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Der Israelit · 1868-08-05 · Heft 32 (5.8.1868) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 32 (5.8.1868)
Date
1868-08-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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595 liche Anzahl Seidenspinner, welche gewöhnlich gute Geschäfte machen. Viele treiben den Handel mit alten Kleidern, ein Geschäft, das hier zu Lande erniedrigend und ohne großen Vortheil ist. Daß diese Art Leute selten reich werden, liegt auch in der allgemeinen Anschauungsweise, nach welcherdas Masul allein das Geschäft des Menschen ganz und gar prädestenirt; darum beschränken sich viele auf den Erwerb des nöthigen Bedarfes. Ich habe übrigens schon früher bemerkt, daß der Orientale genügsam ist und bei Brod und Oliven ein recht glückliches Leben führt. Außer den schon erwähnten hemmenden Umständen hindert auch das frühe Heirathen, die kostspieligen Hochzeiten und die unpractischen Flitterausstattungen das Erreichen eines Wohlstandes. Ehe der junge Mann die Fähigkeit besitzt, für die Bedürfnisse seines Haushaltes zu sorgen, ist er schon Vater einer zahlreichen Familie, was das Erwerben von Vermögen von vornherein zur Unmöglichkeit macht. Auf dem eigentlichen Lande wohnen wenig Israeliten, meist haben sie in den engen Vierteln gewisser Städte ihren Wohnsitz; die Armen leben daher in sehr beschränkten und miserablen Räumen, während die Wohlhabenden oft in fürstlichen Häusern wohnen. Recht arm heißt derjenige, welcher per Monat weniger denn zwanzig Francs verdient, eine Summe, womit gar mancher Hausvater seine Familie ernährt. Aus den schon geschilderten allgemeinen Gemeindezuständen wird der geehrte Leser schon ersehen haben, daß die untere Classe von der bemittelten gleichsam ignorirt wird. In Wirklichkeit stehen die Vermögenslosen schutzlos da. Mißhandelt einen derselben ein Christ oder Jude, oder geschieht ihm sonst ein Unrecht, so muß er es schweigend ertragen, wiewohl der Chacham-Baschi pflichtgemäß für ibn einzuschreiten hätte. Ganz unglücklich wird der Mittellose, wenn ein körperliches Leiden ihn trifft, woher nehmen, um sich seine Nahrung zu verschaffen? geschweige denn ärztliche Hilfe. Die überall organisirten Krankenvereine sind nicht im Stande, ausreichende Hilfe zu bieten, und so kann der Unglückliche nicht einmal die tröstende Genuqthuung haben, von der helfenden Hand eines Arztes, wenn auch nicht immer geheilt, doch wenigstens gestärkt zu werden. In neuerer Zeit haben einige Gemeinden einen Kehillaharzt aus Europa verschrieben, welchem durch Abonnement seine Existenz reichlich gesichert ist. Die Gemeindeverwaltungen beiheiligen sich daran durch einen bestimmten Gehaltszuschuß aus der Caffe des Kolel, wofür der Doctor die armen israel. Gemeindebewohner unentgeltlich behandeln muß. Es wäre zu wünschen, daß das gute Beispiel Salonichi's allgemeine Nachahmung fände. Ueber die Aerzte im Orient will ich hier kein Urtheil fällen; es gehört dies nicht zu meinem Thema. Was ich nur wünsche, ist, daß in ollen jüdischen Gemeinden auch ein jüdischer Arzt wohnte, damit unsere Glaubensgenossen auch in dieser Beziehung gut versorgt wären. Die dritte Elaste der jüdischen Bevölkerung bewegt sich stets in ihrer eignen Sphäre und verbindet sich durch Heirathen nur wenig mit der Chachamimclasfe. Um das türkische Judenthum materiell zu heben, hat man nur die vom Glücke Vernachlässigten zu einem gewissen Selbstbewußtsein zu bringen, damit auch sie thatkrästigen Antheil nehmen an der Entwickelung eines geregelten Gemeindewesens. Wie das Aufblühen eines politischen Staates nur von dem Voranschreiten einer guten Mittelclasse abhängt, so ist auch das Gedeihen einer jüdischen Kehillah von dem Emporkommen der Benonim bedingt. Die Gaben einer Anzahl Mittelleute überwiegen den Beitrag einiger Reiche. Der große Reichthum hat auch noch nie etwas Ersprießliches für Juden und Judenthum gewirkt. Wir können nicht scheiden von dem geehrten Leser , ohne eine andere wichtige Frage zu berühren, welche gar oft in der jüdischen und politischen Presse debattirt wurde. Warum denn die türkischen Juden sich nickt mit Landwirthschaft beschäftigen? hörte man oft fragen; ich selbst wunderte mich darüber und habe seit drei Jahren diesen Gegenstand einer eingehenden Prüfung unterzogen. Ich habe über denselben mit manchen Consuln gesprochen und die Ansicht anderer sachkundiger Männer eingeholt; ich gebe Ihnen hiermit das Resultat meiner Forschungen, welche mich belehrten, daß die eben gestellte Frage a priori eine ungerechte ist. Derjenige Europäer, welcher das Morgenland flüchtig durchreist, bildet sich ein, eS muffe keine ergiebigere Nahrungsquelle geben als den Ackerbau. Viele unserer Glaubensgenossen predigen Jahr auS Jahr ein für die Colonisirung des heiligen Landes und glauben darin das wahre Mittel gefunden zu haben, um die ärmliche Lage der Bewohner Palästina's zu verbessern. Diese Meinung ist eine bodenlose, und kann nur Jener hegen, welcher mit den social-politischen Zuständen und den climatischen Verhältnissen dieses Landes ganz unvertraut ist; denn die oberflächlichste Kenntniß derselben überzeugt uns von der Unmöglichkeit, die Israeliten zu Ackerbauern zu stempeln. Der Landwirthschaftsbetrieb erfordert vor Allem, daß die Ackerbauer an Ort und Stelle wohnen, während der Aufenthalt in Dörfern den Israeliten durchaus unmöglich wird, außer sie müßten einzelne Dörfer ausschließlich bewohnen, was schon darum unmöglich

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