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Der Israelit · 1868-08-26 · Heft 35 (26.8.1868) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 35 (26.8.1868)
Date
1868-08-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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653 den kann: da darf keine Rücksicht schweigen, der Kampf um das Wahre darf nicht danach fragen, ob diesem oder jenem wehe gethan wird; mögen diejenigen die Schmerzen, die er hier und da bereitet, verantworten, die durch unvorsichtig's Handeln und Sprechen ihn heraufbeschworen haben. Zur Begründung dieses Aufrufs werden die Verdienste, die Jacobson sich um Schule und Synagoge erworben, bervorgehoben; prüfen wir diese eines Näheren. Jacobson hat die Erziehungsanstalt zu Seesen gegründet und diese mit einer Summe von 100,uOO Thlr. fundirt — gewiss eine hochherzige Thal, ein fürstliches Geschenk; eine That, die von einem für das Gute begeisterten Herzen zeugt, die eine Opferfähigkeit bekundet, deren nur wenige Menschen fähig sind. — Aber, und das ist der Punkt, auf den es hier ankommt, sind diese großartigen Mittel auch zweckentsprechend angewendet worden, ist die Erziehungsanstalt zu Seesen wirklich eine solche, die Juden zu erziehen angelegt ist, wird dort dem jungen Geschlechte das wahrhafte, unverfälschte Judenthum gelehrt? Wir glauben den gelindesten Aufdruck zu gebrauchen, wenn wir sagen, daß wir solches bezweifeln. Und wenn nun diese Anstalt auch von Juden gegründet und von Juden gebildet ist, ohne daß sie durchdrungen ist von dem Geiste des Judenthums, d. h. desjenigen, das auf der schriftlichen und mündlichen Lehre basirl — ein anderes kennen wir nicht und anerkennen wir nicht —: mögen dann auch die Hunderttausende Millionen fein, — wir können nur dann die hohen Summen bedauern, die für einen solchen Zweck verwendet werden, wir können nicht begeistert werden zu einem Jubelliede, zu welchem in vorliegender Schrift die Judcnhcit Deutschlands anfgesorderr wird. Und nun gar die Synagoge! — „.... die Reorganisation der Synagoge, daß wieder Erbauung, Andacht und Weihe in den Wohnungen des Herrn eingekehrt feien, (würde) uns ein Genügendes sagen, was der selige, gottbegeisterte Mann in dieser Beziehung war, indem er das schöne Zion — Beth Jacob oder den Jacob Stempel zu Seesen als Musteranstalt errichtete, worin er die Elemente der Verehrung und Belebrung, Choralgesang m't Begleitung der Orgel und deutscher Predigt schon früh (den 17. Juli 1810) einführte uud zur Nachahmung hinstellte." Also Erbauung, Andacht und Weihe und durch Orgel und Choralgesang wieder in die Wohnungen des Herrn eingekehrt. Wenn man vor 50 Jahren einen solchen Ausspruch gethan hätte, wenn man von mancher Seite die Neugier des Publikums, die dasselbe zu dem neu errichteten soi äismut-Gottesdienste massenweise hinzog, als Theilnahme ansah und den Sinnestaumel, in den das Neue Manchen einwiegte, als Erbauung — und die erzwungene :7kahe die man beobachtete. um stch namentlich bei den Christen den Namen der Gebildeten zu verdienen, als Andacht — und den Firlefanz der Ceremonien, die man einführte, um den Tempel nur nicht in den Verdacht einer „Judenfchul" zu bringen, als Weihe betrachtete: so war dies eine verzeihliche optische Täuschung, man glaubte, die Schule werde stark genug sein, die Aeußerlichkeiten würden Macht genug besitzen zu fesseln, in der Wandelbarkeit und dem Wechsel der Menschen und Generationen sich zu erhalten. Wie aber Herr LiepmannSsohn noch jetzt, nachdem die Geschichte schon ihr Urtbeil gesprochen, dazu kommt, uns noch das Märchen von Erbauung, Andacht und Weihe, die ourch die Orgel in die „Wohnungen des Herrn" eingekehrt, auszutischen, ist geradezu unbegreiflich. Kommt denn Herr L. niemals in die große Welt hinaus, um mit eigenen Augen zu sehen, wie die Orgel ihre Tempel verödet hat, wie die Nabbiner der Neform durch ibr Thun, oder vielmehr durch ihr Nichtsthun, es dahin gebracht, daß das letzte Fünkchen jüdischen Wissens und Lebens ans den Häusern ihrer Anhänger geflohen ist? Weiß eS denn Herr L. nickt, daß Erbauung, Andacht und 'Weihe, nicht jene äußerlichen Salonformen, die das Herz kalt lassen, sondern jene Erbauung, die da? Her; kräftigt und stärkt im Ausschvung zu Gott, jene Andacht, die auS vollem Herzen ein inbrünstiges Gebet zu Gott emporsendet. jene Weihe, die von der Synagoge aus das ganze Leben des Menschen dnrchdringt und veredelt — weiß Herr L. denn nickt, daß alles dies nur in den Gotteshäusern weilt, oenen noch nicht durch eine Orgel der Stempel des Unjüdischen ausgedrückt worden ist? Herr 8. hat nicht gut daran gerhan, den von ihm verehrten Jacobson in seiner Grabesruhe zu stören; wir ackten und ehren in dem Verstorbenen die menschlichen Tugenden, die er besessen, wir können ihm aber nickt eine Ehrensäule fe^cti tur seine Verdienste um das Judenlhum; unbenoininen soll ihm das bleibcn, was er für die freiere St llung der Jndenheit gethan, daß er sich aber um das Judenthum bekümmert, müssen wir von Herzen bedauern. Hätte sich doch Herr L. tausendmal besonnen, ehe er diesen Aufruf veröffentlichte! Es gibt doch gewiß nichts Schöneres, als Jenen ein sorgenloses Alter zu bereiten, die ihre Kräfte im Dienste der Menschheit geopfert, die jenen mühsamen und zumeist verkannten Beruf, Erzieher der Menschheit zu sein, gewählt haben, und „auch einen Fonds zu erübrigen und anlegen zur Aushilfe kleiner unbemittelter Gemeinden.... um denselben Lehrer zu geben." Kann aber, darf ein Jude, der auf dem Boden des Gesetzes steht, sich einem Vereine anschließen, der zur Verherrlichung unjüdischer Institutionen in Synagoge und Schule errich-

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