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Der Israelit · 1868-08-05 · Heft 32 (5.8.1868) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 32 (5.8.1868)
Date
1868-08-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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596 ist, weil alle Dörfer entweder von Türken (Muselmännern) oder Christen bewohnt sind. Ein jedes Dorf hat seine Eigenthümer, welche wiederum nur Türken sind. In Thessalien und Macedonien gibt es einige jüdische Dorfbesitzer, welche ihre Güter den Händen griechischer oder albanestscher Bauern anvertrauen müssen. Für den Juden bietet nur die St^dt einen sichern Aufenthalt, auf dem Lande und besonders in den christl. Dörfern sind sie ihrer Existenz nicht sicher. Nun aber gehört fast das sämmtliche Grundeigenthum der Türkei entweder einzelnen Bay's — sogenannte adelige Gutsbesitzer — oder dem Walluf, d. h. der geistlichen Verwaltung. Diese veräußern nie liegende Güter, sondern lassen sie unter Aufsicht eines Oberhauptes, Schach genannt, für ihre Rechnung verwalten. Die Erstern würden eher zur Veräußerung ihrer Güter sich verstehen, wenn sie einen guten Käufer fänden. Ein solcher sindet sich niemals anders, als unter den Muselmännern selbst. Rur einzelne einflußreiche Christen wagen sich an die Erwerbung derartiger Güter, welche mit Gewinn nur von ihnen oder von den Türken verwaltet werden können. Der Neid und die Böswilligkeit der eingebornen Bauern wird dem jüdischen Erwerber den ruhigen Besitz seines Gutes nicht gönnen. Kurz, von der materiellen Seite ist der Ackerbau doppelt unmöglich: erstens weil man ganze jüdische Colonien bilden müßte, und zweitens, weil der Erwerb von Grundstücken aus den eben genannten Gründen nicht leicht stattfinden kann. Angenommen jedoch, man könnte beide Hindernisse besiegen, man besäe den von der Regierung concessionirten Landstrich; zur Erntezeit würde in einer schönen Nacht der Gesammtertrag von den umherwohnenden Bauern und umherstreifenden Beduinen hinweggeraubt werden. Das ist eine unwiderlegbare Ansicht. Wären diese Nachtbeile nicht schon längst erkannt worden, so hätten sich europäische Speculanten bereits in derartige Unternehmen eingelassen. Wer will aber mit seinem Gelbe in einem Lande speculiren, wo bei unsicherem Grundbesitze der rechtloseste Zustand herrscht? Hiezu kommen noch die climatischen Verhältnisse, welche an dem Gelingen eines Colonifationsplanes zweifeln lassen. Selbst der eingeborne Jude wird sich kaum an die Feldarbeit gewöhnen können, welche unter tropischem Himmel verrichtet werden muß. Ja, wäre die Türkei ein civilistrter Staat, in dem Gerechtigkeit und Polizei*) gehandhabt würde, dann gäbe es freilich kein erträglicheres Geschäft als den Feldbau. Solange aber die Türkei der kranke Mann bleibt, ebensolange wird nur dann eine Colonie Dauer haben und zur Blüthe gelangen, wenn sie vor Allem ein großes GründungScapital besitzt und von einer europäischen Regierung thatkräftig unterstützt wird, das *) Anm. der Red.: In jüngster Zeit scheint bei der türkischen Regierung ein besserer Geist zu herrschen; warten wir ab. heißt, daß die Colonie, militärisch organistrt, sich selbst gegen äußere Einfälle vertheidigen und schützen darf, und daß die türkische Regierung für jedwede Spolirung verantwortlich gemacht wird. Solange diese Bedingungen nicht erfüllt werden können — und ich erlaube mir an deren Erfüllung zu zweifeln — ebensolange bleibt die Gründung einer jüdischen Colonie eine Unmöglichkeit. Ich habe oben bemerkt, daß die Einrichtung einer Colonie eine militärische sein müsse, da die türkische Regierung bei dem besten Willen zu schwach wäre, sie gegen die räuberischen Einfälle der wilden Araber- und Kurdenstämme zu schützen. Hat sie ja schon über jene Beduinen keine Gewalt mehr, welche nur zwanzig Stunden Wegs vom Gestade des Mittetmeeres entfernt sind. Um mich kurz zu fassen, erkläre ich nochmals, daß der Ackerbau in der Türkei von Juden unter den jetzigen Verhältnissen unmöglich betrieben werden kann! Es ist dies ein trauriger Mißstand, welcher den Juden gerade die reichste Nahrungsquelle verschließt; allein gegen die Gewalt der Thalsachen gibt es keinen Widerstand. Ich verlasse für heute Ihre geschätzten Leser, denen ich jetzt in Hauptumrissen das türkische Iudenthum vorgeführt habe. Wir haben aber noch viel zu hören, ehe wir genau die Sprachen, Sitten und Gebräuche all unserer orientalischen Brüder kennen gelernt haben. Ich würde glücklich sein, wenn Sie, hochgeehrter Herr Redacteur, mir versichern könnten, daß meine Briefe das Mißfallen Ihres geschätzten Lesepubliknms nicht erregt hätten. *) Ich werde sodann demselben noch gar Manches aus dem Morgenlande erzählen. Demnächst soll es der Schilderung speciell religiöser Gebräuche gelten. Für heute brüderlichen Gruß an meine abendländischen Brüder. lach Meouschar. geitungsnaehriehten und Correspondenzon. Deutschland. Breslau. Einen interessanten Beitrag zur Ausführung des Principes der Humanität im vielgerühmten Staate der Intelligenz bilden zwei Fälle, die beide in Schulangelegenheiten vorkamen, und für die ganze Zukunft der Juden in Preußen von unberechenbarer Wichtigkeit sind. Das eine betrifft nachfolgende Petition fast sämmtlicher hiesiger glaubenstreuen Israeliten um Befreiung ihrer Kinder vom Zwange des Schreibens am Sabbat, wie dieser in den städtischen *) Anm. der Red.: Wir können unferm geehrten Herrn Mitarbeiter die Versicherung ertheilen, daß seine interessanten Berichte mit großem Vergnügen gelesen werden; wir bitten um recht baldige Fortsetzung.

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