Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1868)
- Date
- 1868-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447343-2447379--06470-2462027- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
699 ordnen ihre Cultusverhältnisie selbständig unter Oberaufsicht des Staates. Jeder Zwang kirchlicher Autoritäten gegen Gemeinden, Genossenschaften und Einzeln ist ausgeschlosien. Diejenigen Bürger, welche sich von staatlich unterstützten Genossenschaften ausdrücklich lossagen, sind bei den Kirchensteuern angemessen zn entlasten. Capskadt. Die finanzielle Lage der jüdischen Gemeinde in Capstadt soll, wie man vernimmt, eine recht traurige sein. Es kommt nämlich häufig vor, daß viele jüdische Colonisten, die der Gemeinde angehörten, nach Verlauf von mehreren Jahren, wenn sie sich ein Vermögen erworben haben, wieder nach Europa zurückkehren und fernerhin zur Unterhaltung der Synagogen, überhaupt zur Bestreitung der Gemeindeausgaben nichts mehr beitragen. Es wäre höchst betrübend, wenn gerade die jüd. Gemeinde in Capstadt, am südlichen Ende Afrikas, in Folge dieser Auswanderungen eingehen sollte. Die ehemaligen Colonisten, die in dieser L>tadt ihr Vermögen erworben, sollten billigerweise auch nach ihrer Entfernung einen entsprechenden Beitrag zum Gemeindebudget zahlen. Feuilleton. Water und Sohn. Fünftes Kapitel. Thörrda Aejisraek. Wie groß war die Freude der Seinen als Jtzele, ruhmgekrönt, im Hause seines Onkels erschien, um dort das Fest seiner Bar-Mizwah zu feiern! Wie freute sich die junge Zippora, als ihr lieber Vetter wiederkam, an den sie so viel gedacht hatte das ganze Jahr hindurch! Jtzele hatte eine Deraschah ausgearbeitet, in welcher sich der dialektische Scharfsinn des jungen Gelehrten kundgab; er hatte ein schwieriges ralmudisches Thema gewählt, eine Entscheidung des Maimonides scharf angegriffen, um sie nachher desto glänzender zu vertheidigen. Die ganze israelitische Gemeinde in L. war herbeigeströmt, um das Wunder zu hören; gewiegte Talmudisten waren gekommen und hatten nicht ruhig mitzugehört, sondern ernstlich disputirt; aber gegen alle hatte Jtzele seine Behauptungen aufrecht zu erhalten und zu erhärten gewußt. Als er geendet, schloß ihn der Onkel liebevoll in seine Arme; die Tante aber führte die erröthende Zippora herbei, und die Barmizwah-Feier ward gleich zum Verlobungsfest. Auf zwei Jahre noch sollte Jtzele nach der Jeschibah zurückkehren; dann sollte er heirathen und während ihn die Schwiegereltern mit allem Nöthigem versorgten, nach wie vor den talmudischen Studien obliegen. Als Jtzele wiederum ein Jahr in T. studirt hatte, kam einst ein wandernder Buchhändler dorthin, der auch ihm seine Maaren anlot; unter Anderm nannte erden Thvudah Bejisrael. Jtzele nahm daö Buch in die Hand und las einige Zeilen darin, die durchaus nicht der Beschreibung deö Rabbi entsprachen; er kaufte das Buch, schloß sich in sein Zimmer ein und fing gleich an, es aufmerksam zu lesen. Das erwähnte Buch eifert gegen so manche Mißstände, die bei unfern Glaubensgenossen in Rußland herrschen; nur geht der Verfasser in seinem Eifer manchmal zu weit und läßt sich zn Aeußerungen hinreißen, die allerdings unverantwortlich sind; das hatte ihn in den Ruf eines Ketzers gebracht. Jtzele laö und las. Wie war doch so Vieles in diesem Buche begründet, so vieles der Wirklichkeit angemessen! Als er aber an die Stelle kam, in welcher der Verfasser seinen Landsleuten auf's Wärmste die Erlernung des Laschan jewani, der russischen*) Sprache empfiehlt, da rief Jtzele zornig: „Jetzt sehe ich, daß der Rabbi Recht hat, daß du ein Meßiß und Mediach bist!" Und in seinem Eifer nahm er das Buch, warf es unters Bett und ließ eS^dort liegen. Bald war der Tlimda Bejisrael vergessen. Ein halbes Jahr etwa hatte das Werk Jizchak Bär's unter dem Bette gelegen, da rollte der Berlobungsring, den Jtzele von Zippora empfangen, auf den Boden, und da er ihn wieder suchte, so streß er auch auf den Thöuda Bejisrael. Jtzele nahm da» Buch und fing wieder da an zu lesen, wo er aufgehört Hane, und allmählich ging eine Veränderung in seiner Denkungsart vor; er fing an. es nicht mehr für ein Verbrechen zu halten, die'russische, deutsche oder französische Sprache zu erlernen; er las mit Aufmerksamkeit, wie die Literaturschätze, die in diesen Sprachen niedergelegt sind, gerühmt werden und bekam eine förmliche Sehnsucht danach. Bald verschaffte sich Jtzele eine deutsche Grammatik und begann verstohlen die deutsche Sprache zu erlernen. Als er deutsch lesen konnte und die Formlehre inne hatte, da brachte ihm der wandernde Buchhändler für schweres Geld deutsche Bücher, die Jtzele begierig verschlang. Wir haben es in den letzten Jahrzehnten häufig erlebt, daß begabte polnische und deutsche Jünglinge, *) Jawau ist eigentlich Griechenland, wird aber mit Rußland identificirt, da sich die Russen zur griechisch-katholischen Religion bekennen.