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Der Israelit · 1868-09-30 · Heft 40-41 (30.9.1868) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 40-41 (30.9.1868)
Date
1868-09-30
Page
– (sequence 26)
Language
German
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774 Die reichhaltige Quelle des poetischen Ausdrucks der hebräischen Sprache zeigt sich: 1) in ihrer Kürze; 2) Einfachheit; 3) in ihrer sinnlichen Darstellung; 4) in ihrer Lebendigkeit. Diese vier genannten Eigenschaften, die, wie zu erweisen ist, die hebr. Sprache vorzüglich besitzen soll, bilden aber zugleich auch die vier Hauptbestandteile der Poesie, die sie als soche gerade von der Prosa unterscheidet. Denn während die Prosa nur die Darstellung des wissenschaftlichen Inhalts als des Erzeugnisses des denkenden Geistes in sich begreift, und den zu behandelnden Stoff klar und umständlich darzustellen die Aufgabe hat, zumal wenn abstracte Begriffe durch Deduktionen und Inductionen erklärt und metaphysische Gedanken erörtert werden sollen und demnach, wie sich von selbst versteht, sich umständlich mit der größten Ausführlichkeit aussprechen muß: liebt gerade die Poesie die allergrößte Kürze in Ausdruck und Redeweise. Denn wenn die Prosa das zu erklärende Object recht deutlich und anschaulich durch richtige und logische Redefügung, wie durch klare, jeden Mißverstand und Jrrthum beseitigende Wortstellung zu machen sich befleißigen muß, was nur geschehen kann, wenn gleichbedeutende Worte nebeneinander in Parallelgliedern wechseln, die Sache selbst vielfach umschrieben und durch die sogenannten Partikel ein Reichthum der Satzverbindung entsteht: so ist hingegen eine Hauptbedingung der Poesie, daß sie in möglichster Gedrängtheit sich kurz und bündig ausdrücke. Und in der That sagt in ihr sehr oft ein einziges Wort, ja eine Interpunktion mehr, als in der Prosa ein ganzer Satz. Denn ihre erste Geburtsstätte ist der Affect und dieser macht sich sogar schon oft durch einen unartikulirten Ton dem horchenden Ohre verständlich. Sehen wir ferner, daß die Prosa nur Schritt für Schritt ihren Gegenstand verfolgen kann, daß sie einen Begriff aus dem andern folgern, einen Gedanken aus dem andern hervorgehen lassen muß, ohne sogenannte Gedankensprünge machen zu dürfen: so ist es klar, daß hingegen die Poesie sich nicht, wenn sie auch im Allgemeinen von den Hauptregeln der Gedankenverknüpfung nicht abweichen darf, so streng an die Logik zu halten braucht. Mit Recht sagt daher Herder (Th. I. Ges. I): „Ein Gedicht in Syllogismen könnte Niemand lesen." — Denn sobald das menschliche Gemüth von seinem poetischen Stoff erfüllt ist, schüttet es denselben aus, unbekümmert, ob dabei auch die Gesetze der Vernunft so streng befolgt werden oder nicht. Es sucht sich gleich einem gefesselten, jedoch durch seine überwiegende Kraft alle Dämme durchbrechenden Strome Luft zu machen, und viel zu schwach ist da der Geist, seine Stimme zu matt, als daß das überladene und überfluthende Gemüth ihm Gehör geben sollte. Zu dieser Kürze in der Poesie gesellt sich 2) die Einfachheit. Einfachheit soll zwar auch in der Prosa herrschen, nach der sie, wenn sie auf Concinnität Anspruch machen will, ringen muß. Jndeß weicht sie von dieser mehr oder weniger ab und überladet ihren Stoff mit einer Menge erborgten Putzes und erbettelten Zierlichkeiten, mit denen sie, zumal wenn sie arm an innerem Gehalte ist, ihre Nüchternheit und Nacktheit mühsam zu bedecken strebt, um wenigstens durch dergleichen Gepränge ein gefälliges Ansehen zu erlangen. Die Poesie hingegen verdient umsomehr Poesie genannt zu werden, jemehr sie sich der Einfachheit in der Darstellung befleißigt. Weicht sie davon ab, so hört sie gewissermaßen auf, diesen Namen zu verdienen und neigt sich dadurch der Prosa immer mehr zu. Selbst ihr Schmuck, der ihr anhaftet, ist nichts Wesentliches an ihr. Er besteht in dem Rhythmus, von dem gezeigt werden soll, daß er ihrem Character als etwas Unwesentliches zugepaßt worden ist. Die Poesie soll mehr zum Herzen als zum Geiste reden, und dieses je unschuldiger undunverdorbener es ist, destomehr wird es die ungekünstelte Einfachheit in der Gedankenverknüpfung lieben. An diese Einfachheit schließt sich in der Poesie 3) die sinnliche Darstellung an. Die Prosa, die im Gebiete des täglichen Lebens, wie in den weiten Räumen der Wiffenschaft sich bewegt, kann unmöglich bei der sinnlichen Darstellung stehen bleiben. Denn sonst würden ihre Grenzen, deren sie im eigentlichen Sinne fast gänzlich entbehren muß, 51t eng an ihren eigentlichen Lebenskeim gerückt werden. Der Geist, der in der wissenschaftlichen Prosa thätig ist, erhebt sich leicht über die Sinnenwelt und verliert sich nicht selten in den Aether der Metaphysik. Je genialer er ist, destomehr wird er die Sinnlichkeit, die in seinen Augen gleichsam seiner unwürdig erscheint, wenn auch nicht gerade sich ihrer entledigen, doch nur als eine solche gebrauchen, die, wnl auch er in der Hülle des Körpers sich befindet, ihm die ersten Begriffe darbietet, die die Basis seiner Ideen bilden. Schwebt er aber erst auf hohem Gedankenfluge in dem Reiche der Ideen, so denkt er nur selten an diese ihm nun kleinlich scheinende Sinnenwelt, zu der er nur dann sich wieder herabläßt, wenn er ihrer bedarf. — Doch anders die Prosa. Ihr Grundton ist: sinnlich denken. Sie stellt sich die Dinge so vor, wie sie unfern Sinnen sich darstellen und sucht sie dann gleichfalls auf eine sinnliche Weise abzucopiren. Denn da ihr erster Impuls doch nur ausgeht von der GemüthSbewegung, oder von der auf den Affect wirkenden Sinnenwelt; so entsteht auch in unserem Bewußtsein eine sinnliche Erkenntniß von ihnen und dieser gemäß wird auch der Ausdruck sein, wenn sie einem Andern mitgetheilt werden soll. Eigentliche Redensarten werden dabei in uneigentliche umgewandelt, Metaphern und Gleichnisse wie reizende Blumen umhergestreut, die den

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