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Der Israelit · 1868-09-09 · Heft 37 (9.9.1868) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 37 (9.9.1868)
Date
1868-09-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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700 die sich Jahre lang ausschließlich mit dem Talmud beschäftigt hatten, plötzlich, nachdem sie kaum deutsch zu lesen gelernt, der Gotteslehre den Rücken wandten und der Religion in ihren Herzen untreu wurden; das Fremde, das sie sich aneigneten und das überdies den Reiz und die Süßigkeit des „gestohlenen Wassers" hatte, verblendete sie. Keine leitende Hand führte sie auf den rechten Pfad bei diesen Studien; sie lasen ohne Auswahl das Gute und das Schlechte, durcheinander und nebeneinander. Itzele konnte natürlich nur diejenigen deutschen Bücher lesen, die ihm sein Buchhändler zusteckte: Kotzebue's Komödien und Schillers Sendung MosiS, LeibrockS Näuberromane und Kants Kritik der reinen Vernunft, schlechte Uebersctzuugen von Paul de Coqu's Schandschristen und Erdmannns Geschichte der Philosophie, Broschüren in großer Menge, allerlei Sinn und Unsinn enthaltend. Jedes gedruckte deutsche Buch hielt Itzele für ein Meisterwerk, jeden auf einem Titelblatte genannten Namen für den eines bedeutenden Schriftstellers. Welche ein ChaoS entstand da in dem jugendlichen Kopse! — Als die zwei Jahre vorüber waren, kehrte Itzele in das Haus seines Oheims zurück, wo denn auch alle Anstalten zur Hochzeit getroffen wurden. Itzele hielt am Sabbat vor dem Hochzeitsfeste wiederum eine Deraschab, die allseitige Bewunderung erregte. Rabbi Bär hielt sich für den glücklichsten Schwiegervater, Zippora für die glücklichste Gattin, und auch Itzele hätte alle Ursache gehabt, sich glücklich zu fühlen. Sein junges Weib war ebenso schön wie tugendhaft, sanft, liebenswürdig und fromm; im Hause seines begüterten Schwiegervaters war er jeder Sorge überhoben. Allein, der Keim zum Verderben war schon gelegt und sollte schrecklich ausgehea. In L. fand Itzele zwei gleichgesinnte Genossen, die wie er heimlich die deutsche Sprache erlernt batten und nun wie er deutsche Bücher obne Auswahl lasen. Samuel Löwisohn und Wolf Pardubitz lebten fast in denselben Verbältnisien wie Itzele. Täglich kamen die drei jungen Leute zusammen, und während ihre Angehörigen glaubten, daß ste gemeinsam den Talmud studirten, tauschten sie die deutschen Romane aus, die sie sich hatten zu verschaffen gewußt; auch französisch fingen sie an zu lernen, um Voltaire studiren zu können. Natürlich mußte bei allem Dem das tiefte Geheimniß obwalten; die Bücher wurden sorgfältig in das Qfenloch gesteckt, wo sie vermuthlich kein Mensch suchen würde. Um diese Zeit kam ein Wundertäter nach L., der auf die Leichtgläubigkeit und den Aberglauben seiner Mitmenschen speeulirte; er hatte großen Zu auf und verdiente viel Geld. Tie drei Freunde eiferten m't aller Kraft gegen den Betrüger, ohne daß es ihnen gelang, die Menge von ihrem Aberglauben zu bekehren; im Gegentheile, ste schadeten sich, da ihre Rechtgläubigkeit angezweifelt wurde. Nach einigen Tagen jedock kam ein Schreiben vom Beth Din in Wilna, das vor dem Wunderthäter warnte, ihn als einen gemeinen, characterlosen, irreligiösen Taschenspieler kennzeichnete, dessen angebliche Wunder auf Täuschung beruhten. Der Betrüger wurde zum Städtchen Hinausgetrieben, und die drei Freunde triumphirten. Sie gaben sich gegenseitig daö Wort, mit aller Macht den Aberglauben bekämpfen zu wollen. Rabbi Bär, der für den Betrüger eifrig Partei genommen hatte, schämte sich vor seinem Schwiegersöhne, der es an Spott nicht fehlen ließ; um dessen Hohnreden zu entgehen, machte er ihm den Vorschlag, daß er zu seiner Erholung auf einige Wochen das Seebad Kranz bei Königsberg in Preußen besuche; mit Freuten ging Itzele auf diesen Vorschlag ein, und wenige Tage nachher kam er in Kranz an. Anfangs hielt er sich hier zu seinen Landsleuten und Glaubensgenossen, von denen nicht wenige die Seebäder gebrauchten. Eines Abends hörte Itzele ganz wunderbar schön auf der Geige spielen; er ging den Klängen nach und kam in die Wohnung des kothol. Geistlichen, den er bescheiden bat, seinem Geigenspiel lauschen zu dürfen, was dieser auch mit Freuden gewährte. Itzele, der viel Sinn für Musik hatte, kam nun täglich, um den Kaplan spielen zu hören. Bald schaffte auch er sich eine Geige an, und der katholische Geistliche gab ihm bereitwillig Unterricht. Kopfschüttelnd sahen Jtzele's Landsleute diesem Umgänge mit zu, und man beschloß, dem Schwiegervater davon Nachricht zu geben. Im Hause des Rabbi Bär zu L. sollte unterdeß eine kleine bauliche Veränderung vorgenommeu werden; in Jtzeles Zimmer mußte der Ofen herausgerissen werden — und siebe aus dem Otenloche sielen eine Masse deutscher und französischer Bücher und unter ihnen der Tbeuduh Bej'srael. Rabbi Bär war ganz starr vor Erstaunen; er hatte sich von diesem noch nicht erholt, als ihm ein Brief aus Kranz überbracht wurde des Inhalts, sein Schwiegersohn sei auf dem besten Wege, ein Koifer *) zu werden, da er lediglich mit dem katholischen Geistlichen Umgang pflege. Rabbi Bär zerriß weinend und jammernd sein Gewand, als er so schlimme Nachricht empfing. Dann schrieb er an Itzele und befahl ihm, schleunigst nach L. zurückzukehren. (Fortsetzung folgt.) *) Apostat. Hierzu zwei Beilaarn. Vnamworltrche Aiedaction: I>r. Lehmann. — Vertag der Le rNour'tai-'n po, buch Handlung. — Dampp»SHneupregenvruck von I. Gott-leben in Mainz.

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