Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1868-07-22 · Heft 30 (22.7.1868) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
9 (1868)
Issue
Heft 30 (22.7.1868)
Date
1868-07-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447343-2447372--06334-2461884
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

570 Verlegung. Wir haben nur für uns davon Notiz zu nehmen, daß unsere Gegner zeitliche Fragen höher stAlen, als das Religiöse, daß also das Religiöse ihnen nicht göttlich ist, sondern nur ein irdisches Gut, gleich allen anderen Zeitfragen, und daher der Strömung der Zeit weichen muß. Mit solchen Gegnern können wir, die das Religiöse als das Göttliche bezeichnen, also uns nicht weiter in Streit einlassen. Unsere Aufgabe ist nur, ihr Treiben offen darzulegen, um die Masse vor Verführung zu schützen. Hat nun der Verfasser in dem ersten Moment auf naive Weise seinen Standpunkt uns ehrlich dargelegt, so erheuchelt er in der Angabe des zweiten Momentes ein Falsum, was wir ihm nicht zutrauten. Die Friedensliebe im Allgemeinen war es, wodurch die Gemeinde des Gezänkes überdrüssig war, sagt uns der Verfasser. Wohl ist ein sehr hohes Gut, schon unsere Alten bemerken D^trn bm, denn um den ehelichen Frieden zu erhalten, durfte selbst der Name Gottes bei der ncno ausgelöscht werden; p’THD pN D)P»n »to* wo. Doch ist das höchste Gut nicht, dem wir Alles zu opfern haben, n£Nn ohn Ditom liebet die Wahrheit, liebet den Frieden, ruft uns der Prophet Zacharias zu, dann werden die Fast- und Trauertage in Fest- und Freudentage verwandelt werden. Also die Mehrheit vor dem Frieden n":jp"n bv icntn not. Wahrheit ist das Kennzeichen des Göttlichen, wer also um des Friedens willen einen Streit aufgibt, zeigt schon hiermit, daß der Streit nicht göttlich war, mit Recht nennt daher der Verfasser diesen Streit ein bloßes „Gezänk". — Indessen war es wirklich Friedensliebe, welches dem Streite ein Ende machte, oder war es „Indifferentismus," des neunzehnten Jahrhunderts? Verfasser ist sich wohl dessen bewußt und deßhalb bezeichneten wir diese Angabe alsein Falsum. IndisferentlSmus allein ist es, welcher unsere "Gegner auf religiösem Gebiete characterisirt. Selbst da, wo sie ganz unbehelligt sind von den Alten, und sie ungestört ihren Zweck zu verfolgen vermögen, wie sieht eö da aus! Der Hamburger Tempel, der 400 beitragende Mitglieder zählt, ist die Woche über geschlossen, nns? ro»n an Sabbat- und Festtagen geöffnet, der Chor stimmt den Gesang an, der Gottesdienst und die Predigt sind voraus annoncirt, und die Mitglieder — ja diese sind im Comptoir u. f. w. Thatsacke ist es, daß von den meisten Gründern des Hamburger Tempels kein Nachkomme mehr dem Iudenthume angehört, daß die Tempelmitglieder überhaupt sich nur von den Fremden, die nach Hamburg übersiedeln, completiren, daß endlich auch die nächste Generation dieser aus demselben zurückbleibt. Bei einem solchen Ausgange brauchen wir keiner ferneren eclatanteren Beweise für die unsauberen Motive unserer Gegner. Hingegen, wie sieht's in unserem Lager aus? Bleiben wir hier beispielsweise zum Gegensätze des erwähnten Tempels bei der Hamburger Gemeinde stehen. Wie viele Synagogen gibt es da, rmd trotz derselben kommen noch immer neue hinzu, wo 3 mal täglich gebetet wird! Und wie in Hamburg so auch in anderen Gemeinden, wo die Reformer ihre eigenen Gotteshäuser haben, als Berlin, Breslau, Frankfurt a. M., Mainz u. f. w. Trotz dieser Thatsache hat der Verfasser, gelinde gesagt, noch die Kühnheit die religiöse Bedürfnißlosigkeit seiner Partei der Stabilität des Cultus zuzuschreiben, wodurch die Gegner aus wirklicher Friedensliebe die Waffen niederlegten. Nun, was wirkliche Friedensliebe heißt, das haben wir gesehen; die Kühnheit des Verfassers aber, uns für die Bedürfnißlosigkeit seiner Partei verantwortlich zu machen, befremdet uns nicht. Schon der Götzendiener 2N^N rief dem Gotteseiferer;i'!?N zu, nrwn ton»» -oiy nt. Aus diesem Allen entnehmen wir die Lehre: 'Np N1? tnp» 'Np NDPip E. M. Aeitnugsnachriebten und Correspouderrzen. Deutschland. Stuttgart, vr. Eduard Pfeifer wurde als Abgeordneter' der Stadt Ulm in die zweite Kammer gewählt; er ist der erste Israelit, der in Württemberg in die Kammer kommt. Berlin. Im Jahre 1867 gingen in der Provinz Brandenburg 43 Juden zum Christenthum und 6 Christen zum Judenthum über. (Hamagid.) Breslau. Die Stadtverordnetenversammlung von Breslau hat fast einstimmig beschlossen, den Antrag des Magistrats, welcher dahin geht, das neue Johannes-Gymnasium als evang. Gymnasium zu eröffnen, abzulehnen, indem die Versammlung bei dem Principe beharrt, daß höhere Unterrichtsanstalten confessionslos sein müssen. Lyek. Die zwei Männer, die, wie wir bereits mitgetheilt haben, auf dem hiesigen jüdischen Friedhofe mehrere noso und den Leichenwagen beschädigt haben, sind zu drei Jahren Zuchthaus verurtheilt worden. (Hamagid.) Marggrabowa. Als Beweis, daß man als streng-religiöser Jude dennoch zu einer Beamtenstelle gelangen kann, theile ich Ihnen mit, daß der dahier seit 17 Jahren als practischer Arzt fungirende und dabei streng-religiöse vr. I. A. Berliner aus Königsberg zum Kreisphysikus für den Kreis IohanniSburg ernannt worden ist. Sehr ungern sehen wir diesen edlen Mann, der seit 10 Jahren als erster Vorsteher die Angelegenheiten der israel. Gemeinde auf das Musterhafteste geleitet, ans unserer Mitte scheiden. S. Freyer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.