Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1868-07-29 · Heft 31 (29.7.1868) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 31 (29.7.1868)
Date
1868-07-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447343-2447373--06349-2461900
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

584 der siegreichen Schlacht in den Ebenen von Zborow nach Zolkiew. Der Rabbiner, welcher davon vernommen, eilte in das Haus Bezalels, um die freudige Mittheilung, die einen Schimmer von Hoffnung bot, zu bringen. Ach, dieser ehrwürdige Greis war noch tiefer gebeugt, als Bezalel und Sarah; Rebecka war nicht allein fein einziges Kind, es war das Kind seines Alters. Vierzig Jahre lang hatte er in kinderloser Che gelebt; da war sein Weib gestorben, und der Sechszigjährige hatte sich entschlossen, eine neue Ehe einzugehen, deren einzige Frucht Rebecka war; auch seine zweite Gattin, Rebecka's Mutter, ruhte schon fast ein Jahr im Grabe, und so war die Tochter des alten Mannes einziger Trost gewesen; er hatte sich so gefreut ob der glücklichen Che derselben — und nun war die Tochter geraubt und der Schwiegersohn auf abenteuerlicher Irrfahrt begriffen! Nur das innigste Gottvertrauen hatte den Greis aufrecht erhalten inmitten dieser furchtbaren Leiden; jetzt aber schöpfte er Hoffnung aus dem Siege des polnischen Heeres. Ganz außer Athem kam der Rabbiner im Hause Bezalels an. Bezalel und Sarah hörten seiner Erzählung mit trübem Lächeln zu; sie konnten seine Hoffnung nicht th eilen. Da sprengten zwei Reiter in sausendem Galopp in die Judensiraße herein; vor dem Hause Bezalels machen sie Halt. Der Eine, ein schmucker Krieger in noch jugendlichem Alter, springt vom Pferde, den Zügel desselben seinem Begleiter zuwerfend; ihm eilen Bezalel und sein Weib entgegen. „Bezalel," ruft der junge Held, „kennt Ihr mich noch?" „Wer seid Ihr, Herr?" fragt Bezalel erstaunt. „„Erinnert Ihr Euch nicht mehr des kleinen Jan, dem Ihr einst so liebevoll Gastfreundschaft gewährtet?"" „Gewiß, Herr! Und Ihr seid...." „„Der kleine Jan, der jetzt Johann Sobieski heißt."" „Wie," rief der Rabbiner, der ebenfalls an die Hausthür getreten war, „Sobieski, der Sieger von Zborow, der Retter des Vaterlandes?" „Rabbi," rief Bezalel, „ich gedenke noch jedes Wortes, das Ihr mir damals sagtet! Wie groß ist doch das Wort der Rabbinen, die da sprechen: „Mehr denn ein Prophet ist ein Weiser!" Ihr sagtet: „Vielleicht beherbergt Ihr den künftigen König dieses Landes." „Nun," lachte Sobieski, ins Zimmer tretend, wohin ihm die Andern folgten, „König ist Johann Kasimir, und nicht ich!" „Ihr werdet'S noch werden, Herr," rief der Rabbi begeistert, „wer mit zwanzig Jahren schon sein Vaterland gerettet hat, dem wird einst das dankbare Vaterland die Königskrone setzen auf das edle Haupt!" Unterdeß hatte Sarah zu essen und zu trinken hereingebracht und dem edlen Gaste vorgesetzt. „Ha," sprach Sobieski, „Ihr wollt Eure alte Gastfreundschaft erneuern? Und ich bin gekommen Euch für Eure mir vor zehn Jahren erwiesene Güte zu danken! Doch wo ist Jakob, Euer Sohn, mein einstiger Freund und Spielkamerad?" Bezalel wollte antworten; doch Thränen erstickten seine Summe, und auch Sarah, vermochte kein Wort zu sprechen; der alte Rabbiner aber weinte laut. „Ich habe von Eurem Kummer gehört," sprach Sobieski. „Doch, fasset Muth; ich hoffe, daß Eure Kinder zurückkehren!" „„Ihr wißt von ihnen!"" riefen Alle zugleich. „Euer Sohn Jakob lebt!" „„Und meine Tochter, Rebecka?"" fragte bangend der Rabbiner. „Ist das schöne Weib Eure Tochter? Auch sie lebt. — Beide sind gesund und werden bald hier sein; ich bin nur vorausgeritten, Euch vorzubereiten, damit die plötzliche Freude Euch nicht schade!" War das ein Jubel, der diesen Worten Sobieski's folgte! Bezalel sprang wie närrisch im Zimmer umher, über Tische und Bänke, umarmte den Rabbiner, küßte Sobieski's Gewand; der alte Rabbiner saß wie erstarrt auf seinem Stuhle und Sarah weinte so laut, daß das Hausgesinde und die Nachbaren herbeieilten und fragend auf die seltsame Gruppe schauten. „Meine Kinder.... stieß Bezalel mühsam hervor.... „Jakob, Rebecka... sie leben.... sie sind gesund .... sie kommen wieder.... hier der Starost, Pan *) Sobieski, sagt's...." Wie ein Lauffeuer verbreitete sich in Zolkiew die Nachricht von der Ankunft Sobieski's; die ganze Stadt eilte herbei, den jugendlichen Helden von Zborow zu sehen. Als Jakob und Rebecka nach Hause kamen, fanden sie das Haus der Eltern von einer großen Menschenmenge belagert und konnten sich kaum den Eingang erzwingen. Endlich gelang es ihnen, bis zu dm Eltern vorzudringen, die mit lauten Freudcnrufen ihre Kinder umarmten. Als sie sich dann nach Sobieski umsahen, war dieser verschwunden; er hatte sich durch eilige Flucht sowohl den Ehrenbezeugungen der Bewohner von Zolkiew als auch dem Danke der durch ihn Geretteten und ihrer Eltern entzogen. (Schluß folgt.) *) Herr. Hierzu eine Beilage. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Lrrlaa der Le Roux'fchen Hofbuchhandlung. — Dampf , Schnellpreffendruck von I. GottSleben in Mainz.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.