Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 39 (23.9.1868)
- Date
- 1868-09-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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740 werthen Talente ihm eine große Zukunft eröffnen mußten; er wollte ihn an sich ketten, ihn als Werkzeug benutzen, um durch ihn eine Höhe zu ersteigen, die er sonst bei seinen eignen mittelmäßigen Anlagen zu erringen nicht fähig gewesen wäre. Lange bevor Rosenstrauß auf dem Gute der Freifrau erschien, hatte der junge Baron so viel Rühmliches von seinem Freunde erzählt, daß seine Schwester Zuliane, ein schwärmerisches, junges Mädchen, eine Neigung für den Freund deS Bruders faßte. Als nun Itzele kam und nach Ueberwindung der ersten Verlegenheit seinen Geist brilliren ließ, da gelang es ihm leicht, das Herz der jungen Baronin zu gewinnen. Wenn er erzählte — und er erzählte oft und schön — so hing ihr Auge an seinen Lippen; wenn er ei:: Buch empfahl, so ruhte sie nicht, bis sie es gelesen hatte, um dann den Inhalt mit ihm zu besprechen; er ertherlte ihr Unterricht im Italienischen und las mit ihr Dante'S divina comoedia, während er die andere freie Zeit mit chevelareSken Uebungen, Reiten, Schießen, Turnen rc. in Gesellschaft Ulrichs verbrachte — Künste, die ihm bisher ganz fremd geblieben waren. Als Itzele Abschied nahm, mußte er versprechen, die nächste Vacanz wieder auf dem Gute zuzubringen. Auf der Rückfahrt nach der Universität, saßen Itzele und Ulrich lange Zeit nebeneinder ohne ein Wort zu sprechen. Plötzlich fragte Ulrich: „Wie gefällt Dir meine Schwester, Julius?" „Was soll diese Frage?" entgegnete Itzele unmuthig. „„Daß Ihr Juden, selbst wenn Ihr noch so gebildet seid, die alten Unarten nicht lassen könnt! Ich glaube, wenn Du lange getauft sein wirft, so wirst Du noch immer jede Frage mit einer Gegenfrage beantworten."" „Und wer sagt Dir, daß ich jemals getauft sein werde?" „„Thor, der Du bist, bist Du denn noch Jude? Hast Du nicht längst das Gesetz und die alten Gewohnheiten abgestreift? Nur, wenn Du Dich taufen lässcst, wirst Du Carriöre machen."" Itzele antwortete nicht; es pochte und hämmerte ihm im Kopfe, er fühlte seine Brust beengt; er öffnete rasch das Wagenfensrer, um frische Lust zn schöpfen. „Meiner Ansicht nach," fuhr der Baron zu reden fort, „bist Du auf falscher Fährte; die Medizin ist nichts für Dich. Du mußt Cameralia, Staatswissenschasten und Jurisprudenz studiren. Du wirft ein tüchtiger Beamter werden." Als Itzele noch immer harnäckig schwieg, fragte Ulrich nach einer Pause: „Warum willst Du eigentlich nicht Christ werden?" ,,„O, laß mich jetzt!" entgegnete Itzele, „überlasse mich nur jetzt meinen Gedanken; ich will Dir später antworten'" Und vor seinem geistigen Auge tauchten auf die Gestalten seines Vaters und seiner Mutter, wie sie Abschied nahmen von ihren Kindern, wie sie ihn als den ältesten ermahnten, gut und tugendhaft und fromm zu sein; und dann gedachte er des Onkels und der Tante, die ihn so lieb gehabt und ihm die Tochter zum Weibe gegeben; und er gedachte der armen Zippora, wie sie jetzt ihr Leben vertrauere, wie sie ihm das Ende, die Taufe, die jetzt verlockend an ihn herantrat, voraus gesagt hatte! — und er gesackte auch der jüngstverflossenen Wochen, seines Umganges mit vornehmer Gesellschaft, des schönen, edlen Freisräuleins mit den adeligen Manieren — er gedachte der Aussichten auf Glan: und Ehre, die ihm erblühen würden, wenn.... Da tauchte aber wiederum die Gestalt der unglücklichen Zippora auf, wie sie die Hände rang und jammerte. Als die beiden jungen Leute in Dorpat, wo sie zwei ineinandergehende Zimmer bewohnten, ankamen, fand Itzele einen Brief aus Wilna vor; er war von feinen Freunden Löwisohn und Pardubitz; auch sie batten sich von ihren Weibern getrennt und das Gymnasium zu Wilna bezogen. In Löwisohns Brief war es namentlich folgende Stelle, welche Itzele besonders aufregte „Es wird Dich vielleicht interessiren, zu erfahren, was aus Deinem früheren Weibe geworden. Drei Monate nach der Scheidung bat sie Dein Onkel fortgesührt. Man sagt, er habe sie nach Krottinga gebracht, wo sie sich wieder verheiratet und eine gute Partie gemacht haben soll." „Ulrich!" redete Itzele den Baron an, nachdem er den Brief gelesen hatte, „ du Haft mich vorhin gefragt, wie mir Deine Schwester gefalle: nun, ich kann Dir sagen, daß ich den Mann glücklich preisen werde, der sie dereinst heimfübren wird." „„Und mochtest Du dieser Glückliche sein?"" „Du scherzest!" „„Ich scherze durchaus nicht; meine Schwester liebt Dich, ich schätze Dich hoch und wünsche mir keinen andern Schwager, und meine Mutter, — die willigt in Alles, was ich ihr vorschlage. Willst Du Dich taufen lassen und Jura studiren, so wollen wir in der nächsten Vacanz das Verlobungsfest feiern!"" Noch an demselben Tage ließ sich Itzele in die juridische Facultär übertragen, nach wenigen Wochen wurde er getauft und in der nächsten Vacanz verlobte er sich mit dem Freifräulcin Juliane von Ulrinski. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine SSeilage. Verantwortliche Vedaction: Dr. Lehmann. — Lerlag der Le Roul'schen Hvstuchhandlung. — Dampf * Schneipresf endruck von Z. Gettsleben ttr Mainz.