Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1868)
- Date
- 1868-09-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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703 Mainz, den 2. Sept. Wir hatten in Nr. 35 dieser Atg. in unserem Berichte über die Kasseler sogen. Rabbincrvcrsammlung gesagt, daß die genannte Versammlung den Gebrauch „in der Trauerzeit um die Zerstörung Jerusalems keine Hochzeiten zu feiern" für erneu Aberglauben erklärt habe; wir hatten das mehreren politischen Zeitungen entnommen, welche über die erwähnte Versammlung referirten; wir werden nunmehr darauf aufmerksam gemacht, daß nicht von der Trauerzeit um die Zerstörung Jerusalems, sondern von der Sephira-Zeit die Nede war, was wir hiermit im Interesse der Wahrheit berichtigen wollen. Thatsächlich vollziehen Mitglieder jener Versammlung, z. B. Herr Di-. Geiger in Frankfurt a. M., Trauungen sogar am 7. Tage des Monats Ab. — Cassel, im Aug. Jacta alea est. Ja wohl! Der Rubicon der Strenggläubigkeit ist kühn überschritten, und die Hülle frommer Gesetzestreue vor den Augen der getäuschten, der überraschten Menge gefallen — vielleicht unklug weggeworfen! Aber vor dem genialen Cäsar flüchtet kein großer Pompejus mehr: Die widerstandslose Luft nur treffen die schweren Streiche, welche eine glänzende Tapferkeit versendet, und die Anwendung des geistvollsten Feldherrntalentes wird zum Blödsinn, wenn die verzweifeltsten Anstrengungen kein Sieg lohnen kann, wenn dem lächerlichen Kampfe nur Erschöpfung, Entmuthigung folgen muß! So dachte Einsender, als er aus den hiesigen Localblättern von den Berathungen einer hier tagenden Versammlung von Predigern und Rabbineu Kunde erhielt , — denn eingedenk des 1. Verses des 1. Psalmes hatte Einsender nicht selbst die Versammlung besucht, -- so dachten noch Viele, welche unter der Zahl jener Gottesgelehrten erstaunt auch den Namen des Herrn Landrabbinen Di\ Adler lasen, der nicht nur als Mitglied dieser Versammlung, sondern auch als ihr Haupt fungirte. Dr. Adler, den alle wahrhaften Juden noch zu den Anhängern des Conservatismus zählten, den selbst Einsender stets, wenn auch für einen schwachen, irregehenden, aber nie außerhalb der Orthodoxie stehenden Rabbiner: in diesen Blättern geschildert hatte,*) — dieser Dr. Adler hatte also nur die Miene, nickt den Ernst, nicht die Gesinnung eines gläubigen Juden besessen? — Nun denn, so ist es gut, daß wir wissen, auf wen wir zahlen, oder nicht zählen, wem wir unser Vertrauen schenken können, und wem es fürder entzogen werden muß, by m:c o *) Allerdings war es hier notorisch bekannt, daß Herr Dr. Adler, obwohl pa, in dem Hause eines reichen Mannes, dessen Bruder gestorben war, lob r>t>nv nicht scheute, um dem Leidtragenden seinen geistlichen Trost zu spenden, — allein man hatte doch die schwache Entschuldigung für ihn, daß er nicht unempfindlich gegen die sanften Einflüsse gewisser Mächte sei, wenigstens hat unter solchen Verhältnissen noch kein Armer gleichen Trost genossen durch ihn. daß wir wissen, woran wir sind, und den Schlüssel zu seiner bisherigen Wirksamkeit oder vielmehr Unthätigkeit in den Bekenntnissen finden, die Herr Dr. Adler in der berufenen Gesellschaft abgelegt. Keine Feder hätte sich erheben, kein Wort ertönen dürfen, um die leichtsinnigen Angriffe jener Männer abzuwehren, obwohl sie hierhergekommen, um das Judentum zu reformiren, hier abzuschaffen, dort einzuführen, neue Gebote zu schaffen, oder uralte Gebräuche aufzuheben; denn sie haben Wind gesäet und werden keine Aerndte halten. Was jene Männer gewagt, das haben ja vor ihnen schon andere Versammlungen versucht, größer an Zahl, und wer weiß — vielleicht auch größer an Weisheit. Hat es früher nicht gefruchtet, wie wäre denn heute Aussicht auf Erfolg? Für wen wollen sie auch heute reformiren? Wer ans die, von den Vätern ererbten, von dem gesammten Israel anerkannten Religionsgesetze heut zu Tage nichts mehr gibt, wird er ihre Autorität anerkennen? wird er ihren Vorschriften sich unterziehen als einer bindenden Pflicht, oder könnten ne ihm überhaupt etwas erlauben, wovon er sich nicht schon ohne sie emancipirt hätte? Oder erwarten sie gar, daß die Altgläubigen ihrer Weisheit lauschen und die Thora bei Seite schieben werden, um sich unter die niedrigen Scharten solches Dorngebüsches zu bergen? Darum wäre es nach unserer Ansicht das Richtige zu schweigen und die Zeit nicht edlerer Arbeit zu entziehen. Auch bietet ja der Eitelkeit Nahrung, wer ihr Beachtung gewährt, deS Räubers Kampf gewinnt erst dann Bedeutung, wenn er einen ehrenhaften Gegner findet! Wenn aber unser Rabbiner an einer solchen Gesellschaft Antheil n'mmt, von der wir geglaubt haben, sie sei seiner unwürdig; wenn wir zu dem Schluffe gedrängt werden, 5a i>nn ")5n djh5 xb> und wir uns nunmehr schmerzlich in diesem Manne enttäuscht sehen; wenn die heiligsten Interessen unserer Gemeinde und vieler Landgemeinden in den Händen eines solchen Mannes liegen, der es bedauert, daß diese Landgemeinden noch naivreligiösen Anschauungen huldigen; der die Stirne hat, das Niederreißen dieser destructiven Versammlung ein Aufbauen zu nennen, und sich nicht scheut, unter dem Gewände der Frömmigkeit, den Se- > gen des Allmächtigen für die Bestrebungen dieser Versammlung zu erflehen; dann hält es ein „naives" Mitglied einer solchen Gemeinde für Pflicht, Herrn Dr. Adler die Consequenzen dieses Schrittes vorzuführen und dafür verantwortlich zu machen. Die Bedeutung seines Auftretens ist allerdings dadurch sehr abgeschwächt, daß, so wie sich überhaupt nur eine geringe Betheiligung zeigte, kein kurhessiscber Rabbiner sich herbeiließ, die Versammlung zu besuchen.— Von vielen Mitgliedern der Versammlung kann man in der That sagen: Sie wissen nicht, waö sie wollen! Allein die Stellung, die Herr Do. Adler