Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 40-41 (30.9.1868)
- Date
- 1868-09-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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760 Wien Das „Fremdenblatt" veröffentlicht folgende interessante Skizze in Bezug auf das jüdische Neujahrsfest: „Die „Indenschaft," wie die Gesetzesterminologie die Kinder Israels gemeiniglich nannte, begeht am heutigen Tage das Neujahrsfest. Zufolge der jüdischen Zeitrechnung find es heute 5629 Jahre, seitdem die Welt erschaffen wurde. An einem derartigen Festtage kann man in unserem weiten Oesterreich eigenthümliche Wahrnehmungen machen. Die Arterien deö Verkehres scheinen unterbunden, auf den Geld- und Warenmärkten herrscht die Ruhe des Friedhofes, in den belebtesten Straßen deuten die vielen geschlossenen Verkaufsläden auf einen Normatag. In Provinzen von überwiegend jüdischer Bevölkerung oder wo diese fast der ausschließliche Vermittler des Handels und Verkehrs ist, wie in Galizien, einem Theile der Bukowina und Ungarns, einzelnen Distrikten von Böhmen und Mähren sind die Landstraßen verödet, die Eisenbahntrains scheinen nur einer obligatorischen Pflicht, aber keinem Verkehrsbedürfnisse zu gehorchen und die Passagiere müssen in Folge der Iudenfeiertage an manchen Stationen, woselbst die Juden das Monopol der Gastwirthschaft üben, auf manche nathwendige Lebensbedürfnisse verzichten. Posaunentöne schwirren durch die Atmospbäre, eigenthümliche Melodien werden gehört, dieböhmischen Bauern haben hiefür die eigenthümliche Bezeichnung: „Wenn die Juden brummen, dann kommt der Winter." „Vor Allem gereicht es der jüdischen Gemeinde zum Vortheile, daß sie kein Gemeindegesetz kennt. Diese Gemeinde ist eine große Familie, deren innere Verhältnisse durch Statuten geregelt sind, sie hat den Charakter der Familie nicht verleugnet in guten und schlechten Tagen, und dieser Umstand brachte sie in Flor. Als im Senate von Washington vor Jahren ein Einwanderungsgesetz eingebracht wurde, bemerkte ein wahrer Staatsmann: „Das beste Einwanderungsgesetz ist: gar keines zu haben." Diesen analogen Gedanken verdankt die Judengemeinde ihre Freiheit, den Mangel aller Hierarchie und bureaukratischen Unwesens. „Help you self," dieses Wort, sagte Buckingham, ist der festeste Wall Englands, dieser Satz bildet auch den Grundstein der jüdischen Communalveriasiung. „Das Bedürfniß, seiner Sünden loö und ledig zu werden, erwacht mit jedem Neujahrstage im Hause Israels; was vom Fleische ist. hat daS Bedürfniß, sich geistig zu reinigen. In allen Gegenden der Wind- > rose erstehen mit einem Male Bethäuser, man speku-! lirt nicht viel, entwirft keine strategischen Pläne, macht! sich nicht viele Skrupeln — Tanzsäle, Gaststuben, j Kinderbewahranstalten, leerstehende Fabrikslokale, La-! zarethhäuser, Schulzimmer und Gartenpavillons wer-! den über Nacht zu Gotteshäusern geweiht, denn die! Schrift sagt: „Wo immer Ihr mich anrufen werdet, da werde ich Euch hören!" „Man sehe sich einmal diese improvisirten Synagogen an und man wird mit Recht staunen über diese andächtigen, gottbegeisterten Massen, die das Treiben der Werktage vergessen; ein Jeder bringt die Weihe zum Feste mit sich und das Wirthshaus wird zum Tempel Gottes. Der Geist, der in einer solchen Versammlung herrscht, ist kein oktroyirter, sondern ein Produkt des Gedankens, der die Majorität beseelt. „In der Sektenstetten- und Tempelgasse in Wien herrscht die centralistische konstitutionelle religiöse Anschauung, getragen vom deutschen Geiste. Das moderne Judenthum, strahlend in Goldgeschmeiden und auch in Ordensdekorationen, die Frauen im Perlen- und Brillantenschmucke mit allem Aufgebote neu-.mpoleonischer Schneiderkunstfertigkeit entfaltet sich da. Die Gebetbücher in Goldschnitt und kostbarem Einbande von Maroquin sind ein matter Widerschein jener Pracht, die sich in den neuen Palästen aus der Ringstraße oder in der Stadt entwickelt. Der Orient mit seinem äußern Goldflitter spiegelt sich im Tempel der Sefardim in der Fuhrmannsgasse ab, dort tagen die Männer, die für die „Granden" Israels gelten, und Abkömmlinge Jener, die einst unter Hispaniens Sonne Hermeline und Purpurschleppe trugen, die Nachkommen Jener, die eine eigene Literatur und Poesie sich bewahrt. „In der Schiff- und Ankergasse beten die Kinder „der Polonia;" man glaubt in einem polnischen Reichstage zu sein, jeder Einzelne ein Edelmann, dessen Veto das Himmelsthor stürmt, und des „Schofars" schmetternde Stimme, jene Widderhorntrompete, vor welcher einst Jerichos Mauern zu Staube sanken, tönt hier heller, ihre Klagelaute gleichen den Jammertönen des sühnebedürftigen Herzens. „In der „Kleinkinderbewahranstalt" hat sich das erbgesessene Hausirerthum eingenistet, das geboren scheint zu tragen, dem ein Feiertag ein Tag der Ruhe ist. Beim „Sperl" in den Räumen, der so manchen wilden Cancan gesehen, hat das blau-rothe Iudenthum, das Trabantenthum der Bankiers, die Legion der Geldagenten, die kleinen Männer vom offenen Laden, die Elle und Scheere im Wappen führen, sich zur Andacht eingefunden. Der Geist des Geschäfts ist dort unvertilgbar, eine Neuangekommene telegraphische Depesche aus Amsterdam oder London vermag da das Reich der Andacht zu erschüttern, doch sorgt der Polizeimatador, der an die Spitze dieser Gemeinde als Oberhirt sich gestellt, dafür, daß Ruhe, Ordnung und Sicherheit nicht gestört werden. „In der „oberen Werd," der heutigen Rossau, stiftete der Oberfaktor Kaiser Leopold's, Markus Oppenheimer , ein Lazareth für sieche und kranke Juden; in diesem Hause des Elends bat sich auch heute die