Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 34 (19.8.1868)
- Date
- 1868-08-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447343-2447376--06402-2461956- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
634 Oder wäre vielleicht der tugendhafte und im höchsten Grade keusche Joseph aus einer Ehe mit einer der Umittlichkeit ergebenen Frau hervorgegangen? Oder hätte Jakob ein sittenloses Weib so unbeschreiblich geliebt, daß ihm eine siebenjährige, harte Dienstzeit „nur wie einzelne Tage" Vorkommen? Gewiß nicht? In sieben Jahren schweren Dienstes wären selbst dem verblendetsten Jünglinge — die Augen aufgegangen, um die Wahrheit einzusehen. Oder wäre je der Propheten größter zur Welt gekommen, ohne eine liebreich besorgte Jochebed und deren Tochter, die erste, welche eine „ Prophetin “ genannt wird? Oder hätte die Welt je einen so großen Samuel empfangen, ohne die stille, gottergebene und vertrauensvolle Channah? Oder hättest ein David die drei weltbeherrschenden Nationen mit den herrlichsten Lob- und Preisgesängen beglückt, ohne die unvergleichliche Ruth, die, nach dem Talmud, auf dem und für den Thron geboren war? Oder hätten wir einen Rabbi Jos. Hakohen aufzuweisen, ohne seine so sehr um ihn besorgte Mutter, die schon von seiner Geburt an dafür Sorge trug, daß nur min nm sein Ohr berührten? Oder hätte je eine Rabbi Jehuda Hachasid die Welt mit seinem Geist erleuchtet und mit seinen herrlichen, philosophischen Liedern erfreut, ohne seine gottvertrauende, hingebende Mutter? Um aus den Tausenden von Beispielen aus der Weltgeschichte nur eines anzuführen, erinnere ich an die Cornelia, die edle Mutter der vorzüglichen Gracchen, oder an Göihes große Mutter. — Die heittge Schrift geißelt verblümt auch die Mutter, deren Lebenswandel nicht ganz fleckenlos dasteht durch Enthüllung der Charactere der Kinder. Man denke nur an Amon und Moab, an den Sohn der nm ns mober, an Jsebel, und die Weltgeschichte lehrt uns zur Genüge, daß durch der Frauen Sittenoerderbniß der Staaten Untergang herbeigeführt wird. Ich glaube, durch Voranstehendes den wichtigen Einfluß der Mutter auf das Kind kurz angedeutet zu haben, um zum eigentlichen Zweck meines Aufsatzes übergehen zu können. Daß das jüdische Weib von jeher ein wichtiger Theil häuslichen Glückes und häuslicher Zufriedenheit ausmachte, geht aus vielen Stellen des Pentateuchs — man lese nur die Raschi zu dem Verse nvdrn ro dmrr" yab um npp' n'ib — der Psalmen und der Spr. Sal. besonders aus dem 31. Cap. der letzteren hervor. Wie herrlich und erhaben ist doch die Stelle darin: nddnu nbyn nnttwi n’J3 iop, ferner der Vers aiB «so nsrx 822. Und nicht ohne Grund wird das herrliche Loblied auf die Frau, das 31. Cap. der Prov. nämlich, beim Sabbateintritt gesagt, nachdem vorher in pp^no nD3 die Hauptpflichten der jüdischen Frau ausgesprochen wurden. Denn des jüdischen Weibes Beruf ist in diesen dreien: r6rr np^n rru kurz, aber umfassend angedeutet: Es soll des Hauses Quelle und Stütze sein durch Sittenreinheit, durch Anzünden des Geisteslichtes in der Kinderwelt und durch ein gründliches Verständniß der Oekonomie des Hauswesens! oder mit andern Worten: Sittenreinheit (rru) ist die Quelle reiner, wahrer Mutter- und Gattenliebe, npdrn Licht- und Freudeverbreiterin im Hause) welche sich in einer weisen Sparsamkeit (ndn) äußert. Nicht ohne triftige und wohlerwogene Gründe dringt Esra, dieser 2. Moses, nach der Rückkehr der Israeliten aus Babel auf die Entlassung aller nichtjüdischen Frauen, wohl wissend, daß, soll einst der israelitische Staat im Großen wieder erblühen und besonders durch seine Sitteureinheit, dieses Fundament aller nationalen Glückseligkeit, dieses 2py» nPnp munio allen Nationen voranleuchten: so müssen nothwendig die kleinen Staaten im Staate, die Familien, durch Sittenunschuld und fleckenloses Herkommen erstarken und zunehmen; denn aus diesen kleinen, sittenreinen Staaten erwächst der große Staat des asJnD rü'PDO, des ttmp oy, den zu realisiren wir berufen sind. Sittenrein und keusch wuchs, selbst in den rohen Zeiten des Mittelalters, die jüdische Tochter unter Leitung der Mutter, abgeschlossen von der übrigen Welt, heran, und da der Beruf den Mann nicht, wie gegenwärtig, tageja wochenlang dem Familenkreise entzog; so hatten die Söhne fast ausschließlich dem Vater die ganze religiöse Erziehung zu verdanken und brauchte die Mutter nur hie und da nachhelfend mit einzugreisen. Sie diente schon als Priesterin des Hauses und zeigte ihre Priesterwürde gar oft durch das Darbringen ihrer Kinder auf dem Altäre der Religion in den barbarischen Verfolgungen finsterer Jahrhunderte. Jetzt ist alles Dies ganz anders geworden. Das Mädchen kommt jetzt, wie der Knabe, schon mit dem 6. Jahre in die Kreise außer dem Hause, muß, wie er, verschiedene Sprachen und fast alle anderen Wissenschaften und Künile, sehr oft auf Unkosten des Körperbaues und der Gesundheit erlernen, ohne dabei einen höhern Zweck zu haben, als den, Zutritt in feine Cirkel zu erlangen. Nur in den Anforderungen der Religionswissenschaft bleibt man beim Weibe immer noch bei den Anforderungen der jüngsten Vorzeit stehen, gar nicht ahnend, welche Gefahr dadurch dem Israel, weibl. Geschlechts, resp. der Nachkommenschaft und mithin dem Judenthume erwächst. Jetzt erwartet man von der jüdischen Jungfrau, daß auch sie, wenn von Geschichte, Naturwissenschaften, ja sogar Philosophie und Literaturgeschichte die Rede ist, ihre Ansicht äußere; jetzt erwartet man, daß ihr jedes ziemlich wichtige Theaterstück bekannt sei und daß sie ihr Urtheil darüber abgebe; ferner, daß sie selbst im Stande sei, die schönsten Stellen aus den Opern auf dem Klavier wiedcrzugeben rc. Aber ob sie auch ihre Pflichten als