Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 40-41 (30.9.1868)
- Date
- 1868-09-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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756 der Gouverneur seine Aufwartung und gab ihm zn verstehen, daß hier gegenwärtig viel Geld zu verdienen sei. Wiewohl der Justizrath über diese Zumuthung innerlich empört war, gab er sich doch den Anschein, wie wenn er darauf eingehen wolle, um den Gouverneur desto sicherer zu fangen. Er sagte ihm, daß er heute noch von der Reise ausruhen, und erst morgen die Gefängnisse inspiciren wolle; als der Gouverneur sich entfernt hatte, begab sich der Justizrath eiligst zu den Gefangenen. Im Gefängnisse traf Julius einen armen Handelsmann, einen russischen Christen, der nicht wußte, warum er verhaftet worden war. Der Justrzrath ließ sich die betreffenden Bücher und Papiere bringen; aus denselben war wohl ersichtlich, daß Sergei Petrowitsch auf Befehl des Gouverneurs verhaftet fei, '.doch war der Grund der Verhaftung nicht zu errathen. Als Julius in seinen Gasthof zurückgekehrt war, ließ ihn der Gouverneur bitten, zu ihm kommen; der Justizrath aber ließ dem Gouverneur sagen, er sei zu erschöpft und bitte den Herrn Gouverneur, sich zu ihm in den Gasthof zu bemühen; dann postirte er seine bis an die Zähne bewaffneten Begleiter ins Nebenzimmer. Der Gouverneur kam, ohne Verdacht geschöpft zu haben. „Herr Justizrath," sagte er, „ich habe Ihnen bereits angedeutet, daß Ihre Sendung eine besonders glückliche ist, und daß es Ihnen gelingen kann, eine große Summe hier zu verdienen. Sind Sie bereit, auf meine Vorschläge einzugehen?" „„Ich trage kein größeres Verlangen. Wie groß ist die Summe, die Sie mir bieten?"" „Zehntausend Rubel!" „„Ein schönes Geld. Und was verlangen Sie dafür?"" „„Nichts', als daß Sie bescheinigen, daß Sie in unfern Gefängnissen Alles in schönster Ordnung gefunden. " „„Und Sergei Petrowitsch?"" Der Gouverneur erbleichte, als er den Namen hörte. „Wie, Sie wissen?" fragte er erschreckt. „„Ich weiß," entgegnete Julius, „daß Sie mindestens hunderttausend Rubel verdienen, wenn Sie mir zehntausend bieten." „Nein, ich verdiene nicht so viel; das ganze Object beläuft sich nur auf hunderttausend Rubel, und ich gebrauche dreißigtausend für die Mitwisser." „„So bleiben Ihnen noch siebenzigtausend! Und mich wollen Sie mit zehntausend abfinden?"" „Nun, ich gebe Ihnen zwanzigtausend!" „„Das läßt sich hören! Aber wieso ist dieser arme Händler hunderttausend Rubel werth?""! „Das will ich Ihnen erzählen. Dieser Sergei ' hat ein LooS in der russischen Staatslotterie und auf : dieses Loos ist der höchste Preis gefallen; ich bekam die Anzeige und ließ ihn, ohne ihm ein Wort zu sagen, ins Gefängniß setzen. Unterdeß hat der Executor das Weib des Sergei wegen angeblich rückständiger Steuern ausgepfändet, um auf diese Weise in den Be-; sitz des Looses zu kommen. Noch ist das Weib nicht! von Allem entblößt und weigert sich, das Loos herzu-! geben. Morgen aber schon hoffe ich das Loos zu er-! halten; dann wird Sergei vor mich geführt, seine Ver-! Haftung als eine irrthümliche bezeichnet und ihm von! dem Gewinne, der auf sein Loos gefallen, Mittheilung ' gemacht. Kömmt er dann nach Haus und findet, daß j sein Weib das Loos fortgegeben, so wird er dasselbe mißhandeln, vielleicht tobten; dann wird ihm der Proceß gemacht und er wird nach Sibirien geschickt, wäh- ' rend das Geld unser ist, das dann uns Niemand streitig machen kann." „„Ich mache Ihnen mein Compliment, Herr Gouverneur!"" entgegnete Julius ruhig, während eö in ihm vor Wuth kochte, „„wahrlich, Sie sind mit vielem Scharfsinne zu Werke gegangen. Glauben Sie aber, daß diese Art von Verwaltung den Intentionen unseres erhabenen Kaisers genehm ist? — Spitzbuben, Räuber, Mörder"" rief er bann zornig, während er die Thür des Nebenzimmers aufstieß, um die Bewaffneten hereinzulassen. „„Wollt Ihr Rußland zu einer Mördergrube machen?"" „„Verhaftet den Schurken!"" rief er feinen Dienern zu, die über den Gouverneur herfielen und ihn fesselten. Noch an demselben Tage wurde Sergei Petrowitsch > in Freiheit gesetzt; er küßte des Justizraths Füße unt bot ihm die Hälfte seines Gewinnstes an. Dieser lehnte aber jede Belohnung standhaft ab. Der Gouverneur und seine Helfershelfer, unter denen sich auch BolonSki befand, wurden nach Petersburg gebracht, wo sie zu lebenslänglicher Verbannung nach Sibirien verurtheilt wurden. Julius erhielt zum Beweise der Allerhöchsten Zufriedenheit den Annen-Orden und eine bedeutende Gehaltszulage. Von diesem Tage an zitterten alle bestechlichen Beamten vor ihm und hatten keinen dringenderen Wunsch als diesen gefährlichen Feind zu stürzen. Auch die hochgestellten und vornehmen Verwandten | des nach Sibirien verbannten Gouverneurs waren deö Justizraths Feinde geworden; doch verhielten sie sick^ still, um eine günstige Gelegenheit zur Rache abzuwarten. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlwrg. — Dampf.SchneLprefsendru« von I. Gott-leben m Mairy.