Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 33 (12.8.1868)
- Date
- 1868-08-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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622 Beachtung für einen Mann, der eine psychologische Merkwürdigkeit war. Wir meinen den kleinen blinden Juden, der unter dem Namen „Blind-Ore" bekannt war, und dem man hier oft begegnen konnte. Er trippelte langsam einher, hielt laute Selbstgespräche oder zankte mit muthwilligen Buben, die ihn neckten. Mit Ausnahme der Querwege, der breiten Straße, über welche er sich aus Furcht vor den Wagen führen ließ, ging er überall ohne Führer hin. Er kannte jede Gasse, jedes Haus, und wußte von einer großen Anzahl von Menschen, wo jeder wohr.te. Sein Gedächtniß war eine lebendige topographische Karte von Pesth und ein lebendiges Adreßbuch, in welchem kein Jrrthum und kein Druckfehler vorkam. Sein Geschäft war, den ganzen Tag zu seinen unzähligen Bekannten zu wandern, und in jeder einzelnen Familie zu melden, wann hier oder dort der Jahrestag eines Todtenfalls zu begehen war. Sein Gedächtnis; war nämlich nicht nur eine lebendige topographische Karte und Adreßbuch, sondern auch eine lebendige chronologische Tabelle von Pesth. Er wußte von allen hier eingeborenen israelitischen Bewohnern, wann jeder das Licht der Welt erblickte, und keine der Damen, die in den Kreis der von seinem riesigen Gedächtnis; umfaßten Bekanntschaft gehörte, hätte vor ihm der Frühlingssonnc ihres Lebens Stillstand gebieten können. Und wie ein Schachspieler mit verbundenen Augen sich jeden Stein merkt, der aus dem Spiele genommen wurde, — so wußte er von jedem seiner gestorbenen Bekannten noch nach Jahren den Todestag anzugeben, und das hatte er sich zu seinem Berufe gemacht. Wenn er durch die Straße wanderte, war es nicht ein armer blinder Jude, den wir sahen, sondern das personificirte Gedächtnis;, das umherging und die Menschen ermahnte, der Todten zu gedenken. Jeder, den er auf diese Art an die Pflicht der Pietät erinnerte, lohnte ihn dafür mit einer Gabe, und diese Gaben bildeten sein Einkommen. Der ruhelose Wanderer ist zur Ruhe gekommen, sein Gedächtniß ist erloschen; sei ihm mit diesen Zeilen ein kleines Licht der Erinnerung angezündet. Papa. Wie dem „Ung. Lloyd" berichtet wird, ist es an einem Sonntag in Papa 'n einem öffentlichen Garten zwischen Israeliten und mehreren Ofsicieren abermals zu einem Conflict gekommen, bei welchem Letztere den Kürzeren zogen. Es soll bereits Befehl erfolgt sein, die Papaer Garnison von dort zu dislociren. Frankreich. Paris. Kapitän Benjamin Hein, welcher 22 Dienstjahre und 6 Schlachten mitgemacht hat, wurde zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. (Univ. Jsr.) Paris. Die Gesellschaft zum „Schutze der Thiere" hat dem iör. Lehrer Jakob Weil im Elsaß ein silberne Medaille zuerkannt für seine Methode in Bezug auf Landwirtschaft zur Anwendung für Lehrer im Elsaß. England. London- Im Unterhause ging eine Bill durch, nach weicher jeder, der die Qualification dazu hat, ohne Unterschied der Religion, als Professor an den Universitäten zu Oxford und Cambridge angesiellt werden kann. Rußland und Polen. Warschau, 29. Juli. Aufsehen macht das strenge Auftreten der Polizei seit einiger Tagen gegen viele jüdische Einwohner hier, die ihre Kinder von ch r i st l i ch e n A m m e n nähren lassen. Ein aus dem Mittelalter datireudeö Verbot, das ganz aus der Praxis gekomnien war, steht diesem entgegen und myn begreift nicht, waruni gerade die jetzige Regierung hier eine veraltete Vorschrift hervorgesucht hat. Unter den Israeliten, die mit Execution belegt und zur Entfernung der christlichen Ammen gedrängt werden, befinden sich auch einige norddeutsche (preußische) Bürger, resp. die mit Pässen hier wohnen. Wilna. Die hiesigen Juden haben einen empfindlichen Verlust zu beklagen, namentlich die Armen. Der jüdische Kaufmann Jude! Apotaw ist gestorben, von welchem 300 arme Familien täglich Brod um die Hälfte des Preises erhielten. In seinen Läden war der Brodverkauf so angeordnet, daß zwei Drittel jüdischer und ein Drittel christlicher Armen an dieser Wohlthat Theil nehmen konnten. Eine Volksmenge von 20,000 Menschen hatte sich zur Beerdigung seiner Leiche eingefunden. Asien. Bagdad. Dem „Hebrew Observer" zufolge, soll man bei den Ausgrabungen zu Babel den Leichnam des Königs Nebukadnezar noch wohlerhalten gesunden haben. Bei dieser Gelegenheit wollen wir nochmals auf den ebenfalls merkwürdigen Fund in Vittoria (Spanien)*) zurückkommen. Wir brachten jene Nachricht ganz so wie sie andere jüd. Zeitungen auch mitgetheilt, wir waren jedoch gleich in Zweifel über die ganze Richtigkeit der angegebenen nähern Umstände. Es ist sehr auffallend, daß Herr Silva die besonderen Zeichen auf der Stirne und auf dem Arme als von hier aufliegenden herrührend erklären will. Erstlich ist es niemals in Israel Gebrauch gewesen, die Todten mit pb’sn zu begraben und zweitens, wenn *) Siehe Nr. 27 Artikel Vittoria.