Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 40-41 (30.9.1868)
- Date
- 1868-09-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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761 Armuth, die Noch, das sieche und verkrüppelte Elend zur Andacht geflüchtet, weithin über den Iudenfriedhof mit seinen verblaßten Inschriften Hallen die Klagelaute, die so alt sind wie die Geschichte der Menschheit. „Da sind wir denn vor jenem Palaste am Glacis angelangt, den die Commune mit einem Auswande von 2 Millionen zum Nutzen und Frommen der mißrathenen, irregeführten, gestrauchelten, unglücklichen Kinder gebaut. Wer eine gewisse Zeitung so fleißig liest wie wir, der weiß, daß auch Juden im Kriminale sich befinden. Auch diese irregegangenen Kinder Israels haben ein Bethaus in diesen düsteren Räumen. So weit unsere statistischen Kenntnisse reichen, besteht diese Gemeinde aus circa 30 Individuen. Das Verbrechen ist wie die Tugend kosmopolitisch, es bindet sich an kein Vaterland, kein Geschlecht, kein Alter; es klebt sich an die Fersen Jener, die sich auf die Abwege des Gesetzes verirren, gleichviel ob sie an Mohamed den Propheten, an Sabbathai-Zvi oder an den Wischnu glauben. Als wir vor etlichen Jahren, mit Erlaubniß des Herrn Präsidenten, am jüdischen Versöhnungstage diese Räume betraten, erinnerte uns nichts von dem, was wir sahen, daß wir verirrte Kinder der Gesellschaft vor uns hatten; es war allgemeiner Fasttag, der hier sehr gewissenhaft gehalten wurde, auch von Jenen, die nicht zum Fasten verurtheilt worden waren. Gin junger Mensch, der zwei Fasttage im Monat hatte, machte den Witz, daß er der einzige Jude sei, der am Versöhnungstage „rewach“ mache, weil der obligate Fasttag ihm in seiner Strafe eingerechnet würde. „Wir können unmöglich die Legion der frommen Häuser alle schildern; doch da ist noch Mariahilf, wo die Fabrikanten ihr Zion bauten. Das Zion des ehemaligen Brillantengrundes gereicht der Bildung, dem Geschmacke, dem frommen Sinne und dem Ordnungssinne seiner Erbauer zur Ehre. Aus diesem Zion in Mariahilf kann einst eine Seitenstättergasse werden. „In Fünshaus und Sechshaus liegt, seitdem es Rudolfs heim heißt, der Tempel Gottes darnieder, die Bausteine haben, wegen Mangel an Geld, den Kitt verloren, und Jene, welche des Gebetes bedürftig sind, müssen daher nach Hietzing oder nach Mariahilf wallen. „Unter den Weißgärbern" hat sich in unseren Tagen ein zweites Kasimir; entwickelt; dort ist das Salzgries der Zukunft." Aus Vöslarr berichtet man: Vor wenigen Tagen ging ein in seiner Nationaltracht gekleideter polnischer Jude im Orte spazieren. Zwei Arbeiter machten sich den Privatspaß, den harmlosen Spaziergänger zu necken und mit „Hep, Hep" zu beschimpfen, in Folge dessen der arme Jude, welcher sich zum Kurgebrauche dort aufhielt, um weiteren Insultirungen zu entgehen, die Flucht ergreifen wollte. Die beiden judenfeindlichen Arbeiter ließen dieß jedoch nicht zu, sondern ergriffen den Geängstigten, tauchten ihn mit der scherzhaften Bemerkung: „der Jude muß getauft werden" vollständig angekleidet in den an der Straße gelegenen Teich und entfernten sich sodann, entzückt von ihrer Heldenthat, lachend vom Schauplatze. Mehrere in Vöslau wohnende israelitische Bürger, welchen dieser Vorfall zur Kenntniß kam, drangen aus Eruirung und Bestrafung der beiden rohen Arbeiter. Gifenstiadt, 28. Ellul. Die Entscheidung in der hochwichtigen ungarischen Congreßangelegenheit drängt mit erstaunlicher Eite. Nachdem vor ca. 14. Zagen das Wahlgesetz publicirt, werden jetzt im ganzen Lande die Centralausschüsse gewählt und wird dadurch die für das Naturell des Congresses wichtigste Frage der Eintheilung der Wahlbezirke entschieden. Ich beeile mich Ihnen schleunigst von der diesbezüglichen gestern in Oedenburg stattgehabten Congregation Bericht zu erstatten. Nachdem vom Obergespan die Rabbinen, Cultusvorstände und hervorragenderen Mitglieder aus sämmtlichen Cultusgemeinden des Comitateö zur Berathung eingeladen worden waren, wurde diese Berathung von dem Obergespan-Stellvertreter Herrn Comitatsgerichtsrath Josef v. Hannibal mit einer hochstnnigen, alle Anwesenden zu Thränen rührenden Einleitungsrede eröffnet. Nach mehrstündiger Debatte, deren Detaillirung auch nicht ohne Interesse ist und die ich mir vielleicht auf später ausbehalte, wurde der Modus zum Beschluß erhoben, daß die verschiedenen Cultusgemeinden des Comitates nach Maßgabe ihrer Bevölkerungszahl die Anzahl der Mitglieder des Centralausschusses zu demselben stellen sollen, und wurde hieraus der ans 28 Mitgliedern bestehende Ausschuß, worunter sämmtliche Rabbinen der Cultusgemeinden, constituirt, welcher den Rabbiner aus Eisenstadt zum Präses erwählte. In der von 4-8 Uhr währenden Nachmittagssitzung, welche, wie auch die Vormittagssitzung im großen Comitatssaale stattfand, wurde die Eintheilung der vier Wahlbezirke und zwar: 1) Eisenstadt — Oedenburg 2) MatterSdors —Kobersdorf 3) Deutsch- Kreuz — Lackenbach 4) Corna — Beleb — KapoSvar und die der übrigen Ortschaften vorgenommen; und zwar derart, daß in je einem Orte des Wahlbezirkes die Conscription, in dem andern resp. einem der anderen die Wahl stattfinden solle. Nachdem hierauf noch die Conscriptionscommissionen der Bezirke und die Zeit der Conscription festgesetzt worden, wurde die Sitzung geschlossen. Was das in Aussicht stehende letzte Endresultat des gestrigen, eine unabsehbare Tragweite in sich bergenden Tages betrifft, so hoffen wir zu daß die Hoffnung, die ganz Ungarn auf unser Comitat setzt, daß dasselbe Deputirte entsenden werde, welche D»n ’X")’ sind und kräftigst zu den traditionsgetreuen gesinnungstüchtigen Abgeordneten stehen werden, nicht.