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Der Israelit · 1868-07-29 · Heft 31 (29.7.1868) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 31 (29.7.1868)
Date
1868-07-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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578 Ich weiß nicht genau, wie viele christliche Secten in der Türkei sind, so viel kann ich jedoch behaupten, daß Alle judenfeindlich gesinnt sind; am meisten ist dies jedoch die griechisch-katholische Genossenschaft. Die Griechen, zum Theil auch Armenier, sind es, welche alljährlich auf verschiedenen Stellen das Osternblutgespenst heraufbeschwören. Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen, da ich drei derartigen Vorgängen bergewohnt habe. Ich war auch dreimal so glücklich, die bösen Anschläge der Hamane zu vereiteln. Es bedarf kemes großen Scharfsinnes, um zu ermitteln, warum die christlichen Bewohner die Juden hassen und verachten. Die Bewohner dieser Länder lernen von Jugend auf, in uns die Kreuziger ihres Erlösers zu hassen. Die Geistlichkeit, im Allgemeinen unwissend, gibt sich alle Mühe, die gehässigen Gefühle gegen die Juden wachzuhalten. Sie werden mich fragen: hat die Civilisation, haben die europäischen Bewohner des Orients auf die Gesinnung der christlichen Bevölkerung noch gar keinen heilsamen Einfluß ausgeübt? Hierauf habe ich zu bemerken, daß erstens der moderne Unterricht hier zu Lande in den Händen der katholischen oder protestantischen Propaganda liegt; erstere bilden Katholiken heran, welche die Abneigung gegen Juden und den rafsinirtesten Judenhaß hegen. Die Letzteren, die bekannte Seelenfischerg-sellschaft, versäumt keine Gelegenheit, die Israeliten fühlen zu lassen, daß sie treulose, ungehorsame Kinder seien, die das Glück nicht zu würdigen wissen, das sie im Schooße des Glaubens der Missionsgesellschaft erwartet. Von beiden Seiten haben wir Schlimmes zu erwarten, da der Religionshaß und Glaubenseifer, von Europäern angefacht und ermuthigt, doppeltes Unheil bringt. Und das sollen die Apostel der Religion sein, welche die in Europa errungene Wissenschaft dazu benützen, um in fernem Morgenlande anstatt den Geist der Jugend zu cultiviren und Toleranz zu predigen, dir Wissenschaft als Mittel gebrauchen, den alten verstockten Haß in ästhetischerer Form wieder zu beleben? Ich kenne eine ganze Generation, die moderne Bildung genossen hat, welche aber weit fanatischer geworden ist, als die ältere, moderner Sprachen unkundige. Diese rohe, unwissende und den mildern Sitten des 19. Jahrhunderts fernstehende Classe ist wenigstens zu entschuldigen, wenn sie den gleichsam angebornen Haß gegen uns noch nährt. Besser haben die Consuln im Sinne der Civilisation gewirkt; oft waren sie es, durch deren Hand der Allmächtige manches unfern Brüdern drohende Unglück von denselben abgewendet hat. Es ist dies auch leicht zu verstehen, da ihre Mission im türkischen Staate im Grunde eine rein philantropische ist. Am tatkräftigsten für den Juden haben vor Allen die englichen Consularbeamten gewirkt; nach ihnen war es Oesterreich, dessen ebenso gelehrte wie edle Vertreter i« der Türkei unsere Glaubensbrüder stets yrit Energie beschützten. Seit der Thronbesteigung Napoleons waltet auch in dm französischen Eonsularkanzleien ein den Juden freundlicher Geist. Ueberall macht sich in neuerer Zeit deren günstiger Einfluß für unsere Brüder geltend. Indeß trotz der eminent civilisatorisch gesinnten ftanzöstschen Regierung sind manche französische Consuln etwas nacklässig, sobald es heißt, die Partei der Juden gegen die sie verfolgenden Christen zu nehmen. Der Grund dieser jetzt immer seltner werdenden Schlaffheit liegt in der eigenthümlichen Politik, welche Frankreich so lange im Oriente betrieb. Wenn wir Preußens aufgeklärte und freisinnige Repräsentanten zuletzt erwähnen, so wollen wir damit eben deren unbestechliche Gerechtigkeit hervorheben. Mit unparteiischem Sinne geben sie ihren Schutz, so oft unsere Brüder in Noth sind. Preußens Consuln wirken um so rascher für die Inden, da sie keinerlei Religionspolitik zu betreiben haben. Wir haben hier von der Wirksamkeit der Consuln für das Allgemeine der Israelcken gesprochen; es versteht sich von selbst, daß die von den Consuln beschützten Israeliten alle Wohlthaten genießen, welche die europäische Justiz ihren Angehörigen gewährt. Leider ist auch das Consularregiment von einem gewissen Mißstande behaftet; nämlich in jedem Consulate befindet sich ein christlicher Dragoman, ein Eingeborner, welcher einen großen Einfluß auf den Gang der Geschäfte üben kann. Ich erinnere nur an den jüngsten Vorfall in Jerusalem, bei dem ein arabischer Katholik, Hiffsdragoman im preußischen Consulate. im Namen der preußischen Regierung die bekannte Ungerechtigkeit ausgeübt hat. Sehen wir jetzt, wie die Türken oder vielmehr Muhamedaner sich unfern Glaubensbrüdern gegenüber benehmen. :r Wenn der Anhänger des Islams fanatisch ist, so erregt dies weniger unsere Verwunderung, denn nur der Fanatismus hat dieser Reljgio.nösecte jene Weltbedeutung verliehen, die sie jetzt allmählich verliert. Der Türke ist nicht den Juden feindlich ob ibres Glaubensbekenntnisses, man kann auch nicht behaupten, daß der Muhamedaner unsere Brüder haßt: der Gläubige bat nur ein zu stolzes Bewußtsein von seiner eigenen Größe und von der Aechtheit seines Glaubens, daß er — dem Geiste .seiner Dogmen gemäß — jeden Nichtmuhamedaner haßt oder wenigstens verachtet. Der Jude ist eher gering geschätzt als gehaßt, während der Christ vom Türken zwar gefürchtet, aber auch gehaßt wird. Lange Zeit verrieth jede Regierungshandlung die deutlichste Geringschätzung gegen die Juden; indeß haben sich die Zeiten geändert und G. s. D. auch in Bezug auf unsere Brüder haben die Türken ihre Gesinnung, wenigstens dem Anscheine nach,

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