verdacht Meliski's und ordnete sofort eine strenge Untersuchung an; ein Polizeirath, zwei Polizeicommissäre, der Kreisarzt und einer seiner Assistenten, wurden sogleich nach dem Gute Ulrinski's geschickt, um den Thatbestand auszunehmen, die Leiche Kathinka's ausgraben zu lassen und ärztlich zu untersuchen. Der mit dieser Mission beauftragte Kreisarzt war Niemand anders als Samuel Löwisohn. Als die Untersuchungscommission auf dem Gute Ulrinski's anlangte, erschrak dieser sehr. Doch schöpfte er neue Hoffnung, als er erfuhr, daß der untersuchende Arzt der Freund seines Schwagers sei. Während die Herren vom Gericht, sich von der Reise erholten und sich wärmten — es war mitten im Winter — nahm Ulrich den Kreisarzt bei Seite. „Herr Doctor," sagte er, „ich höre, daß Sie der Freund meines Schwagers seien. Dieser bat mir so viel Gutes von ihnen erzählt, daß es mich drängt, Ihnen einen kleinen Beweis meines Wohlwollens zu geben. Nehmen Sie diesen Ring und tragen sie ihn als ein Andenken an mick." Bei diesen Worten überreichte er ihm einen prachtvollen Brillantring von großem Werthe. Löwisohn sah den Baron durchdringend an. „Gnädiger Herr," sagte er, „Sie werden mir gestatten, die Annahme dieses Ringes bis nach stattgehab- 1er Untersuchung zu verschieben." Ulrinski wurde leichenblaß. „Herr Doctor!" ries er zitternd, „Sie werden nichts Gravirendes finden! Nicht wahr, Sie werden Nichts finden? Ich bitte, ich beschwöre Sie, finden Sie nichts! Bedenken Sie, daß ich der Schwager Ihres besten Freundes bin, und ich werde Sie fürstlich belohnen." „Herr Baron!" entgegnete Löwisohn, „Ihr Gewissen scheint Sie «sehr zu drücken, und ich will Ihnen deßhalb nicht Vorhalten, wie schwer Sie mich durch Ihre Anerbietung beleidigen. Ich bin kaiserlicher Beamter und werde in jedem Falle meine Pflicht thun. Aber um der Freundschaft zu genügen, will ich Ihnen einen Ausweg zeigen; ich werde die Leiche mit nach Kowno nehmen und sie dort seciren. Benutzen Sie die Zwischenzeit und entfliehen sie schleunigst." — "Eine Untersuchnng wurde abgehalten; Zeugen wurden vernommen; die Leiche der unglücklichen Kathinka wurde ausgegraben. Wohl ergab sich aus dem Zeugenverhör, daß ein unsittliches Verhältniß hier stattgehabt, ob aber Kathinka eines natürlichen Todes gestorben oder nicht, war weder aus dem Aussehen der Leiche, noch aus den Aussagen der Zeugen zu ermitteln; war hier eine Gewaltthat geschehen, so konnte eine solche nur durch Gift verübt sein. Der Kreisarzt erklärte, daß er die Leiche zur chemischen Untersuchung mit nach Kowno nehmen wolle. Die Leiche wurde verpackt und auf den großen Wagen geladen, der die Untersuchungscommisston wieder nach Kowno führen sollte. Als der Wagen fortrollte, stand Ulrinski am Thore seines Schlosses, die Faust ballend. „Du hast gesagt" murmelte er, „du hast gesagt, „verdammter Jude, ich solle die Zwischenzeit benutzen, ich werde sie benutzen!" ES war ein klare, schöne Winternackt, in welcher die Untersuchungscommission wieder zurückfuhr; Ulrinski war ins Schloß gegangen und hatte einen seiner vertrautesten Diener, den Gehilfen bei allen seinen Ausschreitungen zu sich gerufen und hatte ihm Weisung ertheilt. Sofort hatte sich der in der Gegend geborene Diener auf den Weg gemacht und war auf Fußpfaden dem Wagen zuvorgekommen; dann war er umgekehrt, so daß es den Anschein hatte, wie wenn er von Kowno käme. So begegnete er dem Wagen. , „Heda, Kutscher!" rief er, „wohin des Weges?" „„Nach Kowno!"" „Wenn Du nach Kowno willst, so muß Du hier über den Niemen fahren; das Eis ist hier sehr fest und trägt die schwersten Lasten." „„Ich meine,"" entgegnete der Kutscher, „„ich müsse noch ein wenig weiter hinauf fahren!"" „ Nicht doch, Freundchen, das Mondlicht täuscht Dich! Weiter oben sind offene Stellen im Flusse und Du riskirft Dein und Deiner Herrschaft Leben." Die im Wagen Sitzenden hatten das Gespräck gehört. Der Polizeirath öffnete das Fenster und ries den Fußgänger an: „„Woher bist Du mein Freund?"" Ich bin aus dem Dorfe, gnädiger Herr, dac Ihr soeben passirt habt. Ich komme von Kowno." „„Und dies hier ist die beste Ueberfahrt?"" „Sicherlich, Herr!" „„So fahre hier über, Willusch!"" Ungern gehorchte der Kutscher; aber er gehorchte. Bald hörte man das Rollen der Räder auf dem Eisda, mitten auf dem Strome begann das Eis zu kr, chen. „Jetzt!" rief der am Ufer Stehende frohlockend. Mit verzweifelter Anstrengung brachte Willusch dt Pferde zum Stehen; allein es war zu spät. Mit lau tem Gekrach barst die dünne Eisschichte und Kutscha und Pferde, und Wagen und Insassen, die lebendigei wie die todte, sie alle verschwanden unter dem Eise Am Ufer hörte man die Angstruse der Sterbenden Ulrinski's Diener aber sprach hohnlachend: „In die Hölle mit Euch! Ihr werdet meinen Herrn nicbt mehr schaden!" (Fortsetzung folgt.) zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. - Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. — Dampf - Schnellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz. i 1 ] ( s I I i ( r k t n f r fj 3 o Z a w d, n, fe ni p' ol se te vc vc