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Der Israelit · 1868-09-02 · Heft 36 (2.9.1868) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 36 (2.9.1868)
Date
1868-09-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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680 Bauernstand fing an, an seinen Ketten zu rütteln und ungestüm Recht nnd Gerechtigkeit zu verlangen. Auch den Juden begannen die hervorragenden Geister als Menschen zu betrachten. Mit Locke und Leibnitz Pochten die neuen Ideen zuerst an die Pforten der denkenden Menschheit. Wolf, dem das große Verdienst gebührt, die Lehren seiner Vorgänger verallgemeinert und die Philosophen veranlaßt zu haben, die Landessprache zu sprechen, machte fast alle Gelehrte Eurapa's zu seinen Schülern; unter ihnen ragte Moses Mendelssohn hervor, durch den auch für Juden und Judenthum eine neue Epoche beginnen sollte. Moses Mendelssohn, als philosophischer Schriftsteller für die allgemeine Literatur bedeutend, dabei von nicht geringem Einfluß aus die namentlich durch Lessing sich zur Schriftsprache entwickelnde deutsche Sprache, lehrte die Juden durch seine Bibelübersetzung ein richtiges Deutsch sprechen und schreiben. Ein solches Vorgehen blieb nicht ohne Opposition; man befürchtete mit Recht üble Folgen für die Religiösität der Juden, sobald sie in ebenbürtiger Weise mit ihrer Umgebung verkehren, an dem auf ganz andern Grundlagen aufgebauten Culturleben der Völker theilnehmen könnten. Diese üblen Folgen blieben in der That nicht lange aus. Sckon das nächste Geschlecht nach Mendelssohn, schon die Männer, die sich seine Schüler nannten, wandten dem jüdischen Religionsgesetz den Rücken. Es ist eigenthümlich, daß der Ausgangspunkt der ganzen Bewegung die Aesthetik war. Während Israels Söhne und Töchter in die Ghetti's eingepfercht waren und sich größtentheils mit dem erniedrigenden Klein- und Hausirhandel beschäftigen mußten, konnte das Gefühl für das Schöne als solches nicht in ihnen ausgeprägt werden; daher kam die unschöne Tracht, die unschöne Sprache, die unschönen Manieren, die häßliche Haltung; daher kam das Lärmen und Untereinanderschreien während deö Studiums und während des Gottesdienstes, daher kam auch die Vernachlässigung der hebräischen Grammatik und des Bibelstudiums überhaupt. Gegen diese Mißstände wandten sich die sogenannten Mendelsschnianer, um nur zu bald das Kind mit dem Bade auSzuschütten. Sie pflegten das Studium der hebräischen Grammatik und eiferten gegen das Talmudlernen, sie predigten ästhetischere Formen beim Gottesdienste und wandten bald dem ganzen jüdischen Religionsgesetz den Rücken. Das waren die Bril, die Satanom, die Euchel rc., die in der jüdischen Literatur eine rühmliche, in der jüdischen Reliaionsgeschichte eine höchst verderbliche Stellung einnMdnen. Da sie in Berlin lebten, so nannte man sie und ihre Anhänger in Polen und Rußland „Berliner". Also Berliner gab es in T. Diesen wollte Jtzele | einen Schlag versetzen, ihre Richtung wollte er lächer- 1 lich machen; und das gelang ihm ganz überaus. Er ] verfaßte ein hebräisches Gedicht, in welchem zwar von 1 der Richtung und dem Geiste der Berliner wenig die j Rede war, denn das Alles war ja dem jungen Dich- 1 ter so gut wie ganz unbekannt; aber ihre Personen, | ihre Gestalten, ihre Familien, gewisse Züge aus ihrem Leben, die Jtzele sich hatte mittheilen lasten, wurden in satyrischer Weise behandelt und dargestellt. Das i Gedicht fand ungeheuren Beifall; es ging von Hand i zu Hand, und zahlreiche Abschriften wurden davon l genommen; auch der Rabbi laö es mit Wohlgefallen i und drückte unserm ob seines Erfolges nicht wenig \ glücklichen Jtzele seine Zustimmung aus; ja, einzelne \ Talmudschüler lernten das Gedicht auswendig und paßi ten es einer bekannten Synagogenmelodie an, so daß j die Berliner sich nirgendwo blicken lasten durften, ohne einzelne Strophen aus Jtzele's Pasquill zu vernehmen. An einem Rosch-Chodesch-Rachmittage ging Jtzele « spazieren; da begegneten ihm drei Berliner. « „Seht da," rief einer von ihnen, „den kleinen Z Pasquillanten." „Armer Junge!" sagte ein anderer, „wie bemitleide ick dich, du Wabnbethörter!" „ Mein Jüngele! " sprach der dritte, „ lies den Theuda Bejisrael! da wirst du auf andere Gedanken kommen!" Jtzele hatte unterdeß wie erstarrt dagestanden. Dann aber raffte er sich auf nnd lief eiligst davon; allein die Worte der Berliner tönten ihm noch immer in die Ohren. Er hatte geglaubt, die Berliner würden über ihn hersallen, auf ihn schlagen und schimpfen; statt dessen hatten sie ihn, der ihnen so wehe gethan, bemitleidet, batten ihn einen Wahnbethörten genannt und ihm schließlich den Rath gegeben, ein hebräisches Buch zu lesen! Was hatte das Alles zu bedeuten? Jtzele beschloß, seinen Lehrer nach dem Thöuda! Bejisrael zu fragen; der Rabbi erschrak, als er das! Buch nennen hörte. „Gctt behüte dich, mein Kind," sprach er, „das ist ein Buch von dem Meßiß und Mtdiach*) Jizckak j Bär. Du sollst es für ein Greuel halten, du sollst! es verabscheuen, Banngut ist eö!" ] Jtzele fühlte sich durch die Worte des Lehrers \ befriedigt. Er lernte mit erneutem Eifer und erhielt S zu seiner bevorstehenden Bar-Mitzwah das Chaber- ■ Diplom. (Forts, folgt.) *) Verführer und Verleiter. Hierzu drei Beilaarn. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Rour'schen Hofbuchhandlung. — Dampf»Schnellpreffendruck von I. Gottrleben in Mainz.

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