Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1868)
- Date
- 1868-10-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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798 hundert Gefangene waren versammelt, an deren Spitze sich der Verwalter der Anstalt befand. Die Feier wurde von dem Rabbiner und Prediger zu Linz, Herrn vr. Wilhelm Stern, geleitet. Nach dem üblichen Schachrith - Gebete sprach Goldschmidt zum ersten Male den Segen über die Thora, worauf Herr vr. Stern eine ergreifende Rede in schwungvoller Sprache hielt. Sodann betrat Goldschmidt gleichfalls die Kanzel und hielt eine Abschiedsrede an seine christlichen Glaubensgenossen, in welcher er die Motive seines Uebertrittes darlegt und welche Rede so sehr rührte, daß viele Augen mit Thränen gefüllt waren. Die Feier schloß mit einem von Goldschmidt gesprochenen Gebete für den Kaiser und die Volksvertretung. Belgien. Brüssel, 8. Oct. Die Brüsseler Gemeindebehörden haben jetzt hier, dem Wunsche vieler Bürger entsprechend, ein communales Pensionat begründet, das dem Atheneum (Gymnasium) als Annex dient, und zu dem billigen Zahrespreis von 800 Fr. den Zöglingen Kost, Wohnung, Wäsche und den Unterricht in allen Fächern bietet. Im Programm stgurirt merkwürdigerweise (der Brüsseler Gemeinderath ist bekanntlich sehr liberal) ein Paragraph, worin es heißt: daß die nöthigen Vorkehrungen getroffen sind, daß am Freitag allwöchentlich den Zöglingen nur Fastenspeisen verabreicht werden sollen. Sobald der Rabbiner vr. Aristide Astruc das Programm zu Gesicht bekommen, begab er sich zu dem mit der öffentlichen Unterrichtsfrage betrauten Schöffen und verlangte, daß man ebenfalls, sobald man der katholischen Religion Rechnung trüge, dies auch der israelitischen gegenüber thun und den etwaigen iörael. Zöglingen, den Vorschriften ihrer Religion gemäß, ihre Speisen zubereiten lassen sollte. Alle Einwendungen, welche diesem rationellen Verlangen gegenüber von dem Anfangs sehr befremdeten Schöffen gemacht wurden, wies der jüdische Geistliche mit der Frage zurück: ob denn Brüssel etwa ein specifisch katholisches Pensionat begründet haben wollte? Und zu guterletzt erhielt er denn auch die förmliche Zusage, daß, sollten die Eltern jüdischer Zöglinge es verlangen, dafür gesorgt werden würde, daß eine jüdische Köchin in vorgeschriebener Weise die Speisen bereiten würde. (Fr. I.) England. Rschestev Montag den 6. October legte Herr Simon Magnus aus Chatham den Grundstein zu einer großen Synagoge für die hiesige Gemeinde, welche derselbe aus eigenen Kosten erbauen läßt. Die Baukosten werden sich im Ganzen auf 8500 L. (102,000 st.) belaufen. Rußland. Unsere Leser werden sich der Berichte über Gewaltthätigkeiten erinnern, welche geg^n arme, hungernde Israeliten in St. Petersburg von Seiten der Polizei vorgekommen sein sollen. Diese Berichte sind auch in die holländischen Blätter übergegangen. Herr M. M. Catz zu Venlo in den Niederlanden, der ein warmes Herz für die Leiden seiner Glaubensgenossen besitzt, hat das betreffende Exemplar des „N. "Weekblad voor Israelieten“ an einen Freund, den Prediger der holländischen Gesandschaft zu St. Petersburg, Herrn I. H. Kunst, ehedem Prediger zu Venlo, geschickt und ihn gebeten, sich der Unterdrückten anzunehmen. Der ehrwürdige Herr Kunst, mit großer Bereitwilligkeit auf diese Angelegenheit eingehend, hat S. Excellenz, den holländischen Gesandten, Herrn Baron Gevers, zu veranlassen gewußt, sich deßhalb an das Kaiserliche Russische Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten zu wenden. Hieraus hat der Kaiserlich Russische Minister, General West ermann, Excellenz, eine Untersuchung eingeleitet. Als Resultat derselben wurde Herrn Kunst mitgetheilt, daß an der ganzen Angelegenheit kein wahres Wort sei und wurde dieses Resultat auch in dem ofstciellen „Journal de St. Petersbourg“ veröffentlicht. Wir halten hiemit die Angelegenheit jedoch noch nicht für erledigt. Der aus dem „Israelit" in das „weekblad" übergegangene Bericht war der „Königsbcrger Hartung'scken Zeitung" entnommen und war aus dieser in die Mehrzahl der deutschen Zeitungen übergegangen. Wir aber haben auch noch außerdem von zwei in St. Petersburg wohnenden Glaubensgenossen Berichte in hebräischer Sprache empfangen, welche dem Inhalte nach mit dem erwähn ten Artikel vollkommen übereinstimmen. ES ist nich denkbar, daß von verschiedenen Persone ausgehende, in den Einzelheiten überein stimmende Berichte gänzlich aus der Lus gegriffen sein sollen. ES ist immerhin mö; lich, daß die Urheber jener Gewalttätigkeiten die Ar. gelegenheit zu vertuschen und das kaiserliche Ministe rium zu täuschen verstanden haben. Wir haben die geeigneten Schritte gethan, um diese Angelegenheit weiter zu verfolgen. Donaufür stenthümer. Valatz, 12. Oct. Der hier anwesende Minister Arion stellte wegen der jüngsten Exceffe eine strenge Untersuchung an. Die Juden sind völlig befriedigt und werden in den europäischen Zeitungen eine Dankadresse an die rumänische Regierung veröffentlichen.