Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1868)
- Date
- 1868-10-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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784 ter aller Menschen zum Zeugen an, daß das Judenthum, der Talmud, die Kabbalah, daß sie alle nirgendwo Etwas vorschreiben, waS nur im Entferntesten zu jenem fürchterlichen Wahne Anlaß gegeben hat. Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen, daß die Angeklagten des ihnen zur Last gelegten Verbrechens nicht schuldig sein können. Ich habe nicht das geringste Interesse daran, einen Glauben zu vertheidigen, dem ich nickt mehr angehöre; allein meine heiligsten Pflichten als Mensch und Beamter, als Diener unsres erhabenen Monarchen gebieten mir, die russische Justizpflege vor dem Justizmorde zu schützen, unschuldigen Menschen das Leben zu retten!" Auf diese Weise gelang es Julius, die Richter von der Unschuld der Angeklagten zu überzeugen; er brachte eö dahin, daß ihm die Führung des Processes beim höchsten Gerichtshöfe übertragen wurde. Da wußte er nun die falschen Zeugen derart zu inquirirm, daß sie sich in unlösbare Widersprüche verwickelten und bald trat der ganze, wahrhafte Sachverhalt zu Tage. Die Juden wurden sreigesprocken, und ihre Ankläger mußten die unfreiwillige Reise nach Sibirien antreten. „Herr," sprach der alte, ehrwürdige Rabbiner, als er mit seinen Begleitern bei Julius erschien, um ihm zu danken, „Herr, Sie haben Großes vollbracht. Sie haben nicht allein uns das Leben gerettet, sondern auch unserm Volke und unserer Religion einen großen Dienst erwiesen." „„Es war nur Menschenpflicht,"" entgegnete Julius. „Gnädiger Herr," nahm der alte Rabbi wieder das Wort, „wie sollen wir Ihnen danken, was sollen wir Ihnen wünschen? Sie gehören unserm Glauben nicht mehr an; so will ich Ihnen das Beste wünschen, daß Ihre edle That nämlick eine Fürbitterin sei für Sie bei Gott, dem Allbarmherzigen, damit Sie in Reue und Buße dereinst zurückkehren zu der Religion der Väter, damit Sie theilhaftig werden der ewigen Seligkeit!" Der Justizrath lächelte trübe. „„Ich, zurückkehren,"" sprach er, „„wie könnte ich? Habe ick doch Weib und Kind, die als Christen geboren sind, stehe^ich doch im Dienste des Kaisers, der unter seinen Beamten keine Juden duldet?"" „Kennen Sie, gnädiger Herr, die Geschichte von Rabbi Jehuda Hachaßid und dem Apostaten?" „„Erzählet Sie mir!"" „Einst kam ein getaufter Jude zu Rabbi Jehuda Hachaßid und bat ihn, der Rabbi möge ihm eine Buße auflegen; er wolle zurückkehren zum Judenthume. Als aber der Fremde die große Reihe seiner Vergehen aufgezählt hatte, stieß der Rabbi seinen Stock in die Erde und rief: „So wenig dieser vertrocknete Stab grünen und blühen kann, so wenig wirst du Vergebung erlangen." Betrübt ging der Fremde von dannen. Als aber der Rabbi am andern Tage in seinen Garten kam, da hatte der dürre Stock Wurzeln geschlagen, Blätter hervorgebracht, und Rosenknospen blühten an ihm auf. Erstaunt schaute der Rabbi das Wunder. Er sandte Boten aus und ließ den Fremden herbeiholen. „Sprich," sagte der Rabbi zu ihm, „was hast Du gethan, daß Gott dich eines solchen Wunders gewürdigt?" Da sann der Fremde lange nach, bis er sich erinnerte, dereinst eine jüdische Gemeinde gegen die Blutanschuldigung vertheidigt und ihr so das Leben gerettet zu habm. Da umarmte ihn der Rabbi und küßte ihn, legte ihm Buße auf und verhieß ihm das Himmelreich." Julius war tief ergriffen von den einfachen Worten des Rabbi. Ach, ttotz alles äußern Glanzes fühlte er sich nicht glücklich; oft lag er schlaflos auf seinem Lager, von quälenden Gedanken gepeinigt; oft sah er seinen Vater im Traume, der ihn verfluchte; oft erschien ihm die Mutter, die um ihn weinte; in der Gesellschaft, in welcher er verkehrte, fühlte er sich als ein Fremder; für die Religion, zu der er sich öffentlich bekannte, hatte er weder Glauben noch Liebe, und doch war es ihm Bedürfniß, sich anzulehnen an den einzigen, allmächtigen Gott und Trost zu suchen im Gebet! Wie oft hatte er schon den Schritt verwünscht, der ihn mit einem Male von Allem entfernt hatte, was ihm ehedem theuer gewesen! Daber trafen ihn die Worte des alten Rabbinen so mächtig, so bis ins innerste Herz hinein; er konnte sich nicht mehr halten und fing laut und bitterlich an zu weinen. Als das der Rabbi sah, trat er auf ihn zu und sprach ernst und feierlich das Prophetenwort: (Jerem. 31, 16 u. 17.) „Also hat Gott gesprochen: Laß ab mit deiner Stimme vom Weinen, mit deinen Augen von Thränen, denn es gibt einen Lohn für dein Thun, spricht Gott, und sie (die Verirrten) werden zurückkehren aus dem Lande des Feindes. Und es ist noch Hoffnung für dein Ende, spricht Gott, und es werden zurückkehren die (verirrten) Kinder zu ihrem Gebiet."! (Forts, folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schm Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellprefsendruck von I. Gottsleben in Mainz.