Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 37 (9.9.1868)
- Date
- 1868-09-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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695 riencyclus; möge die Geschichte damit einen Umschwung zum Bessern im jüdisch-religiösen Leben verzeichnen. Und Ihr, Ihr frommen Rabbinen und Lehrer unseres Volkes, leget Euch die obenerwähnte Frage vor in diesen ernsten Tagen der Einkehr und der Buße, und wer eine wohlthätige Lösung weiß, den möge Gott kräftigen, daß der Rath zur That werde. So viel steht fest: durch Verkürzung der Gebete und des Thoralesens, durch Revision der Speisegesetze und Abrogirung des jüdischen EhercchtS werden die Krankheiten der Zeit nicht geheilt, und in dieser Erkenntnis liegt bereits der Umschwung zum Bessern. Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Ans der Provinz Starkenburg. In Nr. 22 d. Bl. wurden in einem Artikel, datirt von der Hess. Bergstraße, die Leistungen der Landgemeinden bezüglich der religiösen Institutionen in solcher Weise gerühmt, als bliebe gar nichts zu wünschen übrig. Hauptsächlich scheint mir das Verhältnis; der Lebrrr in diesen Landgemeinden, sowohl in den Kreisen Bensheim und Heppenheim, als auch in den andern Kreisen unserer Provinz in einem zu hellen Licht dargestellt. Wohl zeigen diese Landgemeinden das Bestreben , einen tüchngen Lehrer zu acquirircn; aber wo sind die Stellen, wo der Lehrer, und«kümmert um die Zukunft und die Seinigen, sich wirklich mit Liebe und Hingebung seinem heiligen Berufe widmen kann? In unserer Provinz wo es säst nur Relig'onslehrer gibt, sind dieselben provisorisch von der Gemeinde angestellt und beziehen ein Gehalt von 250 — 350 fl. Die Casualgefälle, die nach Angabe deö Correspondenten daö Einkommen auf 6—70>lsl. erhöhen sollen, werden oft in einer des Lehrers Ansehen sctwächenden und erniedrigenden Weise gegeben; manchmal werden sie ihm aus persönlicher Rache gänzlich entzogen. Aber auch abgesehen vom maieriellen Standpunkt, den der Einsender erwähnten Artikels gewiß nicht a!S glänzend bezeichnen kann, geni'ßt der Lehrer auch nicht immer die Achtung, die ihn mit Emfluß auf die Kinder wirken ließe. Wo soll die Acktnng und Ehrfurcht vor dem Lehrer, von der!?"i"n sagen: c'Cff sotes "jin *n;c, Herkommen, wenn die Eltern übel und nachtbeil'g von demselben in Gegenwart ihrer Kinder reden? Bei der geringsten und unwichtigsten Veranlassung versäumen die Kinder mit Zustimmung und im Auftrag knr Eltern den Unterricht und doch soll der Lehrer etwas Erkleckliches leisten im’ rw lorn 'b, ohne einzn ehen, daß nur ein regelmäßiger Schulbesuch ein schönes Ziel erreichen hilft. Von dem Lehrer veri langt man R e l i g i o n s - Unterricht, beachtet aber nicht,! daß npnpn uruicKJ die That die Hauptsache und die! religiöse Erziehung des Hauses das wichtigste Moment des Iudentbums ist. Aus Württemberg. Ein von Stuttgart zurückkehrender evangel. Geistlicher erzählte dcm israel. Lehrer seines Dorfes: „Bei Meiner Anwesenheit in der Residenz habe ich auch am Freitag Abend dem israel. Gottesdienst in der neuen Synagoge beigewohnt. Ich war aber sehr wenig erbaut davon. Eine größere Andachtslosigkeit ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen. Keine Spur von religiösem Gefühl, kein Anzsichen von jenem religiösen Ernste, der sich auch in der äußern Erscheinung und in dem Gesichte aus prägt. „Unbekümmert um den die Gebete Vortragenden Borbeter, plauderten die Leute ganz gemüthlich miteinander von ihren Privatangelegenheiten. Ich habe schon am Bersöhnnngsrage und an anderen Sabbatnnd Feiertagen dem Gottesdienste in Landsynagogen beigewohnt. Die Leute schüttelten und bewegten sich unruhig hin und her. üe schrien durcheinander; aber — es war religiöse Wärme, es war herzinnige Andacht, es war ein Ergriffe» sein von dem Ernst des religiösen Gedankens, — das hier selbst in den Gliedeibewegungen zu Tage trat — die Gottesfurcht war nach dem Schriftworte auf den Gesichtern zu lesen „Und woher glauben Sie," fuhr er fort, „daß diese Andachtslosigkeit, diese Leere des Herzens, die trotz des prunkvollen Gottesdienstes überall hervortritt, kommen mag?" Das vermag ich nicht so leicht zu beantworten, versetzte der israel. Lehrer „Ich aber will es Ihnen sagen:" erwiderte der Geistliche. „Man hat die Leute aus ihren religiösen Gewobnbeiten herausgcrissen; man bat ihnen ihre religiösen Melodien genommen, und ihr religiöses Gefühl kann — wo es auch noch vorhanden wäre — nicht mehr zum Ausdruck kommen. „Dieje Neuerungen sind etwas der jüd. Lithurgie gewaltsam Aufgepfrepstes, das nie natürlich mit ihr verwachsen kann. Es ist ein fremder Character, der den jüdischen Gebeten nicht entspricht, und darum wird auch diese Form des Gottesdienstes sich bei den Juden nicht erhallen." Einsender hat es deßhalb für erheblich gehalten, Vorstehendes zu ve-öffentlichen, weil es deutlich zeigt, daß selbst Dasjenige, was die Reformer um jeden Preis erringen möchten: die Anerkennung u d der Beifall Andersgläubiger, ihnen entgeht; auch der denkende Christ läßt sich nicht blenden durch allerlei Firlefanz, welcher die wahre Andacht und die innere FrömmigkUt niemals ersetzen kann. Von Crefelb erhalten wir die Trauernachricht, daß Herr L. Bo d en h ei mer, Oberrabbiner des Conststorialbezirkes zu Crefeld am 25. August feine ir-