Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1868)
- Date
- 1868-09-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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720 Bei den letzten Worten warf fick Zippora weinend nnd schreiend an den Hals ihres Vaters. Dieser aber machte sich los von ihr und sprach: „Wenn er Dich lieb hat, so mag er nach Wolozin gehen und seine Fehler wieder gut machen!" Mit diesen Worten entfernte er sich; Gutrath folgte ihm. „Jtzele," rief Zippora, als sie allein waren, „waS hast Du gethan!" „„Ich habe nichts Unrechtes gethan,"" entgeanete Jtzele, „„ich habe fremde Sprachen gelernt und darin geschriebene Bücher gelesen; ich habe Musik bei einem Geistlichen gelernt. Was ist da mein Verbrechen?"" „Nicht das ist das Schlimme, Jtzele! Aber Du weißt, was dem Mordechai Smolenski, dem Abbcrle Blumengarten, dem Jekele Buttermilch pasfirt ist. Sie haben auch gesprochen wie Du, und jetzt sind sie getauft!" „„Es ist aber nicht nötbig, daß das der Ausgang auch bei mir ist. Höre, Zippora! Vieles ist schlimm bei uns russischen Juden. L>ie verbringen ihre Zeit mit dem unfruchtbaren Talmudstudium, während sie theilnehmen sollten an dem Culturleben der Völker."" „Ztzele, Du sprichst bereits wie ein Kvifer." „„Das verstehst Du nicht!"" „Nun gut, ich wills glauben, daß ich's nicht verstehe; allein das weiß ick: des Paters Entschluß steht fest. Entscheide dich also, nach Wolozin zu gehen!" „„Nach Wolozin? um unter ungebildeten Nabbi's und noch ungebildeteren Bechurim zu leben, um drei Jahren in der gräßlichsten Verdumpfung zuzubringen!"" Da umschlang ib.n Zippora mit beiden Armen und bat ihn flehentlichst, dem Willen des Paters nachzngeben; sie wolle den Vater schon bestimmen, ihn nach kurzer Zeit zurückzurujen; aber Jtzele versprach nichts. „Erst" sagte er, „will ich die Sache mit meinem Freunde überlegen." Als Jtzele seine Erlebnisse seinem Freunde Löwifchn erzählte, sagte dieser: „Du Glücklicher! Freue Dich, daß Du so leicht! von Deinen Feste.n befreit wirst. Ware ich doch auch erst so weit! „„Du meinst also, ich solle nicht nach Wolozin gehen?"" „Nach Wolozin? Glaubst Du, närrischer Mensch, daß Du, der Du einmal dcm Talmudstudium entfremdet bist, es dort vierzehn Tage auehalten wirst? Gib Get und gehe nach Wilna aufö Gymnasium. Du wirst eine glänzende Carriore machen. Studirc Medizin, du kannst es bis zum Kreisarzt bringen." „„Und Zippora? sie liebt mich so sehr!"" „Nun, da braucht sie ja nicht Get zu nehmen! Wenn sie Dich wirklich liebt, muß sie Dich ihrem Vater vorziehen. Aber besser, wenn sie Get nimmt; dann bist Du ganz frei und kannst wie ein junger Adler Deinen Flug beginnen." Sinnend kehrte Jtzele nach Hause zurück und suchte sein junges Weib auf. „Gehst Du nach Wolozin?" rief sie ihm entgegen. „„Ich gehe nach Wilna auf das Gymnasium."" „Daß Gott erbarm! So willst Du mich verlassen?" „„Das nicht, Zippora; aber, ich will Medizin studiren, ich will ein großer Doctvr, ich will Kreisarzt werden."" „Und ich?" „„Du magst bei Deinen Eltern bleiben, bis ich als ein großer berühmter Mann wiederkehre."" „O, Jtzele, thu' das nicht! Du begibst dich aus eine abschüstige Bahn, Du wirst ein schlechter Jude oder gar, Gott bchüte, ein Meschummed") werden. O, laß diese Gedanken und gehe nach Wolozin." „„ Nimmermehr!"" „So willst Du Get geben?" „„Du brauchst ihn ja nicht zu nehmen!"" „„Jtzele, mein geliebter Mann! Gott weiß, wie lieb ich Dich habe — aber meinen Gott und meinen Glauben habe ich noch lieber als Dich. Gehst Du nach Wilna aufs Gymnasium, so werde ich, so kann ich Dein Weib nicht bleiben." Jtzele wurde schwankend; da kam Rabbi Bär herein und herrschte ihn an: „Ich habe schon einen Wagen besorgt; morgen begleite ich Dich nach Wolozin." „Ich werde nicht nach Wolozin gehen." „„So wirst Du Get geben!"" „Ich werde Get geben!"" Mit lautem Ausschrei fiel Zippora ohnmächtig zu Boden. Aus Z'ppora's Schrei lies die Mutter herzu; sie bat und beschwor ihren Mann, nicht so strenge zu verfahren; sie bat und beschwor Jtzele, uachzugeben vergebens. Beide beharrten aus ihrem Entschlüsse. Schon am folgenden Tage wurde der Scheidebrief geschrieben und der halb ohnmächtigen Zippora übergeben. Jtzele erhielt den ihm gebührenden Antbeil von seinem elterlichen Vermögen ausgelicfert und ging nach Wilna, um sich für das Gymnasium vorzubereiten.ß (Fortsetzung folgt.) 8) Apostat Hierzu zwei Beilaacn. Verantwortliche Stebactwn: Dr. Lehmann. — Verlag der Le rt-.e-t. x'-cyen pofbuchhandtung. — Dampf«ressenoruü von I. Gottöleben in Mainz.