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Der Israelit · 1868-08-12 · Heft 33 (12.8.1868) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 33 (12.8.1868)
Date
1868-08-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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624 zeit streng untersagt hatte, so suchte ich unterdeß Menschen zu studiren. Es konnte nicht fehlen, daß ich bald einen großen Kreis von Bekannten hatte, und so habe ich in dem einen Monat mehr von Welt und Menschen gesehen und gelernt als sonst wohl in einem ganzen Jahre. Um das zu begreifen, lieber Leser, mußt Du mir in den Kurgarten folgen. Schon früh Morgens um 5 Uhr belebt sich derselbe; um 6 Uhr beginnt das Morgenconcert und allmählich ist es voll, sehr voll geworden. An den Quellen sammeln sich große Menschenmassen, und es hält fast schwer, einen Becher zu erhaschen, wiewohl zahlreiche Diener die mit dem wundervollen Rakoczi gefüllten Gläser in großer Menge darreichen. Kaum hat man getrunken, so beeilt man sich, auf- und ab gehend, das Getrunkene zu verdauen. In Gruppen ziehen bei den Klängen einer herrlichen Musik die Kurgäste durch den Garten, fröhlich plaudernd oder in ernstem Gespräche, beobachtend und beobachtet werdend. Siehst Du jenen einfach gekleideten Herrn mit einer ebenso einfach gekleideten Dame am Arme? Es ist ein österreichischer Erzherzog mit seiner Cousine, einer Erzherzogin. Siehst Du jenen geckenhaften alten Herrn, von Damen begleitet, deren auffallender, in allen Farben schillernder Putz die Augen der Menge auf sich zieht? Es ist ein untergeordneter Schauspieler mit Frau und Tochter. Da naht der Erzbischof von Freiburg (in der Schweiz), umgeben von katholischen Pfarrern; ihnen begegnet eine Gruppe protestantischer Gastlicher — sie gehen stumm an einander vorüber. Der große stattliche Herr dort ist ein preußischer Minister und sein Begleiter ein berühmter General; die Dame dort ist eine rumänische Fürstin; da naht eine amerikanische und da eine russische Familie. Jetzt aber trinkt ein vornehmer Türke, den rothen Fez auf dem Kopfe, und neben ihm steht eine Nonne, in ihrer schwarzen, alterthümlichen Tracht gar seltsam abstechend von den bunten Gewändern ihrer Begleiterinnen. Da naht ein Handelsfürst, ein zehnfacher Millionär, mit den Seinen, und dicht neben ihm geht ein armer polnischer Jude mit weißem Bart und langem Kaftan. Die Trachten und Sprachen aller Länder und Stände sind hier vertreten, und der Bettler schlürft mit demselben Behagen den wohlthuenden Trank wie jene vornehme Dame, vor der alle Häupter sich entblößen und die Niemand anders ist als — die Kaiserin von Rußland. Welch' reiche Gelegenheit, um Studien in Bezug auf Sitte und Character der verschiedenartigsten Menschen zu machen! Ich habe die Gelegenheit fleißig benutzt. Von all den verschiedenartigen Gestalten im Kurgarten waren eö namentlich zwei Leute, welche meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Der Eine war ein Herr von ungefähr fünfzig Jahren. Seine Züge zeigten zwar den jüdischen Typus, allein sie trugen doch etwas Fremdartiges; er hatte ein sehr vornehmes Aussehen, und sein Gesicht, von vielen Stürmen des Lebens durchfurcht, hatte den Ausdruck einer Ruhe, die erst unlängst erkämpft zu sein schien. Sein Begleiter war ein junger Mann von einigen und zwanzig Jahren. Wiewohl in feiner, französischer Tracht, erkannte man doch sofort den polnischen Juden in ihm. Die Seitenlockcn, der Bart und die Manieren, die Art und Weise zu sprechen und sich zu bewegen, daö Alles veranlaßte, daß man sich unwillkürlich den langen Kaftan und die polnische Mütze hinzudachte. Trotz der Verschiedenheit der beiden Männer in ihrem Wesen und Benehmen sahen sie sich so auffallend ähnlich, daß man sie wohl für Vater und Sohn halten mußte, aber dann war Beider Erscheinung ein ungelöstes Räthsel. Wohl sieht man es heutzutage häufig, daß ältere Leute, welche in der Zeit der Ab- und Ausschließung unseres Volkes aus dem gesellschaftlichen Verkehr sogenannte jüdische Manieren beibehallen haben, während ihre Söhne, mit und in der großen Welt verkehrend, weder durch Sprache noch Benehmen den jüdischen Ursprung erkennen lassen — aber umgekehrt? Wieso war dieser Vater zu solch einem feinen Weltmanne geworden, während sein Sohn in jedem Moment den polnischen Juden hervorblicken ließ? Diese Betrachtung beschäftigte mich, so oft ich die Beiden sah; da sie aber ganz abgeschlossen von der übrigen Gesellschaft lebten und nur mit einander verkehrten, so bot sich mir keine Gelegenheit, mich mit ihnen bekannt zu machen. Man steht so oft im Leben vor so manchem ungelösten Rätbsel, daß man es endlich lernt, sich mit den Thatsachen zu begnügen und eS aufgilt, die Gründe zu erforschen. Schon dem Kinde wird so selten auf sein: „Warum?" ein genügender Aufschluß zu Theil, daß am Ende der Erwachsene gar aufhört, nach dem Warum zu fragen oder doch der Befriedigung seiner Wißbegier Schranken zu setzen lernt. So erging es auch mir. Anfangs fragte ich Viele meiner Bekannten, da aber Niemand Näheres von den Beiden wußte, so gewöhnte ich mich an ihren Anblick und fragte nicht mehr. Nur das hatte ich erfahren, daß sie wirklich Vater und Sohn und aus Warschau seien; auch ihre Namen nannte man mir: der Aeltere, sagte man, heiße Jsak und der Jüngere Joseph Rosenstrauß. Schon war der größere Theil meiner Kurzeit verflossen, als ich näher mit ihnen bekannt werden sollte. (Fortsetzung folgt.) Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'fchen Hosbuchhandlung. — Dampf * Schnellpreßendruck von I. GottSleben in Mainz.

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