Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1868)
- Date
- 1868-09-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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743 Ermunterung sein, seine Bahn muthig zu verfolgen und fort und fort zum Heile Israels zu wirken. Flehingen (Baden). Von der liberalen Gesinnungsweise der hiesigen politischen Gemeinde zeugt die erfreuliche Thatsache, daß bei den jüngst hier stattgefundenen Wahlen zwei Israeliten, und zwar einer zum großen Gemeinde-Ausschüsse und ein zweiter zu den Kreiswahlmännern, mit großer Majorität gewählt wurden. Fl. Oesterreichischer Kaiserstaat. # Prag, 2. September. Ich eröffne meinen heutigen Bericht unter dem wehmuthövollen Eindrücke zweier Todesfälle, die geeignet sind, die Prager Gemeinde in bange Trauer zu versetzen. Vorigen Sonntag wurde der Rabbinatsassesor Simon Lasch zu Grabe getragen und heute wieder fand das Leichenbegängniß von Simon Kuranda statt. Der ungeheuer große Menschenzug, der dm Dahingeschiedenen das Geleite zur Ruhestätte gab, legt am besten Zeugniß für die hohe Achtung und Liebe ab, deren sie sich in allen Schichten der Gemeinde zu erstellen hatten. Und das mit vollen Rechte! Simon Lasch war einer der ersten in den Reihen der Talmudgelehrten, dabei von wahrhaft frommem, echt ethischem Charakter. Er versah häufig in den letzten Jahren mit liebevoller Bereitwilligkeit amtliche Funktionen des selig. Oberrabbiners Rappaport, für dessen Sitz er ehedem auöersehen war, später jedoch durch mancherlei Einflüsse, die ich hier nicht näher bezeichnen will, unberücksichtigt blieb. In seinem literarischen Nachlasse befinden sich sämmtliche Gelegenheitsderaschoth, die er jedesmal unter vielem Beifalle seines Auditoriums hielt, ferner Commentare zu den Traktaten Aboda Sara und Chulin (betitelt ^Sichas Chulin") und endlich verschiedene kleinere hebräische Scripten. Die Familie ist dem Vernehmen nach bereit, dm ganzen für den Druck vollkommen vorbereiteten Nachlaß einem Verleger unentgeltlich zu überlassen. — Was ich über Simon Kuranda zu sagen habe, läßt sich nicht leicht in Worte zusammenfassm. Bemerkt sei nur, daß dieser Mann in seiner privatm Stellung eine gegenwärtig immer seltener werdende Erscheinung war; reich an talmudischm Kenntnissen, 1 ^rigoros in der Ausübung jedweder Mizwah, war er menschenfreundlich, leutselig und anspruchslos. Sehr ergreifend sprachen heute an der Bahre Religionslehrer Gymnasialprof. Adler und Kreisrabbiner Haller und als der Sohn des Verklärten, der öfterr. ReichsrathSabgeordnete Dr. Ignatz Kuranda, unter lautem Schluchzen und einem Strom von Thränen jfca« Kadifchgebet in der Halle des WolschauerS Friedhofes recitirte, blieb kein Äuge trocken. — So sanken jwei Männer in's Grab, welche die Prager Gemeinde noch in ihrem Ruhmesglanz gesehen und nur ein verändertes Epigonengeschlecht lassen sie zurück. Dock lange noch wird die Erinnerung in den Herzen derjenigen, die sie kannten, fortlebm und noch spät wird man schmerzvoll ausrufen: p-iUNi by ton! Im Gegensätze zu diesen düstern Mittheilungen habe ich Ihnen jedoch auch eine sehr erfreuliche zu machen. Sie betrifft zunächst das jüdische Schulwesen, dem nicht immer und überall die gebührende Würdigung zu Theil wird: Und doch ist es gerade die jüd. Schule, von der die Zukunft des IudenthumS abhängt. Schulen, (ich habe natürlich blos diejenigen untern Ranges im Auge) die den jungen Herzen Alles nur nickt Iudenthum, jüdisckes Wissen und Nationalgefühl einpflanzen, also konfessionslose Schulen können uns niemals zum Heile gereichen, wohl aber solche, die nebstdem, daß sie die Jugend zu tüchtigen Bürgern erziehen, von dem Bewußtsein der h e i l i g e n n a t i onalen Mission getragen sind. Eine solche Schule ist die hies. öffentliche Hauptschule des Hrn. I. Frey. Ich hatte Gelegenheit der am 24. und 25. v. M. vor einem sehr zahlreichen Publikum stattgehabten Schlußprüfung daselbst beizuwohnen und habe mit innigem Vergnügen ein wahrhaft edles und zugleich von dem besten Erfoge gekröntes Streben in dieser Schule wahrgenommen. Ich will hier gänzlich absehen von dem glänzenden Erfolge auf dem Gebiete der einzelnen profanen Lehrobjekte, von der so ausgedehnten Entfaltung von Lehrkräften und Lehrmitteln, von der zweckdienlichen Einrichtung und drgl., es sind dies Dinge, die bei einem vom Staate mit dem Rechte der Oeffentlichkeit ausgestatteten überdies schon seit 15 Jahren bestehendem Institute als selbstverständlich vorauszusetzen sind. Was die Anerkennung jüdischer Kreise in ganz besonderem Maaße verdient, ist eben die vorwiegend religiös-nationale Grundlage, auf der diese Schule basirt. ES kommt leider hierzulande häufig vor, daß Ellern ihrer erziehlichen Pflicht Genüge geleistet zu haben glauben, wenn sie ihre Kinder irgend welcher konfessionslosen Volksschule anvertcauen, ohne Rücksicht darauf, welchen Eindrücken das empfängliche Gemüth des Kindes dort ausgesetzt ist, welche Elemente es in sich aufnehmen kann; — stellt nun jemand an die Eltern die Frage: „Aje thora?" wo werden euere Kinder Bibel lernen, wo werden sie den Schatz kennen lernen, der sie durchs Leben führen, an dem sie sich im Glücke erfreuen, im Unglücke trösten und erbauen sollen, dann antwortet gewöhnlich ein nonchalantes vornehmes Lächeln. Mittlerweile wachsen die Kleinen heran, treten hinaus in's Kampfgewühl des praktischen Lebens, und dann wissen die Eltern zumeist nicht, wem sie die Schuld an der tiefen Demoralisation und religiösen Verkommenheit des Jünglings beimessen sollen. Und doch liegen die Ursachen nahe und wurzeln einzig und allein in der Re-