Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1868)
- Date
- 1868-08-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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640 den ist, hat man in ihr eine Wirtschaft errichtet, in welcher die Ankommenden sich erquicken können, und in der That, jeder schöne Tag sieht Hunderte von Fremden dorthin wandern. Der wundervolle Anblick, der sich von der Höhe der Ruine bietet, ist ungemein schön. Die Gipfel der Rhön und des Spessart, mit Burgruinen auf ihren Spitzen, begrenzen in weiter Ferne den Blick, im Kreise ringsumher ein fruchtbares Thal mit zahlreichen Dörfern und Städten, das die blaßgrüne Sale in mächtigen Windungen durchzieht. Und welch großartige historische Erinnerungen! Schon im elften Jahrhundert hausten hier die Fürsten vonTrimberg, ein mächtiges Dynastengescklecht. Im sechszehnten Jahrhundert erlag die Burg der Wuth der aufständischen Bauern, im siebzenten Jahrhundert baute sie der Fürstbischof Julius von Würzburg, der berühmte Gründer des Juliushospitals, wieder auf; hier sang der Minnesänger Hugo von Trimburg seine süßen Lieder. Und in der neuesten Zeit, am 10. Juli 1866, sammelten sich nach dem Treffen von Kissingen hier die Preußen, um bei dem nahen Hammelburg noch an demselben Tage eben so siegreich zu kämpfen. Also erzählte und erklärte uns der Schloßwart; ich aber sprach zu meinen Begleitern: „Wissen Sie, daß diese Trimburg auch für uns Juden eine werthvolle historische Erinnerung hat? Süßkind von Trimberg, der einzige jüdische Minnesänger, ist hier in dem Dorfe Trimberg, am Fuße der Burg geboren." Erstaunt lauschten die Genossen und baten mich mehr von Süßkind zu erzählen, zumal der Burgwart behauptete, zum ersten Male davon zu hören. Ich erzählte darauf von den Minnesängern, von ihren schönen, süßen Liedern in einer Zeit der Barbarei und des Faustkampfes; ich schilderte, wie wunderbar es sei. daß in dieser Zeit der schrecklichsten Judenverfolgungen Deutschland einen jüdischen Dichter hatte, der in der Landessprache so herrliche Lieder dichtete, daß er neben den Besten, neben Wolfram von Eschenbach, neben Walter von der Vogelweide, neben Heinrich Frauenlob genannt wird; ich erzählte, wie Süßkind wohlgelitten war am Hofe der Grasen von Henneberg zu Würzburg, daß er ein gesuchter Arzt gewesen und zur Zeit Friedrich Barbaroffa's, des gefeierten Kaisers, gelebt habe, daß er Lieder zum Preise tugendhafter Frauen und Psalmen zur Verherrlichung seines Gottes in mittelhochdeutscher Sprache gedichtet, daß er aber nie aufgehört habe, Jude zu sein und dem väterlichen Glauben treu anzuhangen. Als ich bei den letzten Worten im Kreise meiner Zuhörer umherschaute, gewahrte ich jene beiden Männer, die ich dem Leser im ersten Kapitel als Vater und Sohn vorgestellt habe — und gerade als ich die Glaubenstreue Süßkinds betonte, da sah ich es schmerzlich | äufzucken im Gesichte des ältern Mannes, so daß ich plötzlich innehielt. * Während nun in unserm Kreise tiefes Schweigen herrschte und Alles dem Gehörten nachdachte, hörten wir von einem nahen Tische, an welchem eine Gesellschaft Berliner Israeliten Platz genommen, laute Stimmen herübertönen. „Das Essen im Kurhaus ist doch gar zu schlecht!" rief eine junge Dame, deren jüdischer Typus unverkennbar war. „Das wollte ich mir noch gefallen lassen." entgegnete ein alter, reichgewordener Kaufmann, dessen Eltern Hausirer gewesen. „Allein, Ls speisen gar zu viel Juden dort — man meint, man wäre in einer jüdischen Restauration." „Wie können Sie nur so sprechen!" nahm ein junger Mann das Wort. „Ich schäme mich meiner Glaubensgenossen nie. Kol Jiöroel Achehem." *) „Richtig," entgegnete der Alte, „kol Jisroel Achehem aber ich braucht doch nicht mit ihnen zu essen!" Der fade Witz wurde sattsam belacht. Dann nahm eine andere Dame das Wort: „Lassen Sie uns von etwas Ernstem sprechen, meine Herrschaften. Bestellen wir uns für morgen Mittag ein Diner auf dem Seehofe. Dort soll eö vorzüglichen S! weinebraten geben." „Schweinenbraten ist nicht kurgemäß, meine Gnädige!" warf der junge Mann ein, der sich niemals seiner Glaubensgenossen schämt. Wir hatten unwillkürlich dieses interessante Gespräch belauscht. Zu mir trat dann der ältere Rosenstrauß und flüsterte mir zu: „Das sind Juden, ungetauste Juden! Nennen sie die glaubenstreu?" „„Ach, mein Herr,"" entgegnete ich, „„das ist ein trauriges Thema, das sich leider uns jetzt alltäglich aufdrängt." " „Gehen Sie viel spazieren, mein Herr?W „„Sehr viel!"" „Gestatten Sie mir, Sie einmal zu begleiten; ich hätte Vieles mit Ihnen zu sprechen." „„Mit großem Vergnügen!"" „So erlauben Sie, daß ich Sie morgen nach Tische abhole; ich weiß bereits, wo Sie wohnen." Am andern Tage ging ich mit dem älteren Rosenstrauß nach dem Kaökadenthale. Von da an und weiter kam ich häufiger mit ihm zusammen und erfuhr seine ganze Lebensgeschichte, die ich mit seiner Zustimmung in Folgendem wiedergeben werde. _ (Fortsetzung folgt.) *) Sollte heißen: „Kol Jißroel Achim. Alle Israeliten sind Brüder." Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — «erlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Schnellpreftendruck vo« I. Gottsleben in Mainz.