Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 31 (29.7.1868)
- Date
- 1868-07-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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580 schreiten war um so nothwendiger, als jener oben genannte Brief nur in der Absicht geschrieben war, die Volkswuth noch zu steigern. Der Rath selber war. auch die Macht vorausgesetzt, weniger geneigt, den Greueln zu steuern, als das Schutzgeld der Juden nicht in die Stadtkasse, sondern in die des Kaisers floß. Erst im I. 1385 ertheilte K. Wenzel den Ulmern das Recht. Juden und Jüdinnen, „des Reiches Kammerknecht", in die Stadt aufzunehmen, und sie zu schirmen unter der Bedingung, daß die Hälfte von dem, was die Ulmer von den Juden genießen, an ihn, den Kaiser, abgegeben werde. So lebten die Juden wieder hundert Jahre, bald mehr bald weniger angefochten in Ulm, bis zur Zeit K. Maximilians. Da erbttterte ihr erneuerter Wucher und ihr ungestümes Eindringen in alle Zweige des öffentlichen Lebens die Bürgerschaft so, daß man ihnen geradezu Schutz und Schirm kündigte und sie für alle Zeiten aus der Reichsstadt verbannte. Schon bei K. Friedrich III. (1440-93) wußten es die Ulmer durchzusetzen, daß er nur 3 Judenfamilien den Aufenthalt in der Stadt gestattete. Wollte ein auswärtiger Jude länger als 3 Tage in Ulm verweilen, so mußte er für jeden Tag einen Gulden bezahlen. wollte ein solcher auch nur in und durch die Stadt gehen, so mußte er sich bei'm Thorwart melden und erhielt durch den Bürgermeister den Büttel mit einem schwarzweißen Mantel angethan zum „Judengeleit". Gleickwohl hatten die Juden gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Ulm wieder bedeutend zugenommen und klagte die Bürgerschaft abermals laut und bitter über ihren Wucher und Betrug. Endlich kamen diese Klagen auch vor den Kaiser Maximilian (1493—1517), der den Ulmern besonders gewogen war und den Befehl ertheilte, aus Königl. Machtvollkommenheit alle Juden, männlichen und weiblichen Geschlechtes, aus der Stadt zu treiben. Das geschah und durfte fortan kein Jude mehr in Ulm ausgenommen werden. Der Rath erklärte sie außerhalb des Schutzes der Stadt und jedermann konnte mit einem in der Stadt betroffenen Juden anfangen was er wollte. Daß der Kaiser sie so „begnadigt und entladen" der Juden, wußten die alten Reichsstädter nicht genug zu schätzen und zu preisen." Und nun setzt der Correspondent hinzu: „So war's zu Reichsstadtzeiten — jetzt ist's freilich anders!" Hörte ich vor Jahren doch schon manchen hochbetagten Greis sprechen, wenn er über diesen oder jenen Fall eine Vergleichung anstellte zwischen Einst und Jetzt. Ich aber dachte bei dem letzten Wahlgetriebe an jene großen Bürgermeister Ulms, die im Rathe der Könige und Kaiser saßen und denen oft in den wichtigsten Fragen auch die andern Reichsstädte Schwabens ihre Vertretung anvertrauten auf den Reichstagen." Der Correspondent hätte hinzufügen sollen: „an jene großen Bürgermeister, welche keinen Juden in der Stadt duldeten, außer wie einen Verbrecher begleitet vom Büttel, gekennzeichnet durch einen besonderen Mantel;" an jene „großen" Bürgermeister, welche zugaben, daß man auf gewisse saubere Empfehlungsbriefe eines Chri-; sten (siehe oben) und auf Denunziationen von Brunnenvergiftung und dergleichen Juden und Jüdinnen lustig verbrennen ließ. Schmach über jene Zeiten, Schmach über Leute, welche heute noch jammern können, daß jene guten alten Zeiten vorüber sind. Wenn aber die Redaktion des ultramontanen „Deutschen Volksblatts" zum Schluß die Worte hinzusetzt: „Und uns fällt der Spruch ein: „Die Ulmer \ Köpfe sind besser zum Rauchen als zum Denken," so mag dieser alte Witz unmittelbar auf jene Auslas-! jungen hin sehr gut angebracht sein, aber er ist! weder christlich noch menschlich. Dabei vergißt er, daß gerade das Rauchen der schlimmsten Art, das der Scheiterhaufen, seiner Zeit zu den barbarischen Ver-! gnügungen gehörte und denen zubestimmt wurde, welche f dachten. Die gegenwärtige Einwohnerschaft Ulms ist : — Gott sei Dank, aus jener alten, im Volksblatt glo- ■ rificirten Art geschlagen. Ihre Christlichkeit ist human i und verdammt jenen Christen aus den guten alten ' Zeiten, der hinterrücks und heimtückisch Briefe schmiedet und in Umlauf bringt, weil er eine Lust hat an; rauchenden Scheiterhaufen. Gerade diejenigen Ulmer Köpfe, die den Rauch vergangener Jahrhunderte nicht mehr zurückwünschen, denken nun protestantisch genug, um gegen den Fanatismus jener „guten alten Zeiten"; zu proteßiren. Die edelste Art der Protestation, die; schönste Tbat der Versöhnung nach all den unseligen j Vorkommnissen der Vergangenheit, hat Ulm gerade dadurch gethan, daß es bei der letzten Wahl von der Consession absah und nur den Menschen ins Auge faßte, ja gerade dadurch, daß es in seiner Mehrheit wählte Dr. Eduard Pfeiffer, den Juden. Aus dem norddeutschen Bunde, im Tamus. (Privatmitth.) Wir haben schon in unserem vorigen Berichte erwähnt, daß der Vorstand der isr. Gemeinde zu Ahrensburg (Holstein) das Vorlesen aus der Thora an Sabbat- und Festtagen inhibirt habe. Der eigentliche Grund dieser Maßregel scheint der Umstand zu! sein, daß der bisherige *oip tya abgegangen und der Vorstand sich nicht nach einem Stellvertreter umgethan hat. Während dessen brachte ein Hamburger Blatt eine Anfrage an den dortigen Vorstand, ob er wohl nicht gewillt sei, die drei m?n osd zu veräußern. Dabei war noch spöttelnd bemerkt, daß man einen angemessenen Preis für dieselben zahlen wolle, worauf es wohl dem Vorstande am meisten ankomme, da anscheinend nur Geld seine Losung sei und, um dieses zu sparen, er wohl keine anderweitigen Vor-D