Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 30 (22.7.1868)
- Date
- 1868-07-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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565 viele Mitglieder des hiesigen Stadtrathes (welchem Collegium der Verstorbene eine Reihe von Jahren an- I gehört hat) an dem Trauerzuge sich betheiligt. Man war allgemein bestrebt, den Todten zu ehren, wie man den Edlen im Leben allgemein geliebt hatte. Sein Heimgang hat in vielen Kreisen, besonders aber in der hiesigen jüdischen Gemeinde, eine große Lücke hinterlassen. Mit allen Fasern seines reinen Herzens in der Gotteslehre Israels wurzelnd, war er bei jedem Anlasse bereit, die heiligen Institutionen derselben zu schützen und zu fördern: als Vorsteher der Gemeinde hatte er hierzu häufig Gelegenheit, und er war den andern Mitgliedern ein lebendiges Vorbild der Opfer- Willigkeit zu religiösen wie zu wohlthätigen und sonstigen gemeinnützigen Zwecken. Seine makellose Rechtschaffenheit, deren Ruf er während einer langjährigen ausgedehnten GeschäftSthätigkeit erworben und bewahrt hatte, seine beispiellose Hingebung an die Interessen des von ihm geleiteten Gemeinwesens, dessen Geschäfte und Lasten fast ausschließlich auf seinen Schultern ruhten, dazu fein liebenswürdig anspruchloses, zartsinnig rückstchtvolles Wesen sicherten ihm einen außerordentlichen Einfluß auf die Gemüther. Er hat diesen v Einfluß alle Zeit redlich dazu benützt, den Frieden seiner Gemeinde aufrecht zu erhalten und die gottesdienstlichen Einrichtungen derselben nach den Vorschriften des Religiongesetzes auszubauen. Seine unermüdliche Thätigkeit war in den letzten Jahren ganz der Gemeinde, der Armenpflege, einer wohlthätigen Bruderschaft, zuletzt auch dem Lehrerbildungs-Vereine gewidmet, seine Zeit zwischen diesen Geschäften und dem Studium des göttlichen Wortes getheilt, dem er I mit Lust und Derständniß oblag. Wer hat nickt den schwachen siebenzigjährigen Greis bewundert, als er vor l4/2 Jahren von Haus zu Haus ging und mehrere Tage lang eine Anzahl von Nachbargemeinden bereiste, um für seinen viele Jahre hindurch gehegten Lieblingsplan, die Gründung eines Seminars zur Ausbildung allseitig tüchtiger und gotteSsürchtiger Lehrer Theilnahme zu erwecken? Noch der letzte Tag vor seiner plötzlichen Erkrankung war von Correspondenzen mit den Eltern der neu angemeldeten Zöglinge dieses Instituts in Anspruch genommen, das er bei der Gründung sogleich mit einem Kapital von Zweitausend Thalern bedacht hat. Einen andern Lieblingswunsch, der hiesigm Gemeinde ein der gesteigerten Mitgliederzahl entsprechendes Gotteshaus bauen und die mit solchem Baue verbundenen Versuchungen und Krisen überwinden zu helfen, hat er leider nicht mehr erfüllen können. Seine Opferwilligkeit für diesen Zweck hat er gleichfalls durch das Anerbieten eines sehr beträchtlichen Kapitals und durch langjährige vorbereitende Thätigkeit bekundet. Das Andenken dieses Gerechten wird dem gegenwärtigen Geschlechte wenigstens heilig bleiben und wird zum Segen gereichen, indem man unter Gottes Beistand den von ihm in der Gemeindeverwaltung bewahrten Geist religiöser Gesinnung mit Pietät erhalten, auch das von ihm gegründete Institut schon als sein Vermächtniß weiter auszubauen und zu stützen geneigt fein wird. Noch fester begründet ist, Gott sei Dank, die Aussicht, daß das „Haus" des Frommen den Wegen inniger, aufrichtiger Gottesfurcht und Tugend treu bleiben werde, in denen er es geleitet hat. Aber wir trauern, wie jener talmudische Weise, um „so große Schönheit, die von der Erde verschlungen," um so große Vortrefflichkeit, die unfern Augen entrückt ist. Der Allgütige tröste die verlassene, ihrer schönsten Zierde beraubte Gemeinde wie die schwer gebeugten nächsten Angehörigen des unvergleichlichen Mannes! Oesterreichischer Kaiserstaat. Wien, 9. Juli. In dem großen Hofe der Stiftskaserne, im siebenten Bezirk Neubau, wurde gestern Nachmittag eine Abtheilung von der ersten Kompagnie des Infanterie-Regiments Baron Reischach in den Schußhandgriffen abgerichtet. Einem Manne von dieser Truppe wurde von seinem Unteroffiziere, der sich etwa fünf Schritte vor ihn hinstellte, commandirt, ihm in's linke Auge zu zielen. Der Schuß versagte. „Nun, so zielen Sie dorthin," cymmandirte der Unteroffizier, den Mann auf ein gegenüberliegendes Haus weisend. Der Mann zielte, der Schuß ging los und die Spitzkugel flog durch ein Fenster des ersten Stockwerkes, bei welchem die Gattin des taubstummen Pfeifenschneiders Hirfchler, eine auffallend schöne junge Frau, Mutter von zwei Kindern, saß, traf die Frau in die rechte Schulter, kam aus der linken Seite wieder zum Vorschein und schlug durch eine geschlossene Thüre in das zweite Zimmer ein, wo ne an der Wand endlich ihre Grenze fand. Die arme Frau stürzte lautlos zu Boden, und war eine Leiche! Die Aufregung, die sich über diese Unvorsichtigkeit, oder wie man diesen unbegreiflichen entsetzlichen Vorfall bezeichnen soll, in der ganzen Nachbarschaft kundgab, ist eine ungeheure. Wie es heißt, will die Bürgerschaft aus der Umgebung der StiftSkaferne einen energischen Protest gegen diese militärische Schießstätte inmitten von Wohnungen einreichen. Um halb 8 Uhr Abends wurde die Leiche zur Obduktion in das allgemeine Krankenhaus überführt, Hunderte umstanden noch spät Nachts das Haus, in welchem das Unglück geschehen. Der Mann des Opfers, wie gesagt, taubstumm, ist der Verzweiflung nahe, er flüchtete rathlos msi seinen zwei kleinen Kindern zu seinem Bruder in die Stadt, und stürzte hier weinend zusammen. §Wien, 10. Juli. Offiziere des Infanterie-Regiments Baron Reischach haben sich noch gestern Abend beim Vater der erschossenen Meerschaumpfeifenschneidersgattin S. Spitzer (Leopoldstadt, Czerningasse Nr. 6) eingefunden und ihr tiefstes Bedauern über das Unt i :1'' f ä 1 i