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Der Israelit · 1868-09-09 · Heft 37 (9.9.1868) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 37 (9.9.1868)
Date
1868-09-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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694 a. M. noch mehr als dieser Geiger; der eigentliche Rabbiner-der ehemaligen KaiserkrönuaftSstadt ist Hirsch. Und Philippfon? Wahrlich, wir können uns eine- Lächelns nicht erwehren; Herr Philippson hat nie die geringste Bedeutung Zur das Judenthum gehabt; der Genannte schreibt ein ziemlich gutes Deutsch, was vor dreißig Jahren unter Juden noch etwas Seltenes war; zugleich war er ehedem ziemlich rege und kümmerte sich um alles Mögliche; allem, seine geringen talmudischen Kenntnisse, seine vollständige Grundsatzlosigkeit auf dem Gebiete der Religion haben ihn nur Einfluß auf die Regionen gewinnen lassen, in welchen man Beides nicht zu beurtheilen verstand. Seitdem das Volk über diese Dinge aufgeklärt ist worden, seitdem hat Herr Ph. auch seinen Einflllß verloren. Und Herr Aub von Berlin und Herr Adler von Kassel und Herr Formstecher von Offenbach und Herr Kahn von Trier und Herr Wechsler von Oldenburg und die andern, alle, alle — nun, man braucht sie nur zu nennen, und das geringschätzige Lächeln erscheint von selbst bei den Hörern oder Lesern dieser Namen! Die Herren Geiger und Philippson sind zwar älter, aber nicht klüger geworden; sonst hätten sie sich und ihren Anhängern die Farce dieser Rabbinerversammlung von Kassel erspart. Was war's denn, was diese Herren zusammensührte? Wurde irgend eine erhebende, große Idee auch nur geäußert, gelangte auch nur irgend ein bedeutender Gedanke zum Ausdruck? Dieselben holen Phrasen von 44, 45 46, dieselben kleinlichen Narretheien, tun große Gebrechen angeblich zu heilen! Es ist wahr, die Zeit ist ernst, die Judenheit — nicht das Iudenthum — ist großen Gefahren ausgesetzt; es wächst ein Geschlecht heran, das von Gott nnd Seinen heiligen Geboten nichts weiß und nichts erfährt. Der Sabbat und die Feiertage werden entweiht, die Speiscgesetze mißachtet, die ehelichen ReinheitSgesetze sind in vielen Kreisen fast zur Mythe geworden, es mehren sich Arelim und Mamserim d"i! Und jetzt kommt diese Rabbinerversammlung, und was setzt sie diesen traurigen Zuständen, diesen gefahrdrohenden Ereignissen entgegen? Die modernen Israeliten besuchen trotz Orgelklang und Weibersang die Synagoge nicht mehr. Dem muß abgeholfen werden; folglich beantragt PH. — (man höre und staune!) folglich muß man auch ohne die Zehnzahl Gottesdienst halten können. Freilich, dann werden die Israeliten frömmer und gottesfürchtiger werden. Den modernen Israeliten ist die heilige Gotteslehre ein siebenfach verschlossenes Buch; sie wissen und erfahren Nichts von Gott und Seinen Geboten; folglich, beantragt Rothschild von Alzey — soll man in der Svnagoge die Thora nur alle sieben Jahre einmal zu Ende lesen, dann wird sich allerdings die Erkenntnis mehren in solcher Fülle wie die Wasser, die das Meer bedecken. Die modernen Israeliten denken nicht mehr an das jüdische Speisegesetz; folglich — beantragt Wiener von Oppeln — muß man es abschaffen; theilweise freilich nur; aber was nützt die theilweise Abschaffung? Meint Herr Wiener, daß die christlichen tadies d’hote sich nach feinem revidirten Jore Deah richten, oder daß nach erfolgter Revision die Juden, die bisher an christlicher WirthStafel speisten, das unterlassen werden? Die Unsittlichkeit reißt in erschreckender Weise ein. Wo sind Israels keusche Jünglinge geblieben? Ach, aus vielen Häusern ist die Zucht und die Sitte gewichen, und man hört grauenhafte Dinge, die sich in den Häusern unserer modernen Brüder mannigfach ereignen. Die jüdische Familie, welche dereinst als Muster galt allüberall', ist in Gefahr. Folglich muß man — demonstrirt Herr Aub ■ die Chalizah aufhebcn! Hat man je solch wahnsinniges Benehmen gesehen oder gehört? Es wäre wirklich zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen, wenn es nicht so tief traurig wäre. Und doch hat die sogenannte Rabbineroerfammlung zu Kassel auch ihr Gutes gehabt: sie hat die vollständige Impotenz der sogen. Reform und ihrer Vertreter, jedem Auge ersichtlich klar zu Tage gelegt; die Reform ist todt, das Lied, welches Herr Adler von Kassel, zum Schluffe der Versammlung hören ließ, war ihr Schwanengesang. Nicht einmal eines Protestes von Seiten oer wahrhaften Rabbinen bedarf es; was aller Welt als todt erscheint, braucht nicht erst als solches bezeichnet zu werden. Und das ist der Umschwung zum Bessern, den wir oben angedentet haben. Aber auch wir dürfen uns der Krankheit der Zeit nicht verschließen, und die Frage tritt mit ungeheurem Ernst an uns heran: Wie ist der Religionslosigkeit des gegenwärtigen, und noch mehr des Heranwachsenden Geschlechts, die leider immer größere Dimensionen annimmt, zu steuern? Es ist das eine Frage, deren Lösung so schwierig ist, daß sie die Edelsten und Weisesten fast rathlos findet. Noch gibt es G. s. D. Greise und Greisinnen, Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen, Knaben und Mädchen, welche ein echt jüdischer Geist beseelt; diesen Geist zu erhalten, zu kräftigen, auf das zukommende Geschlecht fortzupflanzen, muß die Hauptaufgabe unsres Lebens sein. Was kann, was muß zu diesem Zwecke geschehen? Wir geben heute keine Antwort; wir wollen diese Frage heute nur hinauSrufcn in die weite Welt, wir wollen sie heute nur vorlegen dem großen Leserkreise dieser Zeitschrift. Die größten Tage des jüdischen Kalenderjahres nahen heran; daS Jahr 5628 geht zu Ende, und bald beginnt das Jahr 5629 und mit ihm ein neuer Son-

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