Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 36 (2.9.1868)
- Date
- 1868-09-02
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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691 gebrochen und es schreitet nun desto leichter darauf weiter fort. Aus diesem Grunde mußte gewiß das erste Menschenpaar, da es nicht als ihres Daseins noch unbewußte Kinder, sondern gleich in dem vollkommensten ausgewachsenen mannbaren Zustande geschaffen worden, sogleich auch eine, diesem Mannesalter entsprechende Sprache gehabt haben, die aber auf keine Weise so ganz unvollkommen und ungebildet gewesen sein kann. Denn dieselbe stufenmäßige Entwickelung, welche die Sprache eines jeden Menschen vom ersten hervorgebrachten Worte in dem kindlichen Zustande bis zu ihrer möglichst vollkommenen Ausbildung in dem Mannesalter durch alle Phasen der nach und nach in ihm immer mehr ausgeprägten und zum Ausdrucke gekommenen Erkcnntniß schreitet, eben so muß die Sprache bei Adam und Eva gleich bei ihrem Erwachen ins Leben, indem sie beide zugleich vollkommen als Mann und Weib ausgebildet waren, auch auf der Stufe des männlichen Alters gleich gestanden haben. Wahr und richtig auffassend übersetzt daher der in den Sinn des Originals tief eindringende Onkelos die Stelle (Genes. 2, 7) „Gott blies in seine Nase einen Lebensodem, sodaß der Mensch ein lebendes Wesen wurde," CHJO rPHl rTH^/ „ Di eser Ob cm ward in dem Menschen zu einem sprechenden Geiste". Seine Sprache war also zugleich mit ihm mitgeboren. Nur zu wahr sind daher auch die Worte Buffon's: „Le style e’est l’homme“. Denn in der Sprache wird der ganze innere Mensch klar abgespiegelt, sie ist der Reflex seiner Seele, der lebendige Erguß und der Ausdruck seines Gefühls. Sie zeigt uns den jedesmaligen Zustand der geistigen Größe eines Menschen, auf welchem Zustande er in seiner physischen wie moralischen Entwickelung steht. Der Styl ist der verkörperte Ausdruck des ganzen Menschen oder die verkörperte Sprache seines Geistes, das sichtbare Gepräge seiner Gedanken-Association. Darum zeigt sich in dem Styl oder in der durch Worte dargestellten Ausdrucksweise der Gedanken der ganze geistige Zustano des Menschen. — So wie daher Adam am letzten SchöpfungStage ins Dasein gesetzt worden, damit, sobald er, der König der Schöpfung, das Ebenbild Gottes, ins Leben erwachen wird, sogleich Alles in der Schöpfung vorsinde, was zu seinem irdischen Fortkommen erforderlich ist; ebenso waren ihm auch gewiß, da er mehr als das Thier, über das er sogleich seine Ueberlegenheit zeigen mußte, sein sollte, gleich bei seiner Geburt Verstandeskräfte und Fähigkeiten als schon fertig ausgebildet mitgegeben, deren er sich mit Hilfe der mit diesen eng zusammenhängenden und ihnen adäquaten Sprache bedienen konnte. Und wie sollte ihm auch ferner eine Ehehälfte zugeführt werden, wenn er der Gabe der gegenseitigen Mittheilung noch entbehrt haben sollte? Sollte er etwa instinctmäßig wie das Thier bloß seine Neigung zu ihr nur durch unartikulirte Laute zu erkennen geben? Doch das dem nicht so sei, zeigt uns die heilige Schrift selbst. Denn als dem Adam seine Gattin aus ihm geschaffen werden sollte, wollte Gott, der weise Erzieher des Menschengeschlechts, in ihm zuerst das Bedürfnis; zu einer ihm entgegengesetzten, ihn ergänzenden weiblichen Person erwecken, und dann seine Geisteskräfte erweitern und entwickeln und demgemäß auch seine Sprache ausbilden. Beides geschah aber auf ganz einfache Weise und zwar dadurch, daß Gott ihm das Thierreich vorführte, um jedes einzelne, seinem individuellen Character gemäß, zu benennen. Hierdurch wurde dem Adam das Bedürfnis nach einer Gattin fühlbar gemacht und zugleich die Fähigkeit, sich dieser verständlich mittheilen zu können, aus das Vollkommenste in ihm ausgeprägt. Was nun das bei dieser Procednr zu erstrebende Bedürfniß betrifft, so ist dieses sogleich von ihm empfunden worden, sobald er die ihm vorgeführten Thiere paarweise, und zwar ein Männchen und ein Weibchen, erblickt hatte. Denn jetzt erst gewahrte er, daß er allein ohne Lebensgefährtin unter allen Lebensgeschöpfen dastehe. Dieses sagt uns aber die heilige Schrift (Genes. 2, 20): niD xsn rS oixbi „Aber für sich, den Menscbeir^ (dem höchsten Geschöpfe), fand er keine Gehilfin zur Leite". Diese Worte stehen scheinbar ganz abgebrochen, ohne Zusammenhang, und verrathen ein unaussprechliches Sehnsuchtsgefühl nach einer Gattin, das den Adam ergriffen haben muß; sie enthalten etwas Elegisches, Sentimentales. Denn während jede Thiergattung paarweise sich um ihn schaarte, aber c-Ntn was ihn selbst betrifft — er fand keine Gehilfin, die um ihn sei. — Daß aber auch ferner durch diese Namengebung der Thiere seine Seelenkräfte vielfach gebildet und erweitert worden sind, wird wohl Niemand in Abrede stellen. Denn gewiß gab er ihnen keine ihm zufällig in den Sinn gekommene, sondern nur solche Namen, die jedem einzelnen Exemplare seiner inner» oder äußern Beschaffenheit nach zukamen und ihrem besonderen Naturell entsprachen. Denn diese zu gebenden Namen sollten ja für die Dauer bleiben, die aber keinen Bestand gehabt haben würden, wenn sie nicht jedem Thiere nach Maßgabe seiner eigenthümlichen Beschaffenheit angepaßt worden wären. Aus dem Namen seiner Gattin, die er gleichfalls benannte, ist es klar ersichtlich, daß er ganz auf ihrem individuellen Character beruht und der eben deßhalb in keiner andern Sprache so treu wiedergegeben werden kann. Ebenso bedeutungsvoll, in das Wesen der Sache tief eindringend, waren aber auch gewiß die Namen der Thiere, die er ihnen gab. (Forts, folgt.)