Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1868)
- Date
- 1868-10-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447343-2447384--06570-2462132- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
794 besten, fleißigsten Bürger beraubte Land nicht vor dem Verkommen schützen. Wunderbar, heute ist es ebenfalls eine Isabella, die Spaniens Königin heißt, die aber flüchten muß über ihres Landes Grenze, ehe die großen Ideen des Jahrhunderts in diesem zur Verwirklichung gelangen können! Noch bis vor wenigen Jahrzehnten haben in Spanien heimliche Juden gelebt, die sich öffentlich zum Christenthume bekannten; ein deutscher Glaubensgenosse, welcher unter Napoleon den spanischen Feldzug als Offizier mitgemacht hatte, erzählte uns einst folgende merkwürdige Geschichte: „Ich war," erzählte er, „einst in einem Hause ein quartiert, in welchem das Haupt der Familie todtkrank darniederlag. Während ich mein Abendessen zu mir nahm, erschien ein Geistlicher, um dem Kranken die letzte Oelung zu verabreichen. Dieser aber stieß mit letzter Kraftanstrengung den Geistlichen zurück und rief: „Schemang Jisrael!" Da ließ der Geistliche das hochgehobene Kreuz zur Erde niederfallen und rief: „H as ch em El o h e nu!" ich aber legte Messer und Gabel nieder, erhob mich und sprach mit lauter Stimme: „Haschem Echad!" — War das eine Erkennungsscene! Kranker und Geistlicher waren beide heimliche Juden, die in dem fremden Soldaten ihren Bruder erkannten! Der kranke Hausherr erholte sich wieder und lebte noch einige Tage; er hatte, als er dann starb, den Trost, daß Glaubensgenossen ihm die Augen zudrückten." Ob es wohl jetzt noch heimliche Juden in Spanien gibt? Jetzt dürsten sie ungestraft ihr Haupt erheben und frei sich bekennen zum Gotte ihrer Väter. Wünschen wir den auf freiheitlicher Grundlage sich gestaltenden Verhältnissen der zu neuem Leben erwachenden pyrenäischen Halbinsel eine gedeihliche Entwickelung. Der Mische Opfercultus. Mainz, den 11. October. III. Die Opfer als Gottgebotene Thaten. Das Iudenthum ist eine Religion der That; schon die heilige Schrift beginnt mit einer That; „Im Anfänge schuf Gott". Da unser ganzes geistiges Leben sich in drei Kategorien^zusammenfassen läßt: Gedanken, Worte, Thaten, die Pch wie Keim, Blüthe und Frucht zu einander verhalten, so ist allerdings die That das Höchste. Die Thaten, die das Iudenthum vorschreibt, sind nun entweder Selbstzweck, oder sie sind die symbolischen Träger historischer Erinnerung, oder sie sind die symbolischen Träger erhabener Wahrheiten und Grundsätze. Die meisten der Gottgebotenen Thaten, welche Selbstzweck sind, bedürfen keiner besonder» Begründung; sie sind dem menschlichen Verstände unmittelbar einleuchtend; so das Gebot der Fortpflanzung, der Elternehre, der Unterstützung der Armen, der Lebensrettung des gefahrbedrohten Mitmenschen, der Nächstenliebe, der Wahrhaftigkeit u. s. w. Auch viele derjenigen Gottgebotenen Thaten, welche sich uns als symbolische Träger historischer Erinnerungen geben, bringen ihre Erklärung und Begründung mit sich; doch wollen wir schon jetzt bei ihnen etwas länger verweilen, weil sich aus ihnen deutlicher ergibt, wie die heilige Religion Israels unscheinbare und anscheinend geringfügige Thaten zu Trägern der ewigen und fruchtbaren Erinnerung an große weltgeschichtliche Ereignisse macht. Die Weltgeschichte ist eine Sammlung von Erinnerungen an große Ereignisse, welche das Leben der Völker berührt oder entwickelt haben. Die meisten Völker vergessen ihre Geschicke; man hat seit Jahrtausenden alles Mögliche versucht, um die Erinnerung sestzuhalten. Man hat Denkmäler von colossaler Größe und ungeheurer Festigkeit ausgerichtet. Sie sind im Laufe der Jahrhunderte zerfallen, und mit ihnen ist das Gedächtniß der Dinge geschwunden, um deretwillen sie errichtet worden sind; oder die Trümmer sind noch da, und das Bewußtsein der einstigen Bedeutung ist dennoch geschwunden. Wo sind die großen Denkmäler, welche Griechen und Römer ob ihrer Siege errichtet haben; oder wer kennt noch die Bedeutung der Trümmer von Elephante und Salsette in Indien, wer weiß heute noch die Pyramiden Aegyptens zu deuten? Einen andern, unscheinbaren aber dauernden und bleibenden Weg hat die Gotteslehre eingeschlagen; durch ein wenig Bitterkraut uud durch ein olivengroßes Stückchen ungesäuerten Brodes hat sie die Geschichte unserer Befreiung aus Aegypten verewigt. Alljährlich am Vorabend des fünfzehnten Nissan fragen unsere kleinen Kinder: „Warum müssen wir heute Abend Bitterkraut essen?" und das Haupt der Familie hat die Pflicht, von den Leiden unserer Väter während der Knechtschaft zu erzählen. „Warum essen wir ungesäuertes Brod?" und das Haupt der Familie erzählt von der wunderbaren Befreiung. Ziehen wir am Hüttenfest in die Gottgebotene Hütte, so erfährt jedes jüdische Kind von dem wunderbaren Zuge durch die Wüste, da Gott unsere Eltern in Seinen Hütten wohnen ließ vierzig Jahre lang. Auch unter jenen Gottgebotenen Thaten, welche symbolische Träger erhabener Wahrheiten und Grundsätze sein sollen, sind viele aus den ersten Blick einleuchtend; so die Tephillin, die Haupt und Hand und Herz der Gotteslehre unterwerfen; so die Schaufäden an unfern Kleidern, die uns an Gott und Seine Ge-