Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1868)
- Date
- 1868-10-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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786 widersetzen, noch an die amharische Autorität zu appelliren. Die Falaschas sind gewöhnlich leicht erregbar, Streitigkeiten sind nicht selten bei ihnen. Jeder vertheidigt seine Sache mit der größten Beredtsamkeit und durch allerlei Geberden; aber niemals kommt es zu Schlägen und sobald man zu ermitteln sucht, hören sie auf die Stimme des Rechts. Zu Ehren der Frauen muß man sagen, daß sie niemals durch ihre Discussionen das gute Einvernehmen der Nachbarschaft stören. Die religiöse Einheit der Falaschas wurde immer seit undenklichen Zeiten aufrecht erhalten. Kein Schisma, keine Secten oder besondere Parteien. Jede Provinz, jede Stadt unterwirft sich gern der Entscheidung ihres Priesters. Jede Gemeinde ist autonom und unabhängig. Nur wenn der Religion eine große Gefahr droht, vereinigt man sich, um den gemeinschaftlichen Feind zu verdrängen. Dank dieser Einigkeit ist es den schwachen und unwissenden Falaschas gelungen, die Gefahr, welche ihnen von Seiten der frommen (?) Brigade von Missionären gedroht, abzuwenden. Die Falaschas bilden ein unterscheidende Fraction des Judenthums. Ihre Gebräuche und Ceremonien versetzen die Theologen in das höchste Erstaunen. Sie besitzen unfern ganzen Canon in der Gueez-Sprache mit den apocryphischen Büchern, die von der abessynischen Kirche adoptirt sind. Mehrere ceremonielle Einrichtungen, welche bei uns existiren, findet man nicht bei den Falaschas, wie z. B. die Halbfeiertage Chanuka und Purim. Hingegen beobachten sie mehrere Ceremonien und eine beträchtliche Anzahl von Halbfeiertagen, welche auf andere apocryphische Bücher bastrt sind, von welchen einige von einer sehr zweifelhaften Quelle herrühren, aber welchen sie mit einer Zähigkeit, die einer bessern Sache würdig wäre, anhängen. Da sie keine Kenntniß von der mündlichen Lehre haben, ist ihr Leben nach der Gewohnheit geregelt. Sie haben ein eigenthümliches System von Interpretation der heiligen Lehre, welche nicht immer mit unseren Erklärungen übereinstimmt. Man umhüllt sich nicht während des Gebets mit dem n’!?a, man legt keine l'v'sri und die Thüren sind nicht mit mmio versehen. Bei einem Volke, welches seit Jahrhunderten fern von der Bewegung der Welt lebt, kann man keine große Entwickelung intellectueller Reichthümer erwarten. Jndefien haben wir hier einen neuen Beweis, daß sich niemals der jüdische Geist gänzlich entkräftet. So haben selbst die Falaschas eine Literatur in der Gueez- Sprache, ähnlich den Apocryphen und in dem Style der Midraschim geschrieben. Der Myfticismus hat sich AbessynienS bemächtigt. Die Beschwörungsformeln und die Amulette sind weniger im Gebrauch unter dm Falaschas als sie eS unter dm Christen und Muhamedanern sind. Indessen der blinde Glaube eines Volkes zu Gunsten eines geschriebenen Buches, welche« einen respectablen Namen trägt, öffnet allem Aberglauben die Thüre. (Fortsetzung folgt.) AeiturrgSnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. □ München, 25. Sept. Dem jüngst ernannten Ministerialrath von Branka wurde das Referat über den größten Theil der Sammlungen des Staates und über alle Angelegenheiten, welche auf den Kultus der Israeliten Bezug haben, übertragen. — Am Neujahrsfeste ward hier in nicht weniger als fünf Lokalen Gottesdienst abgehalten. — □ Augsburg' im September. Am Dienstag, den 1. September dieses Jahres fand hier die Einweihung des neuen israelitischen Friedhofes statt. Den Platz hiezu hat bekanntlich der Stadtmagistrat in höchst liberaler Weise der Gemeinde zum Geschenke gemacht. (Siehe Israelit Nr. 9 vor. JhrS.) Berlin. Unter dm am Schluffe des vorigen Jahrhunderts hervorragenden Männern der jüdischen Gemeinde zu Berlin gebührt unstreitig nebm Vielen auch dem Banquier Liepmann Tausk oder Liepmann Meier Wolf eine würdige Stelle. Seine Zeitgmossm sahen mit Stolz und Verehrung auf ihn hin, auf dm Mann, der nach außen hin eine einflußreiche Stellung einnahm — TauSk war als Financier ber Hofe und den Ministern hochgeachtet — nach innen hin als Vorsteher der Gemeinde vielfache Verdienste sich erwarb , wie durch eine echt religiöse Lebensweise sich auszeichnete. Das vornehme Haus des trefflichen Mannes war nach dem Muster und Vorbilde mehrerer in jener Zeit florirenden jüdischen Großen und im Sinne eines alt-rabbinischen Ausspruches von drei Säulen getragen: Studium der Gvtteölehre, Gottesdimst und Ausübung von Liebeswerken. Jeder Bedrängte fand bei Tausk eine Zuflucht, jeder Arme eine Stütze, wie noch heute eine von ihm im Jahre 1800 begründete Stiftung zur Aushilfe herabgekommener Hausväter resp. Handwerker seinen Namen segnet. Zur selben Zeit, als ihm sein zweiter Enkel Heinrich Beer (vergl. LandShuth Seder Bikkur Cholim S. 35.) geborm wurde, nämlich im Juli 1794, begründete Tausk zum ewigen Andenken an ihn und seine Gattin Esther eine Stätte für dm täglichm