Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1868)
- Date
- 1868-08-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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IX. Jahrgang. Beilage z« Nr. 33 des Israelit. Leitender Artikel. Zur ungarischen Conferenx. Beurteilung der Broschüre „ zum Congresse" von Rabbiner vr. Hildesheimer. Wien, im Aw 5628. I Man braucht nicht gerade pessimistische Anschauunj gen zu haben, um wenn auch nicht im Voraus bel stimmte Befürchtungen von den Resultaten des inAus-? sicht stehenden Congreffes zur Regelung der jüdischen Verhältnisse Ungarn's zn hegen, so doch zuzugestehen,! daß eS gelte, auf der Warte zu stehen, damit nicht die! destructiven Tendenzen der Reformer das jüdische Leben schädigen. Der Congrcß wird jedenfalls mehr oder minder große Veränderungen im Gemeinde- und Schulwesen Hervorrufen; diese zum Besseren zu lenken,! ist die große Aufgabe der ungarischen Orthodoxie. Wie bekannt werden der Versammlung zwei Elaborate über diese beiden wichtigsten Faktoren jüdischen Lebens vorgelegt werden. Je näher der Zeitpunkt der wahrscheinlichen Eröffnung des Congreffes rückt, desto eifriger regt es sich im Lager der Reformer, welche der Unhaltbarkeit und Schwäche ihrer in dem Majoritätsentwnrfc offen oder versteckt ausgesprochenen Principien durch Agitation für ein ihrer Partei günstiges Resultat der Wahlen zum Congresse zu Hilfe zu kommen suchen. Im Verhältniß zu dieser Rührigkeit ist bisher von Seiten der Orthodoxie nur sporadisch hier und da etwas geschehen, ohne daß sich in ihrer Thä- ' tigkeit eine Organisation erblicken ließe. Es erklärt; sich dies wohl zum Theil dadurch, daß einerseits ein j großer Theil der ungarischen Juden sich der Bedeutung j des Congreffes nicht bewußt ist, und andrerseits jene l Entwürfe, mithin auch die mit der Annahme oder Ab- ) lehnung des einen oder andern verbundenen Gefahren I nur relativ Wenigen bekannt sind, zum Theil aber auch r dadurch, weil es mebr als gewöhnlicher Sachkenntniß z bedarf, um in dem Majoritätsentwurfe daö zu finden, j was wirklich darin liegt. Um so verdienstvoller und zeitgemäßer ist die Aufgabe, welche sich der rühmlichst j bekannte Verfasser der vorliegenden Broschüre gestellt j hat. Man muß in der That, wie der Autor, auch in j den kleinsten Verhältnissen des jüdischen Schul- und j Gemeindewesens eingeweihr sein, man muß nur, wie J der Verfasser, um der heiligen Sache selbst willen I vor die Oeffentlichkeit treten, um mit einem so eminen- - ten Aufwands von Geduld und Scharfsinn alle die : kleinen und großen Hinterpförtchen aufzudecken, welche j sich die Verfasser des Majoritätsentwurfes offen gehalten, um alle die Schleichwege zu zeigen, auf welcher die Reformpartei, wenn es denn nicht anders geht, ihr Ziel zu erreichen sucht. Mit der ihm eigenen logischen Geistesschärfe enthüllt er den wahren Sinn jedes einzelnen Paragraphen, der nunmehr auch von den Laien verstanden werden wird, und deckt rückhaltslos die Gefahren für das orthodoxe Judenthum, so wie die sonstigen Mängel mancherlei Art auf, die dem Entwürfe zu Grunde liegen. Zur Förderung des Verständnisses sind der Broschüre das Wahl-Gemeinde- und Schulstatut im Wortlaute, sowie die Aenderungen im Wahlstatutsentwurfe der Minorität beigedruckt. Die Sprache ist dem Zwecke angemessen, populär und der Preis der fast 7 Bogen starken Broschüre, da das Unternehmen kein lukratives ist, so billig, (wie auf dem Titelblatte angegeben ^5 kr.,) daß dieselbe Jedem zugänglich ist. Wir stimmen mit dem Verfasser vollkommen darin überein, daß die Broschüre in jeder Beziehung den Wählern ein Leitfaden bei Ausübung ihres Wahlrechtes sein kann. Wir unterlassen es, den Inhalt, der für sich selbst spricht, näher durchzugehen und wollen nur einige Notizen aus dem Resultate der Kritik des Wahlstatutes hier wiedergeben, weil dieses am Besten davon zeugt, weß Geistes Kind das Elaborat ist. Die Kritik deö Verfassers gipfelt hier, abgesehen von der von jedem rechtlich denkenden verurtheilten Ausschließung der besoldeten Gemeindebeamten vom activen und passiven Wahlrecht, in einer Beleuchtung der Repartkrung der Wahlbezirke, zu welchem Zwecke derselbe, wie er selbst (pag. 7) an gibt, eingehende statistische Studien angeftellt hat. Mit unwiderleglicher Schärfe weist er nach, daß daö von den Verfassern angewandte Mittel zur Eintheilung der Wahlbezirke durch und durch falsch sei und zu keinem richtigen Ergebniß führe. Die Bruchtheile der Bevölkerung sind in loser Willkür, nicht immer in gleichem Maße berücksichtigt (p. 9). So wählt Arva Thurves auf 5028 Seelen 3 Abgeordnete, Unghvar jedoch auf 8304 S. auch nur 3, Iazygien auf 2245 S. 2 Abgeordnete und Wesprim auf 7275 S. nur 3. Der Verfasser hält es ferner mit Recht für eine Ungerechtigkeit gegen die übrigen Wähler, wenn Comitate mit einer verschwindend kleinen Bevölkerungszahl, wie Sohl mit 69 S., mindestens einen Deputirten wählen sollen. Die Stadt Raab mit 681 S. wählt sogar nach dem Entwürfe besonders.' Am Deutlichsten wird die Absicht, weshalb man gewisse Städte bevorzugte, aus der genauen statistischen Uebersicht, die der Verfasser am Schluffe seiner Kritik des Wahlstatutes gibt. Die schreiendste Ungerechtigkeit und ungebundenste Willkür kommt hier zu Tage. Raab mit