Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1868-09-23 · Heft 39 (23.9.1868) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 39 (23.9.1868)
Date
1868-09-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447343-2447381--06514-2462073
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

IX. Jahrgang. Beilage zu Nr. 39 des Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Bericht. Polen, 9. September. Es ist eine erfreuliche Erscheinung, wenn inmitten einer, wenigstens in religiöser Beziehung so geistesarmen und erhebungslosen Zeit, wie die unsrige, in der selbst sogenannte Rabbiner unsere alte, ehrwürdige und heilige Sprache so gar aus den Gotteshäusern, wohin sie seit undenklichen Zeiten, um ein unantastbares Asyl dort zu finden, geflüchtet, zu verdrängen und daher ganz aus dem Leben Israels zu beseitigen sich alle Mühe geben, gottbegeisterte, jugendliche Sänger und Dichter erweckt werden, und uns von Zeit zu Zeit mit ihren Geiftesprodukten in dieser heiligen Sprache beglücken. So ist uns neulich von Lemberg aus ein Stern orientalischer Poesie, den wir mit Freuden im Lager Israels begrüßen, aufgegangen. Herr Nathan Samueli hat uns m t einigen Proben seiner poetischen Gesänge, die alle von großer poetischer Begabung des Verfassers, der e'ne seltene Gewandtheit im Ausdruck besitzt, zeugen in einem Weckchen, das unter dem Titel tpS von Michael Wolf, 1868 herausgegeben ist, beschenkt. Dasselbe enthält 37 Gesänge, größtentheils eigene Poesien von großem Werthe, wie auch einige Uebersetzungen von anerkannt guten Gedichten. Ein jedes dieser Lieder trägt an der Spitze ein treffendes, sinniges Motto aus der heiligen Schrift, das den Reiz derselben noch erhöht. Aus allen weht, getragen von einer leichtverstänolichen, doch von Erhabenheit durchglühten Diktion, ein Geist der kindlichen Einfalt und der Herzensreinheit. Nur Schade, daß ein und derselbe Gedanke in einem und demselben Gedichte sich so oft wiederholt, wodurch manches Gedicht eine allzugroße Ausdehnung erhalten hat. Auch läßt die Jnterpunktation, durch deren theilweise Vernachlässigung das Ganze etwas leidet, eine größere Sorgfalt oder eine geübtere Hand wünschen. Diese kleinen Mängel abgerechnet, empfehlen wir diese Gedichtsammlung jedem Freunde der hebräischen Muse, und können wir zugleich nicht umhin , den Verfaffer durch diese rein objektive Beurtheilung aufzufordern, die Literatur der hebr. Poesie, recht bald wieder mit einer ähnlichen Sammlung seiner Phantasiegemälde zu bereichern. vr. Aron Hirschfeld. Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Wurzburg. Am Schluffe Ihres gediegenen Artikels „der Umschwung zum Bessern" Nr. 37 des „Israelit" stellen Sie die inhaltsschwere Frage auf: „wie ist der Religionslosigkeit des gegenwärtigen, und noch mehr des Heranwachsenden Geschlechts, die leider immer größere Dimensionen annimmt, zu steuern?" und fordern den großen Lesekreis Ihrer Zeitschrift auf, mit deßfallsigen Vorschlägen hervortreten zu wollen. Wenn gleich der Unterzeichnete nicht zu den speciell aufgeforderten frommen Rabbinern und Lehrern zählt, vielmehr der Geschäftswelt angebört, so glaubt er doch sich an dieser Frage betheiligen zu sollen, zumal gerade hierdurch die Fachmänner mehr angespornt werden, diese hochwichtige Angelegenheit alles Ernstes in Angriff zu nehmen. Vor Allem müsien wir uns danach umsehen, auf welche Weise in frühern Zeitabschnitten diese Frage ihre Lösung erhielt. Sehen wir uns im ganzen Talmud um, so finden wir sehr häufig, daß da, wo Religionslosigkeit Wurzel faßte, unsere Weisen mit on-ü abzuhelfen suchten, "nai nsd nypzi dieses war unzweifelhaft der richtig einzuschlagende Weg nnd zeugt von der tiefen Kenntniß der menschlichen Natur. Die Gelüste der Menschen gingen und gehen heute noch auf das Naheliegende. So finden wir heute noch bestätigt (um als Kaufmann zu sprechen), daß, wenn der orthodoxe Geschäftsreisende sich des Genusses von j» und des NO'^o-Käses enthält, sein Wunsch nur dahin geht, wenn er nur diese Gegenstände genießen dürfte, dann könnte er leicht auf Reisen durchkommen; seine Gelüste erstrecken sich nicht auf warme Kost, während bei jenem Reisenden, der sich bereits über diese Verbote schon hinweggesetzt hat, seine Wünsche nur durch christliche table d’hote Befriedigung finden können. Es ist dieses im ganzen menschlichen Leben eine anerkannte Sache, daß man das, was man besitzt, unterschätzt und immer dem näher gelegenen Fehlenden nachjagt. Deshalb waren die on*u von höchster Wichtigkeit und erreichten meistens ihren Zweck. Wohl verhehle ich mir nicht, daß unsere Zeit zu solchen Heilmitteln nicht geeignet erscheint und erwähne dieses nur deshalb, um der grundfalschen Auffassung zu begegnen, wie wenn man durch Erleichterungen dazu beitragen könnte, den religiösen Sinn zur Befolgung der übrigen Gebote zu erwecken.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.