Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 32 (5.8.1868)
- Date
- 1868-08-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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594 anmaßt, über heilige religiöse Institute den Stab zu brechen, und dabei einen Heiligen - Schein sich zu geben bemüht. Nach dieser notwendigen Erklärung unsererseits und wie ich glaube, im Sinne aller Leser dieses Blattes, können wir also zu den Worten des Verfassers zurückkehren und die Folgerung aus seiner Behauptung mit Nuhe näher betrachten. Verfasser stellt also das Religiöse mit dem Politischen auf gleiche Stufe. In Beiden sei das Bedürfniß allein berechtigt und entscheidend und meint nun, daß unter Umständen auch Einrichtungen, „welche die Vernunft nicht für sich haben," erhalten werden müssen, weil sie den zeitlichen Bedürfnissen entsprechen. Wohl aufgemerkt. Es erklärt also der Verfasser, indem er das Religiöse mit dem Politischen vergleicht, daß wie hier, so auch dort mehrere Verfassungen ganz gut neben einander existiren können. Wie hier die Einen für die monarchische, die Andern für die aristokratische, wieder Andere für die republikanische, endlich gar für die demokratische oder für die rothe Republik schwärmen, ebenso viele Gottesverehrung gäbe es. Die allgemeine Gottesverehrung "|jisn nwjft nn^» hun cibi upjpi Dbw 22^2, kennt der Verfasser nicht, wie sie die Gotteseinheit bedingt, vielmehr dem Polytheismus gleich, eine mannigfache, wenn sie nur dem Zeitbedürfnisse, dem vernunstlosen Zeitgeiste entsprechen, habe ihre Berechtigung. Mit andern Worten, man darf Gott auf eine vernunftlose Weise verehren. Dieses behauptet der erleuchtete Redacteur der „Judenthumszeitung" des 19. Jahrhunderts. Wahrlich der Verfasser hat Recht, wenn er sagt, er will nicht mit uns streiten. — Allein wir müssen noch weiter dieses Axiom genau ansehen. Wie du dich hoffentlich, lieber Leser, noch zu erinnern weißt, machte der Verfasser die gläubigen Juden zum Sündenbock „über den Mangel an jedwedem Bedürfniß nach gottesdienstlichen Uebungen," und klagt sehr über die religiöse Bedürsnißlosigkeit; consequenter Weise sollte man also den Schluß ziehen, da im Gottesdienst das Bedürfniß allein maßgebend ist. folglich auch, wo kein Bedürfniß, kein Gottesdienst nothwendig sei. Und dock hält sich der Ex-Rabbi verpstichtet, einen neuen Cultus zu schaffen! Bewundere nun die scharfe Logik des Verfassers, wie er diesen Knoten zu lösen vermag. Er meint das Bedürfniß habe offenbar eine negative und eine positive Seite. Die erste läge in der Unzufriedenheit mit dem Bestehenden, die zweite in der Um- und Neugestaltung. Zwischen diesen zwei Momenten fände ein langer Weg Statt; man müsse wissen, worin die Umgestaltung bestehen solle und wenn man dies in genügender Fülle vor sich liegen hat, so muß die Wahl getroffen werden; nach getroffener Wahl müsse ein Plan entworfm und eine ausreichende Energie vorhanden sein, um die Umgestaltung ins Werk zu setzen. — So weit der Verfasser. Wieder eine geistreiche Lehre. Zwischen der negativen und positiven Seite des Bedürfnisses ist ein langer Weg. Wie nennen wir diese Zwischen-Station? Das Alte hat man aus Unzufriedenheit aufgezeben, das Neue ist noch nicht da; man weiß nicht, was man will; ist man sich endlich seines Willens bewußt, fehlt las Schaffen; hat man endlich Neues producirt, fehlt die Wahl; ist die Wahl getroffen, dann fehlt der Plan; ist endlich der Plan entworfen, dann fehlt die Energie, um die Umgestaltung in'ö Werk zu setzen und was geschieht während der Zeit? Nun das ist ja die gegenwärtige Zeit, die Zeit der religiösen Bedürsnißlosigkeit und man betet — nicht, imb nyi rmpn1? ny sagt der Prediger und in den Sprüchen Salomon's heißt es: dn-r tzn nttfir ddh t&nno. Aus einem Nichts Etwas zu schaffen wird jeder Gläubige, nachdem einmal die Allmacht beim Urbeginn durch ihr schöpferisches Werde die Welt aus dem Nichts in's Dasein rief, für die ganze geschaffene Welt als unmöglich bezeichnen und doch glaubt der Mann des 19. Jahrhunderts, daß dieses ihm gelungen sei. Er klagt nur über den Mangel an Energie; d'eses sei die eigentliche Klippe, meine er, denn von dieser Energie sei wenig Spur vorhanden. Schon sei Vieles geschaffen, was man an die Stelle des Veralteten setzen könne, doch sei die Wahl noch nicht getroffen, hier gerathe die Mehrheit in Schranken, und das Bedürfniß zeige sich schwach gegen die Macht des Alten. Das religiöse Bedürfniß sei nun in seiner negativen Seite vorhanden, aber viel zu schwach, um bis zur productiven Seite zu gelangen. Verfasser klagt nun, über die nachtheiligen Folgen dieser Situation und bespricht hierauf die Ursache derselben. Bevor wir also zu dieser übergehen, haben wir hier wieder von Neuem zu bemerken, daß der Verfasser in einem steten Widerspruche sich befinde. Die ganze Veranlassung zur Umgestaltung des öffentlichen Gottesdienstes sei das Bedürfniß, dieser solle zugleich das entscheidende Motiv sein, nun aber fehlt dasselbe, wer soll entscheiden? Es soll demnach wieder Etwas octroirt werden. Wie in politischer, so auch in religiöser Beziehung, wo die Masse unfähig ist, sich zu beherrschen, da muß der Machtinhaber das Interesse des Volkes wahren und einen Staatsstreich kühn ausführen, ebenso auch in religiöser Beziehung; nur schade, daß wir Juden eine solche Omnipotenz nicht haben, darum soll eine.Rabbinerversammlung tagen, diese soll das Heil herbeisnhren; nou3 verron8. (Fortsetzung folgt.) Der Orient. (Fortsetzung.) Ein großer Theil der unteren Elaste lebt im Dienste der Begüterten; manche sind Maurer, Blechner oder Schneider. In Syrien gibt es eine beträcht-