Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1868)
- Date
- 1868-07-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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586 sinnigen Institutionen allen Staatsangehörigen in j gleicher Weise zu Nutzen kommen, und von ihnen mit > Freuden begrüßt werden. Daß derartige sociale Fort-! schritte nie ohne Einfluß auf die religiösen Verhältnisse j bleiben, ist schon eine alte und wahre Erfahrung. Und so ist dies auch bei uns gegenwärtig der Fall. Die mit der Gewerbefreiheit eingeführte Freizügigkeit entführt den Landgemeinden gerade den wohlhabender» Äheil ihrer Mitglieder, wodurch der Fortbestand der Gemeindeinstitutionen oft fast unmöglich wird. Sckon jetzt trifft man bei uns auf dem Lande große herrliche Synagogen, welche früher kaum dem Bedürfnisse entsprachen, und nun mehr als zur Hälfte leer stehen. Allein, dies ist das Traurigste an der Sache noch nicht. Was weit schlimmer, das sind die Schulverhältnisse solcher klein gewordener Gemeinden, und darüber ein Wort an die Oeffentlichkeit zu bringen, ist der Zweck dieser Zeilen. Wenn gleichwohl der früher so fühlbare Mangel an israelitischen Lehrern in Bayern etwas abgenommen, namentlich durch die so segensreich wirkende iSr. Lehrerbildungs-Anstalt zu Würzburgs, so sind wir dennoch weit entfernt vom Ueberfluß an Lehrkräften. Auch der Umstand, daß der Minimalgehalt eines Religionslehrers — freilich auf Kosten der Gemeinden — von 150 fl. auf 200 fl. erhöht wurde, war nicht im Stande, die Lust zum Lehrfache zu entflammen. Daß also junge Männer, die sich zu Lehrern herangebildet, sich lieber um Lehrerstellen in größern Gemeinden bewerben, ist ihnen nicht zu verargen, denn! hier ist ihnen - wenn auch oft nur geringer Gehalt! — doch wenigstens Gelegenheit zu Nebenverdienst ge- , boten. Wenn nun solche größere Gemeinden durch! die Wanderlust in die Städte zu kleinen Gemein- , den herabsinken, was Wunder, daß dann, wenn die zurückbleibeuden auch mit schweren Opfern den Gehalt aufbringen, der Lehrer dennoch dahinstrebt, ebenfalls in eine größere Gemeinde zu kommen. Weit schlimmer aber noch ist, daß nicht selten Gemeinden dann gar nicht mehr im Stande sind, einen Lehrer zu besolden! Die Folgen hiervon sind, daß die isr. Jugend solcher Gemeinden ohne jeglichen Unterricht in unserer h. Religion heranwächst, und manches zu den schönsten Hoffnungen berechtigtende Talent geistig verkommen muß, und unter solchen Umständen wahrlick darf eS dann auck nicht wundern wenn selbst auf dem platten Lande der Geist der Irreligiöntät immer j mehr Boden gewinnt. Das sind nun Zustande, de- > reu Beseitigung Jedem am Herzen liegen sollte, der j nur irgendwie dazu beizutragen im Stande wäre. R a j dical könnte freilich in diewr Beziehung nur dann geholfen werden, wenn eine allgemeine Casse gegrün-? bet würde, zu welcher — ohne Unterschied ob Stadti oder Landbewobner — nach Häuptern beigetragen werden müßte, und wenn die Lehrer, wiederum ohne Unterschied, ob in einer größern oder kleinern Gemeinde angestellt, daraus anständig besoldet würden. Allein, dies gehört in das Reich der pia dessideria, auf deren Erfüllung schwerlich gewartet werden kann, und deßhalb dürste vielleicht der folgende Vorschlag nicht zu verwerfen sein: Es sollten nämlich mehrere, in größern, oder auck in kleinern Landgemeinden wohnende tüchtige Lehrer aus allgemeinen Mitteln dafür besoldet werden, daß die Kinder aus solchen Gemeinden, wo sich kein Lehrer befindet, ihnen zum Unterrichte und zur Erziehung übergeben werden könnten. Bemittelten Eltern solcher Kinder würde die Beschaffung einer gehöriger: Verpflegung ihrer Kinder — beim Lehrer oder bei Privaten — ein Leichtes sein, aber auch Unbemittelten dürfte cs an Unterstützung nicht fehlen. Für die Besoldung solcher Kreis lehrer, sowie für die Organistrung und Conservirung dieses ganz neuen Instituts hätten natürlich die betreffenden Herren Rabbiner zu sorgen, und genügt es, in jedem Rabbinate eine solche Schule zu errichten. An befähigten Lehrern und geeigneten Gemeinden wird es ebensowenig als an Mithilfe der Schul- und Staatsbehörden hierzu fehlen. Und wenn dieser Plan gleichwobl noch der Erwägung und Prüfung bedarf, so werden dock hoffentlich diese Zeilen wenigstens dazu beitragen, die Aufmerksamkeit sowohl der Herren Rabbiner als Gemeindevorstände auf diesen höchst wicktigen Gegenstand zu lenken und wäre es sehr zu wünschen, wenn darüber in diesen geschätzten Blättern nock andere Stimmen sich vernehmen ließen! — Paderborn Es wurde uns der zehnte Jahresbericht über die der Direction der Fräulein Fanny Nathan umerstehenden israelitischen Waisen-Erziehungsanstalt für Knaben und Mädcken in Westphalen und Rheinland zu Paderborn zugeschickt. Die Anstalt zählt gegenwärtig 32 Zöglinge, 21 Knaben und 11 Mädchen. Auch im verflossenen Jahre hatte sich dieselbe vieler milder Gaben von Seiten wohlthätiger Glaubensgenossen zu erfreuen. Sie hatte eine Einnahme von 6349 Thlr. und eine Ausgabe von 5525 Thlr. und besitzt einen Fond von 3409 Tblr. Posen, un Tamus. Bei dem großen Bestreben und der fast beispiellosen Bereitwilligkeit, mit der Sie Sich, verehrter Herr Redacteur, unserer nothleidenden Glaubensbrüder in den von HungerSnoth heimgesuckten Gegenden so liebevoll annahmen, werden Sie gewiß nachstehendem, von San Francisco aus datirtem, an mein.n Schwiegervater, Herrn Salomon Pleffner, gerichtetem hebräischen, von mir übersetztem Brief die Spalten Ihres, Glaubenswärme und echte jüdische Humanität fördernden Blattes gern einräumen. Ich boffe umsomehr, daß Sie meinem Wunsche za der Verbreitung des Briefes durch Ihre geschätzte Zeitschrift wohlgeneigt entgegenkommen werden, weil in demselben nicht nur wahrhaft jüdischer Wohlthätigkeitssinn, der sich trotz Meeceöweiten mit den entferntesten Glaubens-