Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 35 (26.8.1868)
- Date
- 1868-08-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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656 Leid erwachsen. Auch die vom Kummer gebeugte Wittwe erkrankte und starb noch an den selben Tage; sie war das letzte Opfer der Epidemie im Städtchen P. Weinend und Nagend warfen sich die schmerzerfüllten Waisen auf die Erde nieder — war ihnen dock in einer Woche des Vaters schützender Arm, der Mutter liebevolles Herz entrissen! In dem benackbarten Städtchen L. wohnte ein Bruder des verstorbenen Abraham Rosenstrauß, ein frommer, braver Mann. Er eilte sogleich aus die Nackricht des schrecklichen Unglücks herbei; er sah seine Schwägerin sterben und erleickterte ihren Todeskampf durch das Versprechen, für die verlassenen Kinder wie ein Vater zu sorgen. Obgleich Rabbi Bär Rosenstrauß selbst sieben kleine Kinder hatte, so nahm er dock nicht einen Augenblick Anstand, sein gegebenes Wort auf's Genaueste zu erfüllen. Er verkaufte das Haus und das Waarenlager seines Bruders und nahm dessen acht Kinder in sein Hans aus, wo er und seine fromme Gattin Gutrath die Neffen und Nickten wie die eignen Kinder erzogen. Leicht verwindet das Kinderherz auch den schwersten Kummer; bald war der große Verlust vergessen, und siödlich tummelten sich die Kinder des verstorbenen Abraham mit ihren Vettern und Muhmen, die mit ihnen so ziemlich in gleichem Alter standen. Itzele setzte seine talmudischen Studien mit erneutem Eifer in L. fort, wo seine Talente nickt geringes Aussehen erregten. Auck sckloß er ein inniges Freundsckastöbündniß mit seines Onkels ältester Tochter Zippora, die nur ein Jahr älter war. Mit Vergnügen saben Rabbi Bär und seine Gattin die keimende Neigung, da ein Schwiegersohn wie der talentvolleItzele ihnen bockst willkommen war und da man damals noch in Rußland die Kinder sehr früh verheirathete. Aber gerade um diesen Plan zur Ausführnng zu bringen, beschloß man, die jungen Leute fürs Erste von einander zu trennen und Itzele zu einem großen Rabbi auf die Iesckibah zu senden. Um jene Zeit lebte in T., nicht weit von der preußischen Grenze, ein talmudgelchrter, weit und breit berühmter Rabbi, der Schwer aus den entferntesten Gegenden um sich sanimelte; zu ihm brachte Rabbi Bär seinen von Lerneifer glühenden Neffen und künftigen Schwiegersohn. „ Mache uns Freude, mein Kind ," sprach Rabbi Bär zum Abschiede, „sei fleißig, brav und fromm, so werden Deine Eltern im Himmel sick Deiner freuen, wie wir auf Erden. Und das merke Dir, lobt der Rabbi deinen Fleiß und deine Fortschritte, und gibt er dir die „Ebcwer" zu deiner Barmizwob, so soll meine Zippora Dein Weib werden! Bist du's zufrieden?" Itzele ergriff die Hand seines Onkels und bedeckte sie mit Küssen und Thronen; dieser umarmte noch einmal seines Bruders Sohn und fuhr von dannen, der Heimath zu. Mit fast übergroßem Eifer widmete sich Itzele den ihm gebotenen Studien. Während des Schiur hingen seine Augen an den Lippen des. Rabbi, öffneten sich weit seine Ohren, damit kein Laut verloren gehe. Zu Hause lernte er unablässig mit einigen Genossen den Schiur vor und nach; denn die Zeit der Barmitzwoh war nahe und das Chowerdiplom war schwer zu erringen; er mußte, um es zu erhalten, unter vielen befähigten und fast sämmtlich älteren Jünglingen die Aufmerksamkeit des Rabl i erregen; und das sollte dem kleinen Itzele nicht so leicht werden. Sobald der Rabbi eine Frage aufwarf, so waren gleich zehn oder zwanzig der älteren Schüler mit Antworten bei der Hand, und Itzele, der Jüngste unter ihnen, kam nicht zu Worte. Da ereignete es sich eines Tages, daß der Rabbi in den Worten des Talmuds einen austollenden Widerspruch fand, den weder er noch die Schüler lösen konnten; plötzlich rief Itzele: „Das fragt ja Toißpheß in Awoide Soro!" Und auch der Rabbi erinnerte sich und lobte den jungen Schüler, dem es von nun an und weiter leichter wurde, zum Worte zu gelangen und die reiche Begabung seines Geistes ins rechte Licht zu stellen. Als eines Tages Itzele mit seinem Studiengenossen den Schiur nachlerute, sagte dieser plötzlich: „Weißt Du was Neues, Itzele? Es gibt Berliner hier. " Itzele wurde schneeweiß vor Schrecken. „Gott soll behsten und bewahren!" ries er auö. „Berliner? Wer sagt Dir das!" „„Du kannst Dich darauf verlassen, ich weiß es mit Bestimmtheit!"" entgegnete der Andere. „Berliner!" rief Itzele. „Und warum treibt man sie nicht aus?" „„Es sind Hiesige; man kann sie nicht austreiben!"" „So sollte man doch Etwas gegen sie thun!" „„Was soll man thun?"" „Ich — ich werde ein Pasquill gegen sie schreiben!" Um die Wichtigkeit der Nachricht, daß sich in T. „ Berliner" befanden und den Schrecken Itzele'S darob zu begreifen, müssen wir einen Blick auf die Lage der Juden im Allgemeinen und namentlich in Rußland und Polen werfen. Nur das wollen wir hier gleich bemerken, daß man unter dem Namen „Berliner" nicht Leute aus Berlin verstand, sondern solche Männer, die einer Richtung huldigten, zu der einst Berlin den Anstoß gegeben hatte. (Forts, folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Kedaetion: vr. Lehmann. —?! erlag der Le Roux'scken Hofbuchhandlung. — Danrvf * ©tbiicUpveflenbrutf von I. GottSleben in Man». SÜÜ...MJI1B