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Der Israelit · 1868-09-30 · Heft 40-41 (30.9.1868) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 40-41 (30.9.1868)
Date
1868-09-30
Page
– (sequence 27)
Language
German
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775 Garten der Poesie mit Anmuth und Lieblichkeit schmücken. Diese sinnliche Darstellung erzeugt daher in uns ein besonderes Vergnügen, und mit Wohlgefallen weiden wir uns an dem schön durchwirkten Blüthenteppich des poetisch geschilderten Naturlebens. Je sinnlicher also die Darstellungsweise ist, destomehr wird sie auch poetische Schönheiten und Reize darbieten und desto größer wird auch das Vergnügen sein, das aus ihr erwächst. Diese Art des Vortrages, oder die durch die Sprache sinnlich wiedergegebene, reproducirte Natur erlangt noch, wenn sie recht poetisch sein soll, 4) durch die Lebendigkeit eine höhere Potenz, die sie ihrer Vollendung entgegenbringt. Das Wesen der Prosa besteht darin, daß sie dem Gedankengange systematisch folgen muß. In ihr herrscht eine ruhige Reflexion; der Geist, der aus ihr spricht, athmet Besonnenheit und Ueberlegung. Sie kennt kein buntes Durcheinandergreifen, keine Ueberstürzung der Ideen, die Gesetze der gesunden Vernunft verbieten ihr jeden übereilten Schritt, den nicht ihre strengste Censur gebilligt hat. Hierdurch verliert ihr Redeton viel von jener Lebendigkeit, die der dichterischen Diction eigen ist. Die Prosa muß zwar eben so, wie jene andern drei, die Poesie besonders characteristrenden Momente, auch diese Eigenschaft in sich zu vereinigen streben. Jndeß so wenig es ihr möglich ist, in diesen jenen Grad zu erreichen, den die Dichtkunst innerhalb derselben einnehmen und behaupten muß: ebenso kann auch die Lebendigkeit in jenem Maße ihr nicht zukommen, das die Poesie erreichen muß. Denn die Lebendigkeit ist ihr vorzüglichstes Gewand, in welchem sie, Schmuck und Glanz umherstreuend, majestätisch einherschreitet. Wo sie sich regt, muß Leben, Energie und jugendliche Frische ihre Fußtritte bezeichnen. Ihre liebliche Stimme muß, gleich dem, vermittelst seiner Leyer, seine Gattin aus der Unterwelt erweckenden Orpheus, jedes Starre und Regungslose wieder zu beleben und zu verjüngen die Kraft bentzen. Das durch die Sprache poetisch Dargestellte muß der treue Abdruck des subjectiven Innern sein; der todte Buchstabe muß mit lebensfrischem Lebenssäfte angefüllt sein, wenn in ihm das Original wieder erkannt werden soll. Die Gebilde der Phantasie dürfen nicht des ihnen entsprechenden Gewandes entbehren. So wie sie kühn ihr Haupt emporhebt, hoch in Lüften über den Aether, nach den fernsten Regionen in emem Augenblicke fliegt: ebenß) muß ihre Schnelligkeit, ihr lebhafter Character auch in dem Ausdrucke, in der Sprache fühlbar sein. Demnach wird diejenige Sprache, die diese vier Eigenschaften der Poesie und zwar 1) Kürze, 2) Einsgchheit, 3) sinnliche Darstellung und 4) Lebendigkeit besitzt, auch vorzüglich zur Producirung der Poesie geeignet sein und demnach eine poetische Sprache genannt werden können. Und als eine solche glauben wir die hebräische mit vollem Rechte bezeichnen zu können. Denn, was 1) ihre Kürze betrifft, so brauchts wohl kaum erst bemerkt zu werden, daß sie gerade hierin allen andern Sprüchen als rühmliches Muster voranleuchtet. Hören wir zunächst wie Herder sich über ihre Kürze ausspricht: (G. d. h. P. S. 29): „Haben Sie, m. Fr. im Styl der Dichter oder Propheten gefühlt, wie schön die Zeiten wechseln? wie, was ein Hemistichoron in der vergangenen Zeit sagt, das andere im Futurum ausspricht? Es ist als ob das Letzte die Gegenwart der Sache dauernd und ewig machte; indeß das Erste der Rede eine Gewißheit voriger Zeiten gibt, als ob alles schon vollendet wäre. Das eine Tempus vermehrt das Wort vor-, das andere rückwärts, also wird eine Art schöner Abwechselung euch dem Ohr bereitet, und die Gegenwart der Darstellung auch ihm sinnlich. Setzen Sie hinzu, daß die Ebräer wie die Kinder alles auf einmal sagen wollen, daß sie in Einem Schall, Person, Zahl, Zeit, Handlung und noch mehr ausdrücken; wie ungeheuer viel trägt dies zur plötzlichen Darstellung eines ganzen Bildes bei! Sie sagen mit einem Wort, was wir oft mit fünf oder mehr Worten sagen müssen. Bei uns hinken diese in kleinen, oft accentuirten Sylben vor oder nach, bei ihnen schließt sich alles als Anklang oder als sonore Endung dem Hauptbegriff an. Er steht in der Mitte, wie ein König; seine Diener und Knechte dicht an ihm, ja mit ihm eins steigen wie eine kleine metrische Region vollständig auf einmal hervor. — „Diese ihre Kürze liegt aber schon in ihrer Entstehung, in der Bildung der Stämme, zu denen nur zwei, ja vielleicht nur ein Buchstabe gehört haben mag. In der Verbindung zweier oder gar dreier Buchstaben wurde der ganze Inhalt eines zu bezeichnenden Objektes zusammengetragen, so daß möglicherweise jedes Stammwort nur eine Verknüpfung von einzelnen Buchstaben ist, von denen jeder für sich die einzelnen Seiten des in ihrer Verbindung vollkommen bezeichneten Gegenstandes enthielt. Sehen wir zuvörderst auf das Verbum sogar noch in seiner jetzigen Gestalt: so springt uns ihre große Kürze zu sehr in die Augen, als daß diese ihre Eigenschaft irgend wie noch verborgen bleiben könnte. Selbst in seiner Umwandlung nach Zeiten, Zahlen und Geschlechtern, nimmt es keinen beträchtlichen Zuwachs an. In allen Conjugationsformen behaupten die Grundbuchstaben ihre Stellung und werden mehr durch die Veränderung der verschiedenen Vokale als durch Anhäufung von Buchstaben gebildet. Ja manche Buchstaben werden sogar, und zwar bei gewissen Klassen von Verbis, gänzlich ausgestoßen, deren Stelle ein bloßes Dagesch vertritt. Zur Bezeichnung der Person begnügt sie sich mit einzelnen Buchstaben, die sie entweder als Präfixa oder Suffixa an den Stamm anhängt; deßgleichen auch bei der Bestimmung des Numerus, so daß bei jeder Umwandlung eines Zeitwortes nur vier oder höchstens fünf Buchstaben erforderlich sind. Daffelbe Verhältniß findet auch bei den Hauptwörtern statt, die größtentheils aus den Zeitwörtern abgeleitet sind. — (Fortsetzung folgt.)

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